Porträt, Frau lächelt  in Kamera

Keine Lesungen, keine Recherche-Reisen: Mitten in der Corona-Zeit veröffentlicht Bestsellerautorin Charlotte Link ihr neues Buch "Ohne Schuld". Im Interview spricht die Frankfurterin über Inspiration und Frust in der Krise.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "Ohne Schuld" - Charlotte Link legt neuen Kriminalroman vor

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Charlotte Link ist die erfolgreichste deutsche Autorin der Gegenwart. Nun hat die gebürtige Frankfurterin ihren neuen Kriminalroman vorgelegt - mitten in der Corona-Krise. Warum die engagierte Tierschützerin zwar keine pandemiebedingten finanziellen Sorgen, aber trotzdem schlaflose Nächte hat und ob Corona sie inspiriert, verrät die 57-Jährige im hessenschau.de-Interview.

hessenschau.de: Ihr neues Buch spielt rund um Scarborough an der englischen Nordseeküste. Waren Sie trotz Corona auf Recherchereise?

Charlotte Link: Für die Recherche zu diesem Buch war ich glücklicherweise schon im vergangenen Jahr dort, ohne zu wissen, was dann passieren würde. Eigentlich wäre ich kurz vor Abschluss des Buches noch einmal hingereist, das mache ich immer so, das ging dann leider nicht mehr. Auch schade ist, dass ich nicht zu den Dreharbeiten der Verfilmung meines Vorgängerbuches nach England reisen konnte. Aber ohne zwingenden Grund reist man derzeit eigentlich gar nirgendwo hin.

hessenschau.de: Der Titel des neuen Werks ist "Ohne Schuld". Habe Sie Sich mit der Frage beschäftigt, wie das perfekte Verbrechen aussieht?

Charlotte Link: Nein, das ist nur eine Titelgebung meines Verlages, weil es in meinem Buch tatsächlich um ein Verbrechen geht, das über sehr viele Jahre völlig unentdeckt bleibt. Aber am Schluss kommt es eben doch ans Tageslicht und ist nicht das perfekte Verbrechen.

hessenschau.de: Was war der Impuls für diese Geschichte?

Charlotte Link: Eine Mutter tötet ihr eigenes Kind, ist aber keine Verbrecherin. Sie ist eine Frau, die von Überforderung und Depression in die Enge getrieben ihren Alltag nicht mehr bewältigt. Auslöser war der Gedanke, wie viele Menschen es gibt, die in einer solchen Situation gefangen sind aber über ihre Überforderung nicht sprechen können. Die meisten Täter im Buch sind irgendwie in eine Schuld hineingeraten, sie haben aber keinen vorsätzlichen Plan verfolgt, den sie am Schluss in die Tat umgesetzt haben. Das ist für mich sehr nah am Leben.

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Charlotte Link

Charlotte Link, geboren in Frankfurt, ist die erfolgreichste deutsche Autorin der Gegenwart. Ihre Kriminalromane sind internationale Bestseller, auch "Die Entscheidung" und zuletzt "Die Suche" eroberten auf Anhieb die SPIEGEL-Bestsellerliste. Allein in Deutschland wurden bislang über 30 Millionen Bücher von Charlotte Link verkauft, ihre Romane wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Charlotte Link lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Frankfurt.

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hessenschau.de: Wollen Sie mit ihren Geschichten "nur" unterhalten oder versuchen Sie auch, den Lesern etwas mitzugeben?

Charlotte Link: In erster Linie möchte ich gerne, dass die Leute das Buch in die Hand nehmen und möglichst nicht mehr aufhören, zu lesen. Das hat etwas mit Spannung und Unterhaltung zu tun. Ich versuche aber auch, Menschen zu beschreiben, die alle etwas mit uns allen "hier draußen" zu tun haben. Menschen, die also mit den selben Problemen und Schwierigkeiten, Zweifeln und Alltagssorgen konfrontiert werden, wie wir. Vielleicht kann man so etwas von sich selbst entdecken und für sich selbst herausziehen. Aber eine Botschaft oder eine Lehre möchte ich damit nicht vermitteln.

hessenschau.de: Wie geht es Ihnen mit Corona? Hat sich Ihre schriftstellerische Arbeit sehr verändert?

Charlotte Link: Meine Arbeit hat sich sicher weniger verändert, als bei anderen, aber die Recherche etwa wird natürlich viel schwieriger. Und mir sind zwei große Veranstaltungen auf der Leipziger Buchmesse weggebrochen und eine Lesung nach der anderen wird gecancelled weil die Infektionszahlen zu schlimm sind. Das beeinträchtigt natürlich auch mein Leben sehr. Und hinzukommt, dass ich sehr aktiv im Tierschutz bin und das ist derzeit eine einzige Katastrophe. Wir haben Tiere in Auffangstationen in Südosteuropa, da sind von heute auf morgen die Pfleger aus Angst weggeblieben. Die Tiere sind in ihren Käfigen verhungert und verdurstet. Das sind Dinge, die mich nachts nicht schlafen lassen.

hessenschau.de: Und wie stark spüren Sie diese Krise finanziell? Viele Schriftsteller stehen am Rande ihrer Existenz.

Charlotte Link: Ich habe es wie alle Schriftsteller, die sich schon durchgesetzt haben, leichter als etwa jemand, der jetzt seinen Debutroman ausgerechnet in diesem Jahr veröffentlicht hat. Wie das bis zum Ende des Jahres für mich laufen wird, weiß ich noch nicht, die Buchmesse und die Lesungen fehlen. Aber andererseits ist es jetzt auch eine gute Zeit, um zu lesen. Die Abende werden lang und dunkel und wir können nicht mehr viel machen. Immer nur Netflix nervt auch irgendwann. Also Lesen ist das, was jetzt hilft.

hessenschau.de: Werden Sie Ihre Coronaerfahrungen in einem Buch verarbeiten? Das machen ja viele Autoren.

Charlotte Link: Für mich ist das im Moment noch ziemlich weit weg. Ich finde dieses ganze Corona so alptraumhaft, dass ich glaube ich keine Lust haben werde, darüber zu schreiben. Ich werde wahrscheinlich auch zu denen gehören, die keine Lust haben werden, darüber zu lesen.

hessenschau.de: Was glauben Sie, wie Corona unsere Gesellschaft verändern wird?

Charlotte Link: Ganz ehrlich? Ich glaube, es verändert gar nichts. Es gibt ja viele Leute, die sehen hinter Corona irgendeine Chance, dass alles besser wird. dass wir irgendwie zu unserem Innersten finden und die wahren Werte schätzen lernen und dann anders werden. Ich glaube aber, wir sind genau dieselben hinterher wie vorher.

Das Interview führte Dagmar Fulle.

Sendung: hr-iNFO, 28.10.2020, 20.35 Uhr