Tatort: Unter Kriegern
Fühlt sich mächtig: Joachim Voss, Chef eines Sportleistungszentrums. Bild © ARD

Ein Film mit klarer Botschaft: Der Tatort "Unter Kriegern" führt in die Abgründe der Gesellschaft. Im Interview spricht Drehbuchautor Volker Einrauch über Leistungsdruck und falsche männliche Ideale.

Achtung, Spoiler: Im Frankfurt-Tatort "Unter Kriegern" wird ein Kind tot aufgefunden - ermordet von einem anderen Kind. Der Film geht der Frage nach, wie ein Junge derart gefühlskalt werden kann. Das Drehbuch stammt von Volker Einrauch. Warum der Tatort ein offenes Ende hat, erklärt er im Interview mit hessenschau.de.

hessenschau.de: Herr Einrauch, "Unter Kriegern" startet mit einer Szene, die mit dem eigentlichen Fall des Tatorts nichts zu tun hat: Ein namenloser Passant streckt Brix‘ und Jannekes Chef Fosco Cariddi mit einer Kopfnuss nieder. Warum?

Volker Einrauch: Die Szene gibt den Ton im Film vor. Aber schon der Titel ist programmatisch: "Unter Kriegern" zeigt eine Gesellschaft oder zumindest eine Gruppe von Menschen, in der jeder auf seine Art Krieg führt. Es ist eine männliche Leistungsgesellschaft mit männlichen Kampfidealen und einer gewissen Verachtung für Frauen.

hessenschau.de: Oberkämpfer des Films ist Joachim Voss, der unsympathische Leiter eines Sportleistungszentrums. Was ist das für ein Mensch? Was treibt ihn an?

Einrauch: Bei ihm dreht sich alles um Leistung und Männlichkeit. Wobei seine Männlichkeit natürlich gebrochen ist. Bei ihm mischen sich Leistungsgesellschaft und verdrängte Homosexualität: Er verdrängt massiv seine homosexuellen Bedürfnisse.

Tatort: Unter Kriegern - Vorschau
Tyrannisiert seine Frau: Joachim Voss. Bild © ARD

hessenschau.de: Hat er Meike deswegen vergewaltigt und später geheiratet?

Einrauch: Er hat sie geheiratet, weil die Frau für ihn keine Bedrohung ist. In dieser Beziehung hat er die sichere Machtposition. Außerdem liebt er seinen Sohn auch irgendwie. Es ist das einzige echte positive Gefühl, zu dem er fähig ist. Wäre Felix eine Tochter geworden, dann hätte ihn das Kind wahrscheinlich kalt gelassen. Voss wollte nicht die Frau, er wollte den Sohn.

hessenschau.de: Und trotzdem bricht er zusammen, als er Meike ermordet auffindet.

Einrauch: Er braucht sie, um sich an ihr auf eine leichte Weise abarbeiten zu können und seine Dominanz zu zelebrieren.

hessenschau.de: Aus dieser Beziehung geht ein Kind hervor, das mit Damien aus dem Horrorfilm "Das Omen" mithalten kann. Gab es Filmvorbilder für Felix?

Einrauch: Nein, meine Überlegung war: Was für eine Familiensituation kann dazu führen, dass ein Kind emotional so kalt wird? Es gibt ja immer wieder Menschen, die keine Empathie empfinden, sondern nur um sich selbst kreisen. Das zeigt sich meistens sehr früh.

Tatort: Unter Kriegern
Gruselig: Felix Voss. Bild © ARD

Mit solchen narzisstischen Persönlichkeitsstörungen hatte ich mich schon beschäftigt, als ich für den hr-Tatort "Die Geschichte vom bösen Friederich" recherchiert habe.

hessenschau.de: Am Ende geht der Vater in den Knast. Wir sehen auch nicht, ob Felix weiter mordet. Ist das ein filmischer Kunstgriff?

Einrauch: Es ist ein Kniff, es ist aber auch realistisch: Man kann das Kind ja nicht verurteilen. Zum einen haben die Ermittler keinen Beweis: Joachim Voss hat gestanden und der Sohn hält dicht. Und selbst wenn man Felix überführte, kann man einen Zehn-, Elfjährigen nicht ins Gefängnis stecken. Das heißt: Es ist offen, was aus ihm wird. Es gibt Großeltern, die ihn aufnehmen und man kann sich fragen: Was für eine Bedrohung kann er für die Gesellschaft noch werden? Oder kann er sich noch zum Positiven verändern?

Es war für mich auch wichtig, dass der Vater die Schuld auf sich nimmt, weil es für ihn einen Erkenntnisgewinn bedeutet. Er begreift: Nicht der Junge ist schuld an den Morden, an der Familientragödie. Wir Eltern sind es.

Volker Einrauch
Volker Einrauch Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

hessenschau.de: Auch die Mutter hat sich schuldig gemacht, weil sie das Kind nicht liebt.

Einrauch: Für die Mutter ist es schwer bis unmöglich, dieses Kind zu lieben, weil es aus einer - mehr oder weniger - Vergewaltigung entstanden ist. Da hat Joachim Voss bei seinem Geständnis schon recht: Die Mutter ist keine Mutter.

hessenschau.de: Gab es eigentlich einen aktuellen Anlass, die Geschichte in das Thema Leistungssport einzubetten?

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Volker Einrauch

Der Drehbuchautor, Regisseur und Produzent wurde 1950 in Kassel geboren. 1984 gründete er mit einem Partner die Josefine Filmproduktion, über die er zunächst Kurz- und Experimentalfilme realisierte. 1990 kam Einrauchs Ehefrau, die Regisseurin Hermine Huntgeburth dazu. Für sie schrieb er mehrere Drehbücher, so auch das zu "Unter Kriegern". Einrauch wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 2009 mit einem Grimme-Preis.

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Einrauch: Nein, der Ausgangspunkt war, dass wir einen Film über grausame Kinder machen wollten. Kinder, die andere Kinder umbringen. Ein Tabuthema, das man ja auch nur ganz schwer versteht.

Aber natürlich liest man immer wieder, dass es in Sachen Leistung in Deutschland oft sehr rau zugeht. Es heißt auch immer, in Deutschland gebe es keine Fehlerkultur. Fehler werden nicht verziehen, man darf nicht scheitern, dann ist man gebrandmarkt.

Oder dieser Aspekt: Wenn man mit dem Auto aus Skandinavien zurück aus dem Urlaub kommt, dann kriegt man einen Kulturschock, sobald man über die Grenze fährt: die Raserei, das Drängeln, da entsteht auf einmal ein unwahrscheinlicher Druck auf der Autobahn. Da habe ich mich schon gefragt: Woher kommt dieser Druck, immer schneller, immer vorne zu sein?

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hessenschau.de: Am Ende nehmen klären Sie doch noch die Anfangsszene um Fosco Cariddi auf und zeigen gleichzeitig, wie es anders gehen kann: Der Polizeichef verzichtet auf eine Strafverfolgung für die Kopfnuss. Er ist milde und empathisch.

Einrauch: Witzigerweise wollte ich Cariddi seine Rache sogar auskosten lassen. In der Diskussion mit dem Team kam dann aber die Anmerkung: Das erwartet man doch, dass er sich rächt. Da sagten wir: Ok, dann machen wir es mal anders herum.

Das Gespräch führte Sonja Fouraté.

Sendung: Das Erste, 8. April 2018, 20.15 Uhr