Architekt Staab

Jahrelang wurde geplant und gebaut, nun dürfen endlich die Besucher rein: Das neu eröffnete Gebäude des Jüdischen Museums in Frankfurt möchte gleichzeitig sicher und offen sein. Wie das funktioniert, erklärt Architekt Volker Staab im Interview.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Architekt Staab: Offenheit war eine schwierige Aufgabe

Jüdisches Museum
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Es soll für die Bürger ein einladender Ort sein und Jüdisches Leben damals und heute erlebbar machen. Das Jüdische Museum in Frankfurt hat nach jahrelanger Bauphase eröffnet. Zu dem alten Rothschildpalais in der Innenstadt ist ein Neubau hinzugekommen.

Wie diese Gebäude zusammen eine Einheit bilden, dort ein offener und doch geschützter Raum entsteht und welche Aufgabe ein Museumsbau vielleicht gerade nicht erfüllen muss, erklärt der Architekt des Ensembles, Volker Staab, im hessenschau.de-Interview.

hessenschau.de: Wie fühlen Sie sich nach den langen Jahren des Planens und Bauens, jetzt wo endlich eröffnet wird?

Volker Staab: Das ist immer einer der schönsten Momente, weil der Bauprozess ja auch immer mit den ein oder anderen Widrigkeiten verbunden ist. Wenn es dann endlich fertig ist und man die Räume begehen kann, dann stellt sich auch immer erst raus, ob sich das, was man sich am Anfang gedacht hat, schließlich auch Wirklichkeit geworden ist.

hessenschau.de: Die Direktorin des Jüdischen Museums, Mirjam Wenzel, hat zahlreiche Pop-Up-Aktionen in der Stadt gemacht und das Konzept eines "Museums ohne Mauern" entwickelt. Diese Idee sollte auch in dem neuen Gebäudekomplex Gültigkeit haben. Was heißt das für Sie als Architekt?

Volker Staab: Diese gewünschte Offenheit war für uns eine der schwierigsten Aufgaben. Das will natürlich jedes Museum: Ein Gebäude, das sich in den Stadtraum öffnet. Das muss man aber verbinden mit den natürlich leider notwendigen Sicherheitsanforderungen dieses Hauses. Insofern war dieses Thema für uns auch architektonisch eine Frage. Wie machen wir das, möglichst ohne sichtbare Grenzen oder Hindernisse zu bauen und so das Schützende und das Öffnen dieses Hauses zu verbinden.

Wir haben uns für innere Sichtachsen mit großen Fenstern entschieden, die das Innen immer wieder nach außen öffnen – und natürlich auch anders herum. Wir wollten auch die Sicherheitsvorkehrungen so integrieren, dass dieses Haus keine Trutzburg ist, sondern sich soweit wie möglich offen und einladend in den Stadtraum öffnet.

hessenschau.de: War es schwierig, das alte Rothschildpalais mit dem neuen Entwurf für ein zweites Gebäude zusammenzubringen?

Volker Staab: Das war von Anfang an eines unserer Hauptthemen. Wir wollten die beiden alten Palaisbauten möglichst unberührt lassen, weil sie für sich ja schon Ausstellungsstücke sind. Wir mussten aber auch räumlich diese neue Adresse schaffen. Über das Zusammenspiel von dem leicht fünfeckigen Neubaukörper mit dem alten Palais entsteht nun ein kleiner Eingangshof. Und da ist auch die neue Adresse für dieses neue Jüdische Museum entstanden.

hessenschau.de: Viele Jüdische Museen arbeiten mit starken Symbolen in ihrer Architektur, der Liebeskindbau in Berlin etwa mit Zacken, die an einen Judenstern erinnern. Sie haben auf solche Elemente weitestgehend verzichtet. Warum?

Volker Staab: Die Frage ist: Was ist die Aufgabe von Architektur? Inwieweit soll die Architektur Ausstellungsinhalte und Erzählungen des Museums selbst organisieren. Oder soll Architektur nicht vielleicht den Rahmen für die Erzählung auf der inhaltlichen Ebene, also in der Ausstellung liefern? Wir haben uns dafür entschieden, die Erzählung inhaltlicher Art dem Museum selbst zu überlassen. Wir liefern dafür die Plattform.

Es gibt natürlich auch Aussagen, die das Haus treffen. Diese beziehen sich aber eher auf die Besonderheit, dass es ein öffentlicher Ort ist, dass eine Bibliothek und Gastronomie untergebracht werden müssen, dass es ein Zusammenspiel zwischen Alt und Neu gibt. Da entsteht ja sonst auch oft so eine Art Reibung, die man ja auch in Berlin ganz gut beobachten kann, zwischen inhaltlicher Organisation der Ausstellung und diesem speziellen Bauwerk – so schön es auch ist. Unser Verständnis von Architektur sieht an dieser Stelle die Aufgabenverteilung etwas anders.

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Zum Artikel auf hr-inforadio.de Museum ohne Mauern - Das neue Jüdische Museum Frankfurt

Symbolbild Kulturlust
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hessenschau.de: Das stärkste symbolische Element bei ihrem Ensemble-Bau ist im Innenhof eine Skulptur von Ariel Schlesinger, zwei mit den Kronen verbundene Bäume, der eine streckt seine Wurzeln zum Boden, der andere seine in den Himmel. War Ihnen dieses Kunstwerk im Planungsprozess schon bekannt?

Volker Staab: Die Entwicklung der Arbeit von Schlesinger ist erst entstanden, nachdem unser Entwurf schon fertig war. Wir haben schon immer damit geliebäugelt, dass dieser abgesenkte Innenhof ein Ort wäre, der zum Beispiel für so ein Kunstwerk geradezu prädestiniert ist. Insofern sind wir sehr glücklich mit dieser Arbeit. Sie besetzt diesen Eingangsraum auf eine wunderbare Weise. Und da kann man auch sehr gut den Unterschied zwischen Architektur und Kunst erkennen: Kunst erzählt auf einer anderen Ebene etwas über das Thema des Hauses, als es eben die Architektur tun sollte. Es ist hier einfach gut, wenn man die Grenzen seines eigenen Metiers kennt.

Das Gespräch führte Christoph Scheffer.

Sendung: hr-iNFO Kultur, 20.10.2020, 16.10 Uhr