Shakespeares Totenmaske in Darmstadt
Shakespeares Totenmaske, die in Darmstadt aufbewahrt wird. Bild © picture-alliance/dpa

In seinem zehnten Fall stößt Michael Kiblers Team um Kommissar Horndeich auf den Schädel von Dichterfürst Shakespeare - mitten in Darmstadt! Im Interview berichtet der Autor, warum er den Stoff seines neuen Krimis für durchaus plausibel hält.

Videobeitrag

Video

zum Video Michael Kibler liest aus seinem Roman "Treueschwur"

Ende des Videobeitrags

hessenschau.de: Herr Kibler, in Ihrem Krimi spielt die Darmstädter Totenmaske des großen englischen Dramatikers William Shakespeare die entscheidende Rolle. Wieso?

Michael Kibler: Es ist das Schöne am Krimi, dass man Menschen Geschichten unterjubeln kann, die sie sonst nicht lesen würden. Am Anfang war Shakespeares Totenmaske von Darmstadt, auf die ich bei Recherchen für ein Sachbuch mit Spaziergängen durch Darmstadt gestoßen bin.

Jetzt kommt etwas typisch Darmstädterisches: Genauso, wie die berühmte Holbein-Madonna im Schlossmuseum in einem hinteren Raum versteckt war und nicht im Landesmuseum in einem eigenen Raum präsentiert wurde, liegt die Totenmaske unten in der Uni-Bibliothek neben den Garderobenspinden für die Studenten hinter einem Fenster, noch nicht mal hell erleuchtet. Es ist unfassbar, wie die Stadt Darmstadt mit ihren hohen Kulturgütern umgeht.

hessenschau.de: Aber es bleibt ja nicht allein bei der Maske, Sie gehen ja noch einen Schritt weiter.

Kibler: Ich fing an, mich für Shakespeare zu interessieren, und stieß auf diese Räuberpistole, dass der Schädel von Shakespeare nicht mehr in seinem Grab liegt. Dann haben Forscher zum 400. Todestag von Shakespeare Indizien dafür gefunden, dass der Schädel tatsächlich nicht mehr im Grab liegt. Damit war klar, daraus stricke ich einen Krimi. Und mein Motto für meine Krimis ist: Es muss nicht wahrscheinlich, aber möglich sein. Und: Ich wollte schon immer mal eine Leiche im Darmstadtium verstecken.

hessenschau.de: Zu Maske und Schädel kommt ein Plot um drei Menschen, die unselig miteinander verbunden sind.

Kibler: Ich habe Filmwissenschaft studiert im Nebenfach, und da habe ich gelernt, wie man eine Geschichte aufbauen kann. Ich wusste also: Da sind die Shakespeare-Maske und der Schädel, und ich will, dass die Maske echt ist und der Schädel von Shakespeare, aber das ist überhaupt kein Krimiplot.

Also habe ich gemacht, was ich immer tue: Ich stelle mir Fragen und beantworte sie. Warum ist der Schädel der Auslöser? Weil da jemand ist, der die DNA des Schädels festgestellt hat. Warum führt das zum Mord? Und so habe ich immer Fragen, deren Antworten zu weiteren Fragen führen. Irgendwann habe ich eine glaubhafte Geschichte da stehen.

Weitere Informationen

Kiblers zehnter Fall

Bei Renovierungsarbeiten finden Bauarbeiter im Darmstadtium einen menschlichen Schädel. Zufällig tagen ein Stockwerk höher gerade die deutschen Gerichtsmediziner, und so kommt bald heraus, dass die Knochen gute 400 Jahre alt sind. Etwas frischer aber sind die Skelettreste, die wenig später in einem Waldgebiet auftauchen.
Steffen Horndeich und Leah Gabriely von der Mordkommission haben Mühe, die Identität des Toten festzustellen. Doch als diese endlich geklärt ist, stellt sich heraus, dass der Schädel und das Mordopfer etwas miteinander zu tun haben. Aufwendige Ermittlungsarbeiten sind nun gefragt, die in ein Landhaus in Fränkisch-Crumbach, in ein DNA-Labor in der Nähe von Frankfurt und bis nach England führen.

Ende der weiteren Informationen

hessenschau.de: In "Treueschwur" spielen DNA-Analysen eine entscheidende Rolle. Woher haben Sie die Sachkenntnis?

Kibler: Das war für mich die aufwendigste Recherche und der schwierigste Teil, eine mögliche Verbindung eines heutigen Menschen zu Shakespeare aufzubauen. Es hat mich Wochen gekostet, bis ich wusste, ich bekomme das funktionierend hin. Und ich habe vier oder fünf DNA-Experten genervt, bis auch ich endlich kapiert habe, wie das funktioniert.

hessenschau.de: Wie reagieren diese Experten auf Ihre Anfrage?

Cover
Bild © Piper Verlag

Kibler: Dazu eine kleine Anekdote: Als ich "Madonnenkinder" schrieb, hatte ich 30 Jahre "Tatort"-Erfahrung - eine solide Grundausbildung! Ich schreibe also das Buch und merke: Hoppla, hier weiß ich etwas nicht. Per Zufall konnte ich dem Leiter der Mordkommission meine Fragen stellen. Er hat mir über anderthalb Stunden alles beantwortet. Beim Verabschieden habe ich mich überschwänglich bedankt, doch er sagte nur: Ach, wissen Sie, Herr Kibler, endlich mal einer, der fragt, bevor er schreibt.

Sprich: Das ist die Grundhaltung, die mir entgegengebracht wird, das Interesse, dass man wirklich recherchieren und keinen Blödsinn schreiben will. Die meisten Fachleute freuen sich, wenn sie über ihr Thema etwas erzählen können, und da stoße ich inzwischen auf offene Ohren.

hessenschau.de: Glauben Sie, dass die Darmstädter Totenmaske echt ist?

Kibler: Vor 20 Jahren hätte man gesagt: Es gibt so viele Indizien, die dafür sprechen. Heute sagt jeder: Es ist ja nicht über einen DNA-Test abgesichert. Was ja auch stimmt. Es sprechen starke Indizien dafür, der Rest ist Glaubenssache. Ich persönlich halte sie für echt.

hessenschau.de: "Treueschwur" ist Ihr zehnter Krimi - was ist das für ein Gefühl?

Kibler: Wahnsinn, man kann es nicht anders sagen. Ich habe zwar den ersten Krimi so angelegt, dass ich auch noch einen zweiten dranhängen konnte. Aber dass das dann so eine epische Familiensaga über meine Ermittler werden würde, damit habe ich nie gerechnet, und es freut mich unheimlich.

hessenschau.de: Die Verkaufszahlen Ihrer Krimis liegen in einem beachtlichen fünfstelligen Bereich. Können Sie vom Schreiben leben?

Kibler: Nein, das geht immer noch nicht. Aber "Madonnenkinder" hat mir einen schönen Urlaub finanziert. Heute lebe ich ungefähr zur Hälfte vom Bücherschreiben. Ich arbeite auch noch als freiberuflicher Texter. Dazu kommen die Lesungen, die Krimispaziergänge, die ich anbiete, und die Backstage-Wanderungen zu meinen Tatorten. All das zusammen ernährt das Eichhörnchen.

Das Interview führte Nicole Bothof.