Sie wurden von der BRD gerufen, man nannte sie "Gastarbeiter": Über seine Erfahrungen als Kind einer kroatischen Fabrikarbeiterin in Frankfurt spricht der Buchautor Alem Grabovac im Interview.

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Audioseite Frankfurter Migrationsgeschichten

Alem Grabovac und das Buchcover: "Das achte Kind"
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Vor 65 Jahren schloss die damalige Bundesrepublik das erste Anwerbeabkommen - bis Mitte der 1970er-Jahre kamen rund 14 Millionen Menschen nach Deutschland. Man nannte sie "Gastarbeiter". Der Buchautor Alem Grabovac ist der Sohn von Smilja, einer Kroatin in Frankfurt, er kommt 1974 in Deutschland zur Welt. Der Vater verschwindet schnell nach der Geburt. Aber eine alleinerziehende Fabrikarbeiterin? Das war für Smilja nicht zu schaffen, ohne Kinderbetreuung. Und so wuchs Alem in einer Pflegefamilie in der Nähe von Stuttgart auf. Häufig besuchte er seine Mutter in Frankfurt.

Im hessenschau.de-Interview spricht Grabovac über unsichtbare Gastarbeiterkinder, die Schönheit Frankfurts und seinen Pflegevater, der noch 40 Jahre nach dem Krieg ein glühender Nazi war.

hessenschau.de: Welche Erinnerungen haben Sie an das Frankfurt der 1970er und 1980er Jahre?

Alem Grabovac: Das war eine sehr dunkle Zeit. Wir haben damals in der Hanauer Landstraße gewohnt. Damals war dort noch nichts modernisiert, sondern alles verfallen und dunkel. Wir lebten in einem Hinterhof. Es haben sehr viele Gastarbeiter dort gelebt. Ich hatte immer das Gefühl in eine sehr harte, sehr raue Stadt zu kommen.

hessenschau.de: Haben Sie Sich irgendwann mit der Stadt versöhnt?

Alem Grabovac: Ja. Inzwischen ist es sogar so, dass ich Frankfurt sehr gerne habe und finde, dass es eine ganz tolle und schöne Stadt ist. Immer wenn ich meine Mutter Smilja besuche, verliebe ich mich wieder neu in Frankfurt. Weil es eben so viele schöne und verwinkelte Ecken hat.

hessenschau.de: Sie lebten bei Ihrer Pflegefamilie im Schwäbischen, besuchten häufig Ihre Mutter in Frankfurt und reisten auch nach Kroatien, die Heimat Ihrer Familie. Gibt es einen Ort, den Sie als Heimat bezeichnen?

Alem Grabovac: Schwer zu sagen. Bezogen auf die Natur ist es die Gegend rund um Stuttgart, die Täler und Berge des Schwabenlandes. Aber auch Frankfurt ist ein Teil meiner Heimat, weil ich es kenne, seit ich denken kann und immer wieder phasenweise dort aufgewachsen bin. Und auch Kroatien ist ein Teil meiner Heimat geworden, durch die Sommerferien, die ich dort verbracht habe. Seit über 20 Jahren lebe ich nun in Berlin und auch das ist mir inzwischen eine Heimat geworden. Ich habe also eine Vierfach-Heimat.

hessenschau.de: Was hätte für Sie als Gastarbeiterkind anders sein sollen in dem Deutschland, in dem Sie aufgewachsen sind?

Alem Grabovac: Die 1980er Jahre waren mit Helmut Kohl sehr konservativ. Wir waren tatsächlich oft nicht willkommen, man sah auf uns herab und wir waren einfach nur Gäste, die irgendwann wieder zurückgehen sollten. Ich hätte mir schon damals gewünscht, dass man mehr für die Integration getan hätte. Dass das Bildungswesen und das Schulsystem die Kinder aus der ersten und zweiten Generation, die hier aufgewachsen sind, viel mehr gefördert hätten. Bis in die 1990er Jahre hat man immer noch das Gefühl gehabt, dass Deutschland ein Land ist, das seine Migranten nicht akzeptiert und integriert. Ich hatte oft das Gefühl, dass ich gar nicht gesehen worden bin.

hessenschau.de: Sie waren in Frankfurt mit einem Iraner befreundet. Gab es in dieser Freundschaft auch kulturelle Gräben?

