#abstandhalten Filmstill

Anders als viele seiner Kollegen kommt der Schauspieler Thomas Bartling gut durch die Corona-Krise. Denn er hat noch einen Zweitjob: Er ist Kinderarzt an der Uniklinik Frankfurt. Jetzt hat er einen der ersten "Corona-Filme" gedreht.

"Wenn Sie Künstler drei Monate lang einsperren, dann kommt am Ende eben etwas Kreatives dabei raus", sagt der Frankfurter Schauspieler Thomas Bartling. Zusammen mit dem befreundeten Regisseur Roman Gonther hat er während der strengen Kontaktbeschränkungen um Ostern herum einen charmanten Kurzfilm gedreht, bei dem der Name Programm ist: In "#abstandhalten kommunizieren drei Protagonisten im Corona-Lockdown ausschließlich über Skype - eine bezaubernde Liebesgeschichte inklusive.

Anders als viele seiner Kollegen ist Thomas Bartling (Biografisches in der Infobox) dabei gut durch die Corona-Krise gekommen. Er hat nämlich noch eine zweite Berufung: Er ist Kinderarzt an der Uniklinik Frankfurt. Wie der Dreh zu #abstandhalten war und wie er beide Jobs unter einen Hut bringt, erzählt er im Interview.

hessenschau.de: Herr Bartling, beim Dreh von #abstandhalten gab es keine persönlichen Begegnungen - abgesehen von einem Schauspielerpaar, das sowieso zusammen lebt. Wie war das?

Thomas Bartling: Das war wirklich besonders, auch weil sich das Team erst bei der Premiere in Frankfurt zum ersten Mal live gesehen hat. Die beiden Kollegen aus Stuttgart kannte ich vorher nicht. Sie haben in ihrer Wohnung und ich in meiner in Frankfurt gedreht. Roman Gonther hatte den Kollegen einen Riesenmetallkoffer geschickt, mit Licht und Ton und Kameras.

Dreh Film #abstandhalten

Wir Schauspieler waren unsere eigenen Beleuchter, Tontechniker, machten Maske und Kostüm unter Skype-Anweisungen, was trotzdem immer mal wieder zu Frust geführt hat. Wir haben festgestellt, wie kostbar die verschiedenen Gewerke am Set sind. Wenn man alles selbst machen muss, wird man wahnsinnig. Aber es war spannend, jeder saß woanders, hat auch über Skype Regie-Anweisungen bekommen, es war höchst interessant.

hessenschau.de: Sie haben außerdem das Drehbuch geschrieben. Was hat Sie inspiriert?

Bartling: Ich schreibe immer schon gerne, aber Drehbuch war eigentlich nicht so mein Ding. Am Ende war es schon fast ein Klassiker: Roman Gonther und ich haben in der Zeit viel über Messenger-Dienste gesprochen, uns umgehört, wie es anderen ging. Wir haben laut assoziiert, dann dachte ich: Ich schreibe mal was. Dann bin ich in einen Flowzustand im Garten gekommen, habe Zeit und Raum um mich vergessen und plötzlich war es 2 Uhr nachts.

Die Geschichte von #abstandhalten hat sich einfach aus den Zwängen ergeben: Wie kann man eine Geschichte erzählen, ohne dass sich die Menschen treffen und ohne dass es mit nur zwei Gesichtern auf einem Skype-Bildschirm langweilig wird? Am Ende ist dann eine romantische Dreiecks-Komödie dabei herausgekommen.

hessenschau.de: #abstandhalten hatte kürzlich Premiere in Frankfurt, wie geht es jetzt weiter?

Premiere #abstandhalten

Bartling: Der Film geht auf Festival-Tour, angefangen mit dem Paris Short Film Festival. Leider wird auch das wohl online stattfinden, was für Kurzfilme echt bitter ist. Es gibt nichts Schöneres, als hinten zu sitzen und die Zuschauerreaktionen zu sehen. Das Gefühl kann man nicht simulieren.

hessenschau.de: Konnten Sie den Film auch im Fernsehen unterbringen? Er ist ja quasi der Film der Stunde.

