Totenmaske aus Porzellan

10.000 Opfer durch Selbsttötung jährlich: Eine deutschlandweit einmalige Ausstellung "Suizid - Let's talk about it" im Museum für Sepulkralkultur in Kassel will das bleierne Schweigen rund um das Thema überwinden. Doch wie kann das bei einer solch sensiblen Angelegenheit funktionieren?

Videobeitrag

Video

zum Video Ausstellung über Suizid

hessenschau vom 10.09.2021
Ende des Videobeitrags

Etwa 10.000 Menschen sterben jedes Jahr in Deutschland durch die eigene Hand. Über die schwere Not, in der sich diese Menschen befinden und über den Schmerz der Angehörigen wird viel zu wenig gesprochen, sagt Dirk Pörschmann, Leiter des Museums für Sepulkralkultur in Kassel.

Mit der neuen Ausstellung "Suizid - Let's talk about it" möchte sein Haus das Thema in die Öffentlichkeit rücken, um es zu enttabuisieren. Warum dabei die Angehörigen im Mittelpunkt stehen, erklärt Pörschmann im hessenschau.de-Interview.

hessenschau.de: Medien wie hessenschau.de sind angehalten, bei Suizid nicht oder nur sehr zurückhaltend zu berichten, unter anderem um Folgesuizide zu vermeiden. Wie kam es, dass das Museum für Sepulkralkultur dem Thema nun eine ganze Ausstellung widmet?

Bild der Ausstellung "Suizid"

Dirk Pörschmann: Der große Unterschied ist: Wir stellen keinen kulturhistorischen Abriss des Suizids dar oder die zehn bekanntesten Suizide der Weltgeschichte. Es gibt auch keine Mittel zum Suizid zu sehen - wie das bei einer klassisch musealen Arbeit eigentlich der Fall wäre.

Bei uns geht es darum, dass man als Besucher die Möglichkeit hat, sich in die Gefühlswelten eines Menschen hineinzuversetzen, der mit dem Leben hadert oder in die eines Angehörigen, der jemanden verloren hat. Wir versuchen vor allem, die Angehörigenperspektive einzunehmen, so dass eine Identifikation, was man landläufig als Werther-Effekt bezeichnet, nicht eintritt.

hessenschau.de: Es kann also niemand getriggert werden, der vielleicht Suizidgedanken hat und die Ausstellung besucht.

Pörschmann: Bei uns ist nichts, was triggern könnte. Darauf haben wir sehr geachtet. Klar, das Thema ist Suizid. Aber bei der Auswahl der Kunstwerke waren wir vorsichtig. Die Kunstgeschichte ist ja voll von Darstellungen, wie sich Menschen erschießen oder erhängen. All das haben wir nicht in der Ausstellung – mit drei Ausnahmen.

Das sind barocke Gemälde, die mythologisch auf das Thema eingehen. Der Suizid der Kleopatra zum Beispiel. Das haben wir aber nicht genommen, um die Schlange auf ihrer Schulter zu zeigen, die sie gleich beißt. Sondern um zu zeigen, dass wir alle ein kollektives Bildgedächtnis zu dem Thema haben. Unsere Museen sind voll von solchen Bildern. Wir alle tragen sie im kollektiven Gedächtnis mit uns herum.

hessenschau.de: Sie sagen, Sie nehmen die Angehörigenperspektive ein, wie machen Sie das?

Pörschmann: Direkt im ersten Raum geht es darum, was Sprechen oder Nicht-Sprechen über Suizid ausmacht. Es geht darum, dass es ein tabuisiertes, ein stigmatisiertes Thema ist. Wir versuchen darzustellen, was das für die Angehörigen bedeutet.

Angehörige, die das erleben mussten, werden im Prinzip ja doppelt bestraft. Erst verlieren sie einen Menschen durch Suizid und dann können sie nicht in derselben Weise darüber sprechen, wie wenn derjenige von einem Auto überfahren worden wäre. Damit tun wir als Gesellschaft den Angehörigen auch etwas an. Sie haben keinen Rahmen, um zu trauern und das Thema zu verarbeiten. So haben wir oft bei Angehörigen Trauerstörungen, einige von ihnen werden sogar selbst suizidal.

hessenschau.de: Warum ist Suizid ein solches Tabu?

Dirk Pörschmann

Pörschmann: Es ist ja grundsätzlich so, dass wir alle in Beziehungen leben. Dann gibt es Menschen, die entscheiden, sich das Leben zu nehmen und sich damit eben auch Beziehungen zu entziehen. Das ist für alle Beteiligten ein extrem schmerzhafter Prozess.

Nicht mehr zu wissen wie man leben soll, das kann zum Sterben führen. Die meisten Suizidenten wollen nicht sterben - so absurd sich das anhört - sondern: Sie wollen so nicht mehr weiterleben. Für sie gibt es keine Alternative, als den Tod zu wählen.

All das sind keine einfachen Themen - unser Leben, unsere Sterblichkeit. Es geht um Verlust, um Trauer, um Wut, es geht um große Schmerzen. Da ist die erste Reaktion vieler Menschen: Ach, damit möchte ich nichts zu tun haben.

hessenschau.de: Zudem ist das Thema historisch belastet.

Videostill "Oleg"

Pörschmann: Ja, da wirkt unser kollektives Gedächtnis, von dem ich eben sprach. Suizid war früher strafbar, Leichen wurden im Mittelalter nochmal getötet, Familien wurden enteignet, die Toten wurden nicht kirchlich beigesetzt und so weiter. Das steckt in unserer gesellschaftlichen Entwicklung noch drin - deswegen ist es immer noch ein Thema, über das man nicht spricht. Eine Ausnahme ist der assistierte Suizid etwa bei Krankheit oder großen Schmerzen, der erscheint uns inzwischen gesellschaftsfähig.

