Was ist Familie? Mutter, Vater, Kind(er)? Diversität bei Familien ist für viele Menschen immer noch neu. Über seine Erfahrungen als schwuler Vater zweier Pflegekinder spricht hier der Blogger Kevin Silvergieter.

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Kevin Silvergieter mit seinem mann und den zwei Kindern
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Mutter, Vater, Kind: Wer an das Wort "Familie" denkt, hat oft diese klassische Konstellation im Kopf. Das Bild von beispielsweise Papa, Papi, Kind oder Mama, Mami, Kind, sei für viele Menschen leider noch immer ungewohnt, sagt Kevin Silvergieter aus Rodgau (Offenbach). Er ist Flugbegleiter, Blogger und Schauspieler. Zuletzt hat er in der diversen ARD-Webserie "2-Minuten" mitgespielt.

Auf Instagram und seinem Blog "Papapi" berichtet Silvergieter über seinen Alltag als schwuler Ehemann und Vater zweier Pflegekinder. Im hessenschau.de-Interview erzählt er, wie wichtig es ist, über Diversität in Familien, Toleranz und Sichtbarkeit zu sprechen.

hessenschau.de: Herr Silvergieter, Sie haben einen Mann und zwei Pflegekinder - also eine "ganz normale" Familie, sollte man im 21. Jahrhundert denken. Würden Sie sagen, dass die meisten Menschen das auch so wahrnehmen?

Kevin Silvergieter: Der Begriff "normal" bezieht sich für mich eigentlich darauf, was die tatsächliche Mehrheit der Gesellschaft als "normal" empfindet. Das heißt, eine Regenbogenfamilie - sprich zwei Mütter oder zwei Väter - wird niemals der Mehrheit entsprechen und somit niemals als "normal" wahrgenommen werden.

Statt des Begriffs "normal" benutze ich aber lieber das Wort "selbstverständlich". Aber auch hier muss ich sagen: Nein, wir werden von der in der Bevölkerung noch nicht als selbstverständlich wahrgenommen. Von den Menschen, die uns zum Beispiel auf Instagram folgen, schon eher. Da hat uns beispielsweise eine Frau geschrieben, dass sie uns einfach als Paar wahrnimmt und ganz vergessen hat, dass wir zwei Männer sind. Und genau da möchte ich hinkommen. Aber da sind wir leider noch nicht.

hessenschau.de: Warum hapert es mit der Selbstverständlichkeit?

Kevin Silvergieter: Ich denke, das liegt mit daran, dass es noch zu wenig Sichtbarkeit für das Thema "diverse Familien" gibt. Meiner Meinung nach gibt es noch zu wenige Kinderbücher, Kinderserien oder Kinderfilme, um zu zeigen, was neben der Norm oder Mehrheit auch noch existiert. Generell wird das in der Öffentlichkeit zu wenig dargestellt. Und somit haben die Menschen einfach zu wenige Berührungspunkte damit. Deswegen kann es auch noch nicht selbstverständlich sein.

hessenschau.de: Haben Sie deshalb angefangen, über den Alltag als "Gay-Daddy" zu bloggen? Um mehr Sichtbarkeit zu schaffen?

Kevin Silvergieter: Angefangen habe ich eigentlich, weil ein Arbeitskollege ein "Papa-Blogger" ist. Er lebt aber in einer heterosexuellen Beziehung. Irgendwann habe ich ihm erzählt, dass mein Mann und ich dabei sind, ein Pflegekind zu bekommen. Da fragte er mich, ob ich einen Gastbeitrag zu diesem Thema für seinen Blog schreiben könnte.

Das habe ich gemacht und es hat mir überraschenderweise total viel Spaß gemacht. Und so bin ich dann tatsächlich in der Elternzeit in diese Bloggerwelt reingerutscht und bin dann auch auf Instagram aktiv geworden. Irgendwann dann auch sehr bewusst mit dem Hintergrund, Toleranz zu fördern und Aufklärungsarbeit zu leisten und mehr Sichtbarkeit zu schaffen - im Bereich Regenbogenfamilie und im Bereich Pflegefamilie.

hessenschau.de: Auf Instagram folgen Ihnen mittlerweile rund 95.000 Menschen - und das sind ja nicht nur homosexuelle Follower. Wie gelingt es Ihnen, all diese Menschen anzusprechen?

