Die Frankfurterin Anke Kuhl illustriert Sachbücher.
Die Frankfurterin Anke Kuhl illustriert Sachbücher. Bild © picture-alliance/dpa

Am liebsten zeichnet die Frankfurter Illustratorin Anke Kuhl Fabelwesen. Aber ihr Geld verdient sie vor allem mit Sachbüchern, die sie mit viel Liebe und Humor bebildert. Für "Das Liebesleben der Tiere" ist sie für den Jugendliteraturpreis 2018 nominiert.

hessenschau.de: Frau Kuhl, Ihr für den Jugendliteraturpreis nominiertes Buch "Das Liebesleben der Tiere" informiert so schamfrei wie amüsant über Sex im Tierreich. Liegt das am Gesichtsausdruck der gezeichneten Tiere?

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Anke Kuhl: Die Tiere sind eigentlich relativ naturalistisch gezeichnet – bis auf die Augen. Es ist lustig, dass das so viel ausmacht. Das Buch zu zeichnen war sehr spannend. So eine Vielfalt an Tieren habe ich vorher noch nie gezeichnet.

Ich musste schauen, bei welcher Tierart das mit den Augen funktioniert und wo es schwierig wird. Ich meine, bei einem großen Säugetier ist es relativ einfach, das Auge so zu platzieren, dass es trotzdem nicht befremdlich aussieht. Aber je kleiner die werden, bei einer Spinne zum Beispiel, da kann man die Augen nicht einfach eben mal so ersetzen durch menschlichere oder comic-artigere Augen. Insekten finde ich am schwierigsten.

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Anke Kuhl ist die Initiatorin der Frankfurter "labor" Ateliergemeinschaft, die 1999 gegründet wurde. Mitglieder sind unter anderem: Anke Kuhl, Alexandra Maxeiner, Jörg Mühle, Moni Port, Natascha Vlahovic und Philip Waechter.

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hessenschau.de: Bereits 2014 haben Sie das Buch "Klär mich auf" herausgebracht. Da geht es um Menschen, nicht um Tiere. Jetzt ist Band 2 erschienen. Worin besteht der Unterschied zum ersten Band?

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Anke Kuhl: Wie beim ersten Band hat die Autorin Katharina von der Gathen wieder Fragen von Grundschulkindern gesammelt. Die Kinder konnten anonym ihre Fragen in eine Box einwerfen. Diese hat sie beantwortet und ich habe das illustriert. Die Kinder waren ungefähr gleich alt, es sind Dritt- und Viertklässler. Für uns war es erstaunlich, dass die Fragen weiter gehen als noch vor vier Jahren.

Wir hatten das Gefühl, das waren ältere Kinder, die diese Fragen stellten. Tatsächlich ist es aber wohl so, dass die Kinder medial doch viel mehr mit bestimmten Dingen konfrontiert sind als vor vier Jahren. Deswegen konnten wir das empfohlene Alter nicht gleich ansetzen wie beim ersten Band. Wir haben die Empfehlung von acht auf zehn Jahre hochgesetzt.

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Illustration von Anke Kuhl aus "Klär mich auf", Klett Kinderbuch 2014 Bild © Klett Kinderbuch

Bei "Klär mich auf" geht es um Fragen, die zum Teil wirklich lustig sind. Das sind Originalzettel von Schülern, die gescannt werden. Dann entwickle ich zu jeder Frage ganz viele Ideen und Skizzen und manchmal verwerfe ich sie wieder, weil ich sie dann doch nicht mehr so lustig finde wie am Anfang. Oder ich merke: Das überschreitet eine Grenze, die ich nicht überschreiten will. Es ist schon ein langer Prozess, bis man die Motive hat. Man sammelt, was das in einem auslöst.

hessenschau.de: In Ihrem Buch "Ein ABC der Schadenfreude" gehen Sie bis an die Tabugrenze. Da wird gestorben, da wird jemand vom Blitz getroffen. Das ist ja eigentlich Angst erregend, aber die Kinder scheinen das zu mögen.

