Michelle Elie im MAK

Die Mode-Ikone Michelle Elie präsentiert im Frankfurter Museum Angewandte Kunst die Sammlung ihrer Kleider. Wie sie als Schwarze Frau über Mode zu einem neuen Körperbewusstsein kam, erzählt Kuratorin Mahret Kupka im Interview.

Nach "Jil Sander. Präsens" und "Contemporary Muslim Fashions" ist im Frankfurter Museum Angewandte Kunst (MAK) wieder eine spektakuläre Mode-Ausstellung zu sehen. Spektakulär, denn die rund 50 gezeigten Ensembles sind große Kunst, die fast an Skulpturen erinnert. Entworfen hat sie die japanische Designerin Rei Kawakubo, gesammelt und neu zusammengestellt hat sie die Stylistin Michelle Elie (mehr in der Infobox).

Und Elie, gebürtige Haitianerin, trägt die kostbaren Stücke tatsächlich auch im echten Leben. "Life doesn't frighten me. Michelle Elie wears Comme des Garçons", heißt die Schau denn auch, die bis zum 1. November im MAK zu sehen ist. Eine Ausstellung mit mehreren Botschaften, wie Kuratorin Mahret Kupka im Interview erzählt.

hessenschau.de: Frau Kupka, in der Ausstellung sind neben Ensembles von "Comme des Garçons" auch Filme mit Michelle Elie zu sehen. Sie besucht darin die Pariser Fashion Week. Sie ist die einzige Person, die die Stücke trägt und eine der wenigen Schwarzen Personen am Laufsteg. Was ist vor dem Hintergrund die Botschaft der Ausstellung?

Mahret Kupka: Es gibt unterschiedliche Botschaften, die wir auch mit der Ausstellung transportieren wollen. Die Ausstellung funktioniert ja auf unterschiedlichen Ebenen. Da ist die offensichtliche Ebene der Kleidung, der Stofflichkeit. Dann sind es Kleidungsstücke der Designerin Rei Kawakubo, die 1981 als "Enfant terrible" in Paris auftauchte. Mit ihren teilweise sehr dekonstruierenden, fast verstörenden Entwürfen grätschte sie in ein sehr cleanes, schickes Modeideal rein.

Michelle Elie im MAK

hessenschau.de: Das hat Michelle Elie, die ihren ersten Entwurf 1995 kaufte, wohl tief beeindruckt.

Kupka: Das ist die nächste Ebene. Michelle Elie hat sich Kawabukos Mode auch aus ihrer persönlichen Geschichte heraus angeeignet. Sie hat in den 1990ern in den USA als Model gearbeitet und war damit nicht so ganz erfolgreich. Das lag hauptsächlich daran, dass sie mit ihren Körperproportionen nicht dem vorherrschenden Modeltypus der 1990er Jahre entsprach. Durch "Comme des Garçons" hat sie damit ihren Frieden gemacht und zu einer neuen Selbstsicherheit in ihrem Körper gefunden, weil Kawakubo damit einfach kompromisslos umgeht.

Michelle Elie im MAK

Und so sammelt sie seit den 1990er Jahren "Comme des Garçons" und trägt die Stücke nicht nur im Pariser Modekontext sondern mehr oder weniger auch im Alltag. Vielleicht nicht die ganz extremen Stücke, weil die ja auch etwas unpraktisch sind, wie man in den Filmen sieht. Wie sie die extremeren Stücke trägt, wie die Menschen auf der Straße reagieren, was das mit ihr macht, das hat schon fast etwas Performatives.

hessenschau.de: Und das auch, weil sie eine der wenigen Schwarzen Frauen ist, die die Stücke trägt.

Kupka: Es ist in der Ausstellung natürlich sichtbar, dass sie eine der wenigen Schwarzen Personen ist, die am Laufsteg sitzt. Das ist weiterhin ein großes Thema: Repräsentation. Wer ist sichtbar, wer wird gezeigt? Es spiegelt sich grundsätzlich im Modesystem, im Kunstsystem wider, dass schwarze Körper in Museen kaum in aktiven Rollen vorkommen, sondern als namenlose Modelle oder Staffage. Sie sind auch wenig als Künstler, Künstlerinnen oder als Macher und Macherinnen zu finden. Das ist etwas, was wir in der Ausstellung auch zu zeigen versuchen.