Bartling: Es ist so, dass Corona auf der einen Seite ein Segen für den Film ist, weil er unter den speziellen Bedingungen gedreht ist, in der Zeit spielt und das auch thematisiert. Vor dem Hintergrund waren wir eigentlich sicher, dass uns der Film aus der Hand gerissen wird. Die Sender gieren nach Content, es wurde kaum etwas neu produziert, die Zuschauer wollten nicht denselben Tatort zum vierten Mal sehen. Tatsächlich gibt es für das Format - 30 Minuten Kurzfilm mit fiktionalem Content - einfach keinen Sendeplatz in der deutschen Fernsehlandschaft. Deswegen hagelte es Absagen, was einen Verkauf angeht. Ich habe die Hoffnung aber noch nicht aufgegeben, weil es einfach ein Zeitdokument und eine Positivgeschichte zu harten Zeiten ist.

hessenschau.de: Das heißt, bislang haben Sie draufgelegt?

Bartling: Ja, ich bin da im Moment auch noch sehr sentimental, denn wir haben das gestemmt, der Regisseur und ich, wir haben es selbst finanziert und auf Rückstellung gearbeitet. Das heißt, es gab symbolische Gagen für alle. Es wäre ein tolles Signal auch an die Branche, wenn wir es schaffen würden, mit diesem Film letztendlich sieben Menschen Geld zu verschaffen, das sie durch die Corona-Zeit bringt.

hessenschau.de: Dabei können Sie zumindest etwas entspannter sein, denn Sie haben als Kinderarzt einen ziemlich sicheren Zweitberuf.

Bartling: Ja, das ist momentan blankes Glück. Ich habe damals nach dem Zivildienst, als ich Medizin studiert habe, nicht über die Systemrelevanz des Arztberufes nachgedacht. Aber jetzt bin ich natürlich total froh, dass ich weiterarbeiten kann und eben nicht wirtschaftlich oder sogar existenziell bedroht bin.

Ich habe Kollegen gesehen, die finanziell binnen dieser zwei, drei Monate komplett an die Wand gefahren sind. Das ist bitter und das war für mich auch der Grund, warum ich als junger Mensch nie voll auf die Karte der "brotlosen Kunst" gesetzt habe. Das hat mich immer zu nervös gemacht. Wenn ich zum Casting gehen würde und wüsste, ich brauche den Job für die nächste Miete, dann wäre meine Performance so schlecht, dass ich mich selber nicht nehmen würde.

hessenschau.de: Welcher von beiden Berufen ist eigentlich inzwischen der Nebenjob?

Bartling: Vom Herzen her kann ich das gar nicht beantworten. Da ist es sicher ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Genau beantworten kann die Frage aber meine Steuerberaterin: Der Job, mit dem ich mehr Geld einspiele, ist demnach mein Hauptberuf (lacht). Und das ist - noch knapp - der Arztberuf.

hessenschau.de: Sie unterstützen auch Nachwuchsprojekte - gerade haben Sie eine Hauptrolle in dem studentischen Fantasy-Kurzfilm "Habichtauge" übernommen, ohne Bezahlung. Ist es so etwas wie Ehrensache für Studentenprojekte zu arbeiten?

Bartling: Ein Aspekt ist sicher auch, dass es Ehrensache ist. Es ist aber auch nicht ganz uneigennützig, weil das im Idealfall die Filmemacher der Zukunft sind. So sein Netzwerk aufzubauen ist natürlich nicht unklug - wenn man wie ich davon ausgeht, dass man 100 Jahre alt wird und auch noch so lange arbeitet (lacht). Dann ist es aber auch Arbeit oder Training unter realen Bedingungen. Und letztendlich ist es bei den meisten, die das machen, auch die blanke Spielfreude. Bei "Habichtauge" bin ich in prominenter Gesellschaft von Tatort-Darsteller Joe Bausch und Ostwind-Darstellerin Hanna Binke. Wie sie drehe ich lieber, als dass ich frei habe.