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"Alle Kinder gehen zum Friedhof. Außer Hagen – der wird getragen" Illustration von Anke Kuhl aus "Alle Kinder", Klett Kinderbuch 2011 Bild © Klett Kinderbuch

Anke Kuhl: Man unterschätzt immer, dass es auch bei Kindern unterschiedliche Geschmäcker gibt. Es gibt Kinder, die das ganz toll finden und damit Spaß haben, und andere, die es überhaupt nicht lustig finden und Schwierigkeiten damit haben.

hessenschau.de: Und wie kamen Sie auf die Idee?

Anke Kuhl: Die Idee war ganz banal. Mein Sohn war in der Grundschule und brachte Reime, die nun auch im Buch vorkommen, mit nach Hause. Das gibt es ja schon seit vielen Generationen. Ich kannte das nicht, mein Mann, der Autor des Buches, schon. Er hatte die Idee, die Sprüche zu sammeln und aufzuschreiben und eigene dazu zu erfinden. Ich hatte erst Bedenken und wollte nicht die Schadenfreude unter den Kindern ankurbeln. Aber die Schadenfreude liegt nicht bei den Kindern, die auf den Bildern zu sehen sind. Eigentlich ist die Schadenfreude des Lesers gemeint. Und auf dem Titel vorne stehen alle und sind lebendig.

hessenschau.de: Die meisten Ihrer Bücher sind im pädagogischen Bereich verankert. Ist das Ihre Spezialität?

Anke Kuhl: Ich habe nicht geplant, dass das Sachbuch ein festes Standbein wird. Früher habe ich auch mit fiktiven Texten gearbeitet - für Bilderbücher oder Schulbücher, was junge Illustratoren oft machen, um Geld zu verdienen. Ich fand das aber eher langweilig.

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Illustration von Anke Kuhl aus "Alles Familie", Klett Kinderbuch 2010 Bild © Klett Kinderbuch

Ich war selbst überrascht, als ich mit Sachbüchern anfing. Mein erstes war: "Alles Familie". Das muss gar nicht so pädagogisch daherkommen, es geht auch mit viel Humor und Witz. Ich habe gemerkt, dass mir das viel besser liegt, als ich dachte. Beim Zeichnen interessiert mich am meisten die Interaktion zwischen Figuren. Und das kriegt viel Platz in solchen Büchern.

hessenschau.de: Was zeichnen Sie denn am liebsten?

Anke Kuhl: Menschen, Tiere, Figuren. Ich habe eine große Vorliebe für Fabelwesen, Mischwesen oder Fantasiewesen - das kommt in meiner professionellen Arbeit gar nicht so zum Tragen.

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Illustration von Anke Kuhl aus "Lehmriese lebt!", Reprodukt 2015 Bild © Anke Kuhl/Reprodukt

Ich schreibe auch die Texte zum Teil selbst. Das Tolle am Comic-Zeichnen ist: Ich bin wie so eine kleine Regisseurin, die mit einer Filmkamera rumläuft und die Figuren zum Sprechen bringt. Ich finde, das hat etwas sehr Filmisches.

hessenschau.de: Ihren Zeichnungen liegt viel Humor zugrunde. Könnten Sie auch etwas Trauriges zeichnen?

Anke Kuhl: Was Trauriges würde ich mir zutrauen, weil mich auch Zwischenzustände oder Ambivalenzen interessieren. Bei manchen Themen sollte man keine Witze machen. Da komme ich dann an meine Grenzen. Das ist etwas, was ein bisschen außerhalb meiner Bildsprache liegt.

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Mit dieser Zeichnung für einen Artikel über Lebensborn-Kinder in der FAZ vom 13.11.2015 kam Anke Kuhl zunächst an ihre Grenzen. Bild © Anke Kuhl, labor, Frankfurt

Einmal ging es um einen Artikel über Lebensborn-Kinder. Das hat mich so erschüttert und ich hatte das Gefühl, dazu einfach nichts zeichnen zu können. Und dann habe ich es doch gemacht. Nachher ist mir zugetragen worden, dass das Lebensbornkind, um das es ging - heute eine alte Dame - sich sehr mit der Illustration identifizieren konnte. Das hat mich total gefreut.

Das Interview führte Nicole Bothof.