Chefket

Ein Jahr nach dem Anschlag von Hanau hat Rapper Chefket einen Benefizsong geschrieben. Warum Alltagsrassismus für alle ein Problem ist und warum er nach dem Start der Spendenaktion einige Nächte keinen Schlaf bekommen hat, erzählt er im Interview.

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Den ersten Charity-Song zum Gedenken an die Opfer des Anschlags von Hanau hat der Rapper Azzi Memo schon kurz nach der Tat veröffentlicht. Er verlor damals einen Angehörigen und einen Freund. Das Thema dürfe nicht in Vergessenheit geraten, mahnt der Berliner Rapper Chefket und hat zum Jahrestag eine Benefiz-Aktion mit dem noch unveröffentlichten Song "Petrichor" gestartet. Nur wer den Spendennachweis schickt, bekommt den Track von Chefket persönlich geschickt.

Welche Kraft Rap haben kann, weiß Şevket Dirican, alias Chefket, schon lange. Seit 20 Jahren drückt der Berliner damit aus, was er denkt und fühlt. In Workshops von Harvard bis nach Friedrichshain bringt er Menschen bei, es ihm gleich zu tun. Sein Ziel: Mit Musik gegen die Spaltung der Gesellschaft kämpfen und an die Opfer rechtsextremer Gewalt erinnern.

hessenschau.de: Warum haben Sie einen Benefizsong geschrieben?

Chefket: Ich wollte dazu beitragen, dass das Thema nicht untergeht. Ich war echt überrascht, wie viele Menschen das nicht mitbekommen haben, was vor einem Jahr in Hanau passiert ist.

hessenschau.de: Was wollen Sie damit erreichen?

Chefket: Ich wollte mit dem Song vermitteln: Wenn wir uns weiterhin spalten, geht das in eine ganze gefährliche Richtung in Zukunft. Wir können Amerika als Zukunftprognose sehen und Fehler vermeiden. Ich versuche deshalb immer auch zur Mehrheitsgesellschaft zu sprechen. Die meisten meiner Hörer sind Weiße.

hessenschau.de: Haben wir ein Rassismusproblem in Deutschland?

Chefket: Uns wurde beigebracht, dass Rassismus immer nur im historischen Kontext gesehen werden soll, nicht in der Gegenwart. Dass es irgendwann mal Sklaverei gab und dass es irgendwann mal Nazis gab, die Menschen getötet haben, dass das alles nun aber vorbei ist. Dass wir jetzt in einem Land leben, das super toll ist, weil wir das Problem gelöst haben. Wir reden über Rassismus so, als würden wir feiern, dass es ihn nicht mehr gibt. Dadurch tänzelt man um das Thema herum und viele schweigen. Das ist schade.

hessenschau.de: Warum sind wir nicht schon weiter?

Chefket: Wir sagen, es gibt Rassisten da draußen, aber das sind Individuen. Und solange du dich von denen fernhältst, ist alles okay. Die Realität ist aber, dass es in vielen Teilen unserer Gesellschaft Rassismus gibt und wir sehen doch: Es ist mehr als nur Fanatismus, es ist mehr als nur Vorurteile, es ist mehr als Menschen, die unfreundlich zueinander sind und sich gegenseitig die Gefühle verletzen.

Aber die strukturellen Barrieren für Menschen, die nicht weiß sind, sind da. Und die verlangen ihnen doppelt so viel ab. In jedem wichtigen Aspekt unseres Lebens wie Bildung, Wohlstand, Wohneigentum, bei jeder Art von Lebensqualität haben wir PoCs größere Challenges und erfahren nicht die Lebensqualität, die Weiße erfahren.

hessenschau.de: Deshalb die Spendenaktion?

Chefket: Ja. Ich hoffe, dass diese Aktion den Angehörigen der Opfer von Hanau das Gefühl gibt, nicht alleine zu sein mit ihrem Schmerz und ihrem Verlust. Ohne sie und die Initiative 19. Februar Hanau wüssten wir nicht, was in der Tatnacht alles schiefgelaufen ist. Deswegen ist es wichtig, diese Leute zu unterstützen.

hessenschau.de: Was müsste passieren, damit es besser wird?

Chefket: Ich hab selbst gar keine Lust mehr auf das Thema Rassismus, aber ich bin davon betroffen. Wenn Leute meinen, es sei super, in die Opferrolle zu schlüpfen, kann ich nur sagen: Das ist kein Privileg. Und diese Gefühlswelt ist keine angenehme. Ich würde mir deshalb auch wünschen, dass viel mehr Weiße aus der Mehrheitsgesellschaft solche Themen ansprechen. Da sagt nämlich niemand‚ wenn es dir hier nicht passt, dann geh doch woanders hin.

hessenschau.de: Was motiviert Sie, trotzdem weiter zu machen?

Chefket: Es ist schön zu sehen, wenn sich durch mein Handeln wirklich was in der Realität verändert. Weil man dann nicht nur irgendwas sagt, sondern wirklich was tun kann. Immer wenn man denkt 'Ich bin auch nur ein Einzelner, was soll ich machen?' muss man sich einfach connecten. Dann kann man was bewegen.

hessenschau.de: Etwas bewegen - geht das mit Rap besonders gut?

Chefket: Natürlich! Rap hat schon immer besonders auf soziale Missstände aufmerksam gemacht. Und solange man nicht zu viele Slang-Wörter benutzt, können auch ältere Menschen verstehen, was du damit ausdrückst. Aber eigentlich eignet sich jede Art von Musik, um auf solche Themen aufmerksam zu machen.

hessenschau.de: Wie ist denn die Resonanz auf den Song?

Chefket: Ich hab den schon sehr, sehr oft verschickt. Ich kam in den ersten Tagen gar nicht mehr zum Schlafen, weil mein Versprechen war, den Song persönlich zu verschicken. Da hab ich mir schon echt ein bisschen Arbeit aufgebrummt. Die Reaktionen auf den Song sind aber sehr positiv und es hat ihn auch noch niemand heimlich veröffentlicht, was ich total cool finde. Und es gab Spenden von einem bis zu 500 Euro. Ich sehe natürlich, dass viele Leute gerne teilen, gerne helfen. Aber das hat mich auf jeden Fall überrascht. Ich mache so eine Aktion schließlich zum allerersten Mal.

Weitere Informationen

Mitmachen?

So funktioniert die Spendenaktion: Fans spenden Geld an die Initiative 19. Februar Hanau, posten dann den Beweis auf Instagram und taggen Chefkets Account. Der Rapper schickt ihnen dann im Gegenzug den Song "Petrichor" zu.

Ende der weiteren Informationen

Das Gespräch führte Jannika Kämmerling.