Kevin Silvergieter: Ich denke, es gelingt uns dadurch, dass wir in kleinen Portionen unser ganz "normales" Leben zeigen. Oder auch, dass ich meine ehrlichen Gedanken teile und zeige, das mein Mann und ich genauso große Herausforderungen als Elternteil haben, wie alle anderen Eltern auch. Egal ob leibliche Eltern, Adoptiveltern, Pflegeeltern, oder alleinstehende Eltern - wir haben die gleichen Sorgen. Und das macht es vielleicht greifbarer und verständlich.

Und wir versuchen unabhängig von unserem Hauptthema "Diversität in Familien" auch andere Themen wie beispielsweise "Fehlbarkeit", "Selbstreflektion" oder "Scheitern" anzusprechen. Also dieses Alltägliche, das viele Eltern im Leben mit Kindern immer wieder berührt. So wollen wir vermitteln, dass wir eben Menschen sind. Also verletzbare Menschen, wie alle anderen auch.

hessenschau.de: Auf Instagram sind Sie der Kritik durch Nutzerkommentare ausgesetzt. Welche Erfahrungen machen Sie?

Kevin Silvergieter: Ich muss wirklich sagen, dass über 90 Prozent der Follower unseren Content sehr gut annehmen. Aber ja, wir haben auch Menschen dabei, die gegen unsere Form der Familie sind. Da gibt es auch manchmal massive Hasskommentare. Uns wurden schon Dinge geschrieben wie: "Nehmt den Pädophilen die Kinder weg". Oder "Gott hat das nicht gewollt. Ihr seid Sünder." Das sind natürlich die Extrembeispiele. Aber die bleiben leider auch hängen.

hessenschau.de: Wurden Ihre Kinder auch schon mal derart angefeindet?

Kevin Silvergieter: Zum Glück nicht! Beim ersten Elternabend unseres Sohnes kamen eine Mutter und ein Vater auf mich zu und sagten: "Unsere Tochter schwärmt den ganzen Tag von zwei Papas. Jetzt hat sie sogar gesagt, zwei Papas wären doch viel cooler als einer." Solche Sachen erleben wir zum Beispiel in der Grundschule.

Oder unser Sohn, der läuft mittlerweile selbst zur Schule. Aber wenn wir ihn dann doch mal abholen, finden die Kinder das ganz großartig, dass ihn zwei Papas abholen. Ich weiß nicht, woran es liegt. Vielleicht, weil es nicht so oft vorkommt. Es sind eher die Erwachsenen, die dann erst mal irritiert sind und sich neu sortieren müssen.

hessenschau.de: Wo gibt es den meisten Aufklärungsbedarf bei dem Thema "diverse Familien"?

Kevin Silvergieter: Ich glaube, am wichtigsten wäre schon mal der Umgang mit dem Thema in der Kita. Unsere Tochter hat vor drei Wochen von der Tageskrippe in die Kita gewechselt, und die Leiterin dort sagte uns beim Abschlussgespräch, wie wertvoll es war, dass wir als Eltern in der Krippe waren. Beziehungsweise, dass unsere Tochter da war. Sie hat anscheinend das Spiel "Papa, Papa, Kind" in die Kita eingeführt. Andere Kinder haben es aufgegriffen. Und das ist natürlich perfekt für die Erzieherinnen, um anzuknüpfen.

hessenschau.de: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Kevin Silvergieter: Ich würde mir wünschen, dass die Kitas, aber auch die Grundschulen ganz aktiv Aufklärungsarbeit leisten, was es für verschiedene Familienmodelle gibt. Ohne dass es irgendwie aufgezwungen wird. Und ohne, dass man das Gefühl hat, dass es ein Riesenthema ist. Das sollte ganz selbstverständlich sein. Und dann natürlich weiter gedacht, in ganz selbstverständlich besetzten Rollen im Fernsehen, in der Literatur, im Theater. Oder in der Werbung. Damit dann eben daraus die nächste tolerante Gesellschaft entstehen kann.

Die Fragen stellte Sophia Luft.

Sendung: hr-iNFO, 23.12.2020, 20.30 Uhr