Die Mutter von drei Kindern, die darüber nachdenkt, sich das Leben zu nehmen, wird keinen Ort haben, um darüber zu sprechen und vielleicht die Möglichkeit zu bekommen, das abzuwenden. Hier wirken Tabu und Stigma besonders stark.

hessenschau.de: An wen richtet sich die Ausstellung? Vor allem an Angehörige?

Pörschmann: Die Ausstellung richtet sich an alle. Man wird empfangen mit einem großen Banner, auf dem wir Vorurteile versammelt haben – etwa, dass der Suizid weiblich ist. Dann geht es weiter mit Fakten - zum Beispiel, dass sich viel mehr Männer als Frauen das Leben nehmen.

Die Perspektive der Angehörigen versuchen wir so stark einzunehmen, um zu zeigen, wie allein viele von ihnen damit sind. Das ist nicht fair, denn wenn sich etwa ein Familienvater das Leben nimmt, dann müssen wir uns um die Kinder und seine Partnerin kümmern. Wir können nicht davon ausgehen, dass sie das wie eine ganz "normale" Trauer verarbeiten.

hessenschau.de: Die Gesellschaft muss also früher aktiv werden.

Pörschmann: Diese Menschen brauchen Unterstützung und Beratung, bevor sie selbst krank werden - eben, weil es nicht üblich ist, dass man mit Freunden oder Bekannten darüber sprechen kann. Und: Wenn generell offener über das Thema gesprochen wird, kann das wiederum suizidalen Menschen in Lebenskrisen helfen.

hessenschau.de: Geben Sie in der Ausstellung auch konkrete Tipps? Etwa, welche Zeichen es bei Suizidgefährdeten gibt?

Bronzeskulptur in der Ausstellung "Suizid"

Pörschmann: Nein, das können wir nicht leisten. Es gibt nicht die zehn Punkte, an denen man erkennen kann, dass jemand gefährdet ist, sich das Leben zu nehmen. Man muss sensibel sein, wobei man das bei allen Formen psychischer und körperlicher Erkrankungen sein sollte.

Wenn wir es schaffen würden, dass das Thema so geöffnet wäre, dass sich Menschen trauen zu sagen: Ich habe auch einmal darüber nachgedacht, mir das Leben zu nehmen - und das in einer Runde von Freunden und Bekannten, wenn da endlich einmal ein Austausch entsteht, dann kann so ein Stigma gebrochen werden. Dann wird die Kommunikation darüber einfacher. Das ist die Aufgabe unseres Museums, stigmatisierte Themen aufzugreifen.

Wobei wir in Zusammenarbeit mit der Universität Kassel an drei Tagen der Woche eine Erstberatung anbieten. Dafür werden Studierende der Sozialen Arbeit im Museum sein.

hessenschau.de: Um den Bogen zum Anfang zu schlagen: Was kann die Rolle der Medien bei der Enttabuisierung des Suizids sein?

Pörschmann: Der Pressekodex ist klar und sinnvoll, auch er ist Thema der Ausstellung. Sensationalisieren, wie es etwa noch in den 1960er-Jahren passiert ist, sollte ausgeschlossen sein. Ich glaube, dass wir in der Öffentlichkeit zum Beispiel in Reportagen oder Features immer wieder ansprechen müssen, dass es im Jahr mehr Tote durch Suizid gibt als durch Verkehrsunfälle, Drogendelikte und Kapitalverbrechen zusammen. Dass es außerdem eine große Dunkelziffer gibt.

Das sind viele viele Menschen. Sie und vor allem ihre Angehörigen dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren.

Weitere Informationen

Begleitprogramm

Für die Dauer der Ausstellung vom 10. September 2021 bis zum 27. Februar 2022 hat das Museum ein umfangreiches Begleitprogramm konzipiert, unter anderem findet ein Mal pro Woche eine Gesprächsreihe statt, bei der philosophische, juristische, interkulturelle und -religiöse sowie humanwissenschaftliche Fragen zum Suizid diskutiert werden. Am 28. Januar 2022 kommen internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu einem Symposium im Gießhaus der Universität Kassel zusammen.

Konzipiert wurde die Ausstellung seit 2019 in Zusammenarbeit mit einem wissenschaftlichen Beirat, beteiligt sind Einrichtungen aus Deutschland, Österreich und Neuseeland. Wissenschaftlicher Leiter des Projekts ist der Suizidologe und Leiter des Nationalen Suizidpräventionsprogramms (NaSPro), Reinhard Lindner vom Institut für Sozialwesen der Universität Kassel.

Ende der weiteren Informationen
Weitere Informationen

Hilfsangebote zur Suizidprävention

Suizidgedanken sind häufig eine Folge psychischer Erkrankungen. Letztere können mit professioneller Hilfe gelindert und auch geheilt werden. Hier finden Sie Hilfsangebote für Betroffene und Angehörige.

Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenfrei und anonym erreichbar unter der bundeseinheitlichen Telefonnummer: 0800 - 111 0 111 oder 0800 - 111 0 222.

Um die Anonymität der Anrufer zu wahren, ist die Übermittlung der Rufnummer gesperrt und wird somit in keinem Display der Telefonseelsorge angezeigt. Anrufe bei der Telefonseelsorge werden auch im Einzelverbindungsnachweis nicht aufgeführt.

Auch im Internet kann die Telefonseelsorge kontaktiert werden unter: telefonseelsorge.de

Weitere Informationen zu Hilfsangeboten - beispielsweise Selbsthilfegruppen - finden sich auf der Webseite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention: suizidprophylaxe.de

Ende der weiteren Informationen
Weitere Informationen Ende der weiteren Informationen
Weitere Informationen Ende der weiteren Informationen