Dreh von "Habichtauge"

Mein Job als Schauspieler ist ohnehin eine Mischkalkulation. Die schönsten Sachen macht man oft für wenig oder kein Geld. Und dann gibt es allerhand Anspruchsloses, wo man gar nicht weiß, wofür man so viel Geld bekommt - bei Werbung zum Beispiel. Da muss man mitunter nur geradeaus gehen und ab und zu lächeln.

hessenschau.de: Wie ist es, jetzt unter Corona-Bedingungen wieder zusammen mit anderen Menschen zu drehen?

Bartling: Das ist großartig. Bei mir ging es im Juli unter etwas veränderten Bedingungen wieder los. Da war es hier in der Umgebung "Ein Fall für Zwei", wo man sich in einem "Corona-Mobil" praktisch minütlich die Hände waschen konnte. Also, man spürte sofort, dass es anders war.

Und jetzt bei "Habichtauge" war es genauso. Es waren etwa 25 Personen vor Ort, wir haben nachts und draußen gedreht, was die Einhaltung der Regeln einfacher machte. Da man es aus dem Alltag kennt, ist es aber gar nicht mehr so komisch, sich mit Masken zu begegnen.

hessenschau.de: Ihre beiden Berufe haben den Ruf, ziemlich anstrengend zu sein. Wie schaffen Sie es, beides unter einen Hut zu bringen?

Bartling: Beim Dreh zu "Habichtauge" hat es sogar geholfen, dass ich gewohnt bin, nachts zu arbeiten und tagsüber zu schlafen. Allgemein ist es aber nicht ganz so einfach, die beiden Berufe zu vereinbaren. Ich bin über die Jahre in einer Nische gelandet, die mir das möglich macht. Auf der Neugeborenen-Intensivstation gibt es Schichtdienste und damit habe ich sieben Tauschpartner. Das heißt, wenn mich jemand anruft und sagt: Ich brauche dich nächste Woche für zwei Drehtage, dann habe ich sieben Kollegen, mit denen ich über einen Diensttausch verhandeln kann. Das ist für mich nur in diesem Setting möglich. Wenn ich eine Praxis hätte und ein Schild raushängen würde: Ich bin drei Tage oder wie zuletzt zwei Wochen weg, dann würden mir die Eltern mit Recht einen Vogel zeigen.

hessenschau.de: Und wie ist es, als echter Arzt einen fiktiven Arzt zu spielen?

Bartling: Für die Texte und mögliche Fachbegriffe ist es sehr hilfreich, als Arzt einen Arzt zu spielen. Mehr Vorteile sehe ich aber nicht. Spannender sind Rollen, die ein wenig weiter von meiner echten Person entfernt sind, denn dann kann ich mehr arbeiten, entwickeln und ausprobieren. Fachlich hilft es auch kaum, denn beim Fernsehen gilt "Drama vor Logik". Kaum ein Mensch benötigt zum Beispiel bei einer Wiederbelebung elektrischen Strom im Sinne eines Defibrillators. Trotzdem gehören im Fernsehen die metallenen Padel, das Piepsen beim Aufladen und der Satz "alle vom Bett weg" zurecht zu jeder Reanimations-Szene. Weil es einfach geil aussieht.

Weitere Informationen

Thomas Bartling wurde 1969 in Duisburg geboren. Er studierte Medizin an der Uni Gießen. 1998 begann er, zunächst als "Arzt im Praktikum", dann als Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin mit Schwerpunkt Neonatologie am Universitätsklinikum Frankfurt zu arbeiten. Dort behandelt er unter anderem Frühgeburten auf der Neugeborenenstation.

Die Schauspielerei war zunächst ein Hobby, ab 2003 stand er zunächst auf Theaterbühnen und ließ sich dann zum Sprecher und Profischauspieler ausbilden. Seit 2010 ist er regelmäßig in Film und Fernsehen zu sehen, zum Beispiel in der RTL-Serie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" und in der ARD-Abendserie "In aller Freundschaft". Nebenrollen hatte er unter anderem im Tatort.

Ende der weiteren Informationen

Das Gespräch führte Sonja Fouraté.