Alem Grabovac: Da gab es keine Probleme. Gerade, wenn man Ausländer getroffen hat - die haben sich untereinander viel besser verstanden, weil sie die gleichen oder wenigstens ähnliche Migrationserfahrungen gemacht haben. Man hatte schon von Anfang an mehr das Gefühl einer größeren Nähe. Zumindest in Frankfurt war das so.

hessenschau.de: Fühlten Sie ich denn als Ausländer?

Alem Grabovac: Ich bin halt in einer deutschen Familie aufgewachsen, deswegen ist das Deutschsein auch sehr tief in mir verwurzelt. Aber was mich besonders mit den Türken, Jugos oder Griechen verbunden hat, ist, dass man wusste, dass man anders ist. Das wurde einem in der Bundesrepublik auch immer klar gemacht. Das hat dann allerdings zu einer Solidarität untereinander geführt.

hessenschau.de: Hat sich das Problem für die übernächste Generation erledigt? Wie erlebt das etwa Ihr Sohn?

Alem Grabovac: Für meinen Sohn hat sich das erledigt. Aber das liegt auch an mir und seiner Mutter. Aber so richtig erledigt …? Es gibt die AfD, wir sehen die rechten Bewegungen überall in der Welt, also in diesem Sinne kann man nicht von erledigt sprechen. Meine Frau ist Grundschullehrerin in Berlin. Und da ist es immer noch so, dass die Kinder, die aus Migrationsfamilien kommen, einen großen Nachteil haben. Sie werden zu wenig gefördert. Und das deutsche Schulsystem mit seiner Aufteilung in Hauptschule, Realschule und Gymnasium fördert die Integration auch nicht. Viele Familien sind betroffen und viele schlechte Erfahrungen wiederholen sich einfach. Es ist ärgerlich, dass man in Deutschland nichts dagegen unternimmt.

hessenschau.de: In Ihrem Buch "Das achte Kind", das am 25. Januar erscheint, schreiben Sie über Ihren Pflegevater Robert, der immer noch ein eingeschworener Nazi war.

Alem Grabovac: Ich bin mit diesem Vater aufgewachsen. Ich war begeistert, als er mir vom Krieg erzählte. Er war in der Panzerdivision bei der Wehrmacht in Russland. Ich war ein Kind, ich habe ihn als meinen Vater gesehen und dachte: Das ist ein Held!

Erst nach und nach bin ich natürlich dahintergekommen, was das bedeutet. Robert hat die Juden gehasst, für Robert waren die Juden ein degeneriertes Volk, das die Deutschen verraten hat. Hitler war für ihn kein schlechter Führer - ganz im Gegenteil. Und daran hat er bis zuletzt geglaubt.

hessenschau.de: Wie sind Sie damit umgegangen?

Alem Grabovac: Das alles mitzubekommen und auch immer wieder Diskussionen mit Robert zu haben, das war schon schwer zu akzeptieren - auch, dass so ein liebevoller Mensch und Vater wie er einer solchen Ideologie verfallen ist, die sechs Millionen Menschen getötet hat. Diesen Widerspruch auszuhalten, war eben auch ein Teil meiner Kindheit und Jugend. In meiner Generation ging es vielen so.

hessenschau.de: Was wünschen Sie Sich, was Ihre Leser aus Ihrem Buch mitnehmen könnten?

Alem Grabovac: In erster Linie wollte ich eine spannende Geschichte erzählen. Aber ich möchte auch dazu anregen, über die Migrationsgeschichte nachzudenken. Was mussten damals die Jugos, die Türken und auch die Griechen alles durchmachen? Sie kamen aus diesen fremden Ländern, bekamen plötzlich Kinder und wussten nicht, wohin mit ihnen. Sie waren in dieser fremden Sprache und Kultur oft allein gelassen. Es soll ein Bewusstseinsprozess einsetzen, der sagt: Ja, die gehören auch zu uns. Sie sind auch Teil der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Und es geht auch darum, die Geschichte mit Robert, also die deutsche Geschichte mit dem Holocaust, nicht zu vergessen. Dass da etwas war, wofür wir immer noch Verantwortung übernehmen sollten und müssen, als Teil unserer Geschichte.

Das Gespräch führte Dagmar Fulle.

Sendung: hr-iNFO Kultur, 14.01.2021, 21.35 Uhr