Michelle Elie im MAK

Deswegen haben wir uns bewusst dafür entschieden, schwarze Mannequins zu nehmen, die nach Michelle Elies Abbild gestaltet sind. Besucher und Besucherinnen begegnen also knapp 50 Michelle Elies, die durch großformatige Videos und Ton zu einem handelnden Subjekt im Museum werden. Es war ihr sehr wichtig, dass sie in der Ausstellung als Schwarze Frau mit ihrer Geschichte repräsentiert ist.

hessenschau.de: Stichwort Repräsentation: Wie sieht es für Schwarze Menschen damit generell im Kunstbereich aus?

Kupka: Es tut sich etwas. Es gibt immer öfter einzelne Schwarze und People of Colour (PoC) in Kulturinstitutionen. Es ist schade, dass sie sich bislang zu wenig vernetzen. Das wird sich aber künftig ändern, glaube ich. Es läuft recht langsam und schleppend, aber ich habe das Gefühl, dass es in die richtige Richtung geht, dass sich der Kunst- und Kulturbereich für andere Perspektiven öffnet.

hessenschau.de: Hat diese Ausstellung und vergangene Ausstellungen wie "Contemporary Muslim Fashions" auch zum Ziel, mehr People of Colour ins Museum holen?

Michelle Elie im MAK

Kupka: Meiner Erfahrung nach steckt da eine sehr gezielte Arbeit dahinter. Ich muss mich zunächst als Institution fragen: Warum kommen die Leute nicht, was fehlt ihnen, fühlen die sich hier nicht willkommen oder ähnliches? Für die Ausstellung "Contemporary Muslim Fashions" haben wir uns tatsächlich ganz stark mit diesen Fragen beschäftigt. Das hat auch etwas mit dem Museum als Institution gemacht.

Wir haben uns gefragt, wen wir bislang eigentlich ansprechen und mit welchen neuen Menschen oder Institutionen wir uns vernetzen müssen: Kann man mit ihnen Kooperationen oder Programme erarbeiten, um mehr Menschen für das Museum zu interessieren und mittel- und langfristig an das Haus zu binden? Wo muss man werben? Welches Rahmenprogramm braucht es?

hessenschau.de: Wie sieht es damit in anderen Museen aus?

Kupka: Auch da tut sich etwas: In der Kulturstiftung des Bundes gibt es das 360-Grad-Programm, für das sich Kulturinstitutionen bewerben können. Es teilfinanziert eine Stelle, die sich direkt mit dem Thema Diversität beschäftigt. Das Historische Museum Frankfurt zum Beispiel hat zwei solche Positionen, die schon sehr viel Arbeit leisten. Ich selbst bin in der "Initiative Schwarze Menschen in Deutschland" engagiert, auf die das Museum zukam und sagte: Wir haben uns mit Frankfurter Stadtgeschichte beschäftigt und große Lücken gefunden - können wir gemeinsam etwas dazu erarbeiten? Das sind erste wichtige Schritte in die richtige Richtung.

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Biografisches

Mahret Kupka kuratiert seit 2013 Ausstellungen über zeitgenössische Moden und Stilphänomene am Museum Angewandte Kunst in Frankfurt. Zuvor studierte sie Volkswirtschaftslehre in Heidelberg, sowie Kunstwissenschaft/Medientheorie, Philosophie und Ausstellungsdesign an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, wo sie 2015 zum Thema "Modeblogs und der Mythos der Revolutionierung der Mode" promovierte.

Michelle Elie wurde in Haiti geboren und wuchs in New York auf. Sie arbeitete zehn Jahre als Model, bevor sie 2000 nach Deutschland zog. Elie arbeitet heute als Stylistin für verschiedene Magazine und entwirft Schmuck unter eigenem Namen. Sie gilt als eine der bekanntesten Sammlerinnen der Mode von "Comme Des Garçons". Mit ihrem Mann, dem Designer, Künstler und Kurator Mike Meiré, und ihren drei Kindern wohnt Michelle Elie in Köln.

Ende der weiteren Informationen

Anmerkung: Die Großschreibung des Wortes "Schwarz" in diesem Text in der Verbindung "Schwarze Menschen" orientiert sich am "Leitfaden für eine rassismuskritischen Sprachgebrauch". Damit soll verdeutlicht werden, dass es nicht um die Farbe der Haut geht, sondern mit der Erfahrung verbunden ist, auf bestimmte Weise wahrgenommen zu werden.

Das Gespräch führte Sonja Fouraté.