Bildkombo: rechts Kunsthistoriker Henry Keazor, links van Goghs Werk "Der Sämann"

Van Gogh gilt als der am häufigsten gefälschte Künstler der Welt. Im Interview erklärt der Kunsthistoriker und Fälschungs-Experte Henry Keazor, woran das liegt und mit welchen Tricks Betrüger die Kunstwelt zu täuschen versuchen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Achtung Fälschung - van Gogh wird gerne und oft kopiert

Die Fälschung des Gemäldes "Der Sämann" (1928) von Vincent van Gogh des Fälschers Leonhard Wacker
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Wir sind van Gogh. Das Frankfurter Städel präsentiert eine der größten van-Gogh-Ausstellungen seit langem. Zu sehen sind 50 Bilder aus allen Schaffensphasen des Niederländers. Van Gogh - zu Lebzeiten ein mäßig erfolgreicher Künstler - rückt schon bald nach seinem Tod in den Fokus der Fälscher.

Der Kunsthistoriker Henry Keazor lehrt an der Universität Heidelberg und beschäftigt sich unter anderem mit dem Phänomen Fälschungen. Er weiß, wie die falsche Kunst entsteht und warum gerade van Gogh so einen Reiz für Fälscher darstellt. Ein Interview.

hessenschau.de: Einer ihrer Forschungsschwerpunkte ist das Phänomen Fälschungen. Was fasziniert Sie denn persönlich daran?

Henry Keazor: Was mich daran besonders interessiert, ist die Simulation. Mich begeistert alles, was etwas variiert und verändert, das bereits existiert. Seien es die Stile von Künstlern oder auch Kunstwerke. Die menschliche Kreativität, scheint – gerade was Fälschungen angeht – schier unendlich zu sein.

hessenschau.de: Van Gogh gilt als der am häufigsten gefälschte Künstler. Warum?

Henry Keazor: Ich kann mir vorstellen, dass es daran liegt, weil van Gogh so eine unglaubliche Vielfalt von Möglichkeiten bietet, ihn zu fälschen. Angesichts der Masse, die van Gogh in seinem kurzen Leben geschaffen hat, ist es natürlich verführerisch, da noch was hinzuzufügen. Außerdem ist er natürlich ein extrem populärer Künstler und obendrein ein Künstler, der scheinbar leicht zu fälschen ist. Das sind so Angriffspunkte, wo Fälscher einhaken. 

hessenschau.de: Finden Sie Fälschungen moralisch verwerflich?

Henry Keazor: Ja, absolut. Meine ganze Faszination ist ganz neutral. Man muss sich immer klar machen, dass Fälschungen eine kriminelle Tat sind. Jenseits der Täuschung schädigt der Fälscher ja auch das Gesamtwerk des Künstlers oder der Künstlerin, da das Oeuvre verfälscht wird. Und das ist etwas, das absolut nicht tolerierbar ist. 

hessenschau.de: Was unterscheidet denn den Fälscher vom Künstler?

Henry Keazor: Das ist in der Tat ein Problem. Denn oft ist es so, dass Künstler zu Fälschern werden. Das sind ja keine Kunst-Externen, sondern Leute, die als Künstler begonnen haben und dann irgendwann mal auf die schiefe Bahn geraten sind. Und es gibt ja auch den umgekehrten Fall: dass Fälscher zu Künstlern geworden sind, wie der Fälscher Tom Keating zum Beispiel, der danach ein eigenes Oeuvre geschaffen hat. Man kann das also gar nicht richtig trennen. Der einzige Unterschied ist: Der Künstler fährt unter eigener Flagge und der Fälscher täuscht vor und verbirgt sich unter einem falschen Namen.

hessenschau.de: Wie viele van-Gogh-Fälschungen sind denn ihrer Meinung nach im Umlauf?

Henry Keazor: Oh, das kann man überhaupt nicht sagen. Nur so viel: Das Van Gogh Museum, die Abteilung für das Kulturelle Erbe der Niederlande innerhalb des Niederländischen Kultur- und Wissenschaftsministeriums (RCE) und der Shell-Konzern haben 2005 bis 2013 das Oeuvre von van Gogh untersucht und festgestellt, dass von den mehreren hundert bislang als Originale angesehenen Werken mindestens 50 nicht echt waren. Mindestens wohlbemerkt. Und wenn man jetzt noch bedenkt, was alles auf dem Kunstmarkt zirkuliert, kann man sich vorstellen, welche Massen an falschen van Goghs da durch die Hände gehen. 

hessenschau.de: Wie fälscht man denn perfekt?

Henry Keazor: Das wüssten wahrscheinlich alle Fälscher gerne. Bei einer guten Fälschung muss man sich erst einmal überlegen, was interessiert die Leute – die Kunsthistoriker – überhaupt? Was hoffen die, mal zu finden? Der clevere Fälscher weiß, dass er was Neues bieten muss - keine reinen Wiedergaben. Ein van-Gogh-Fälscher ist zum Beispiel deshalb aufgeflogen, weil seine angeblichen Originale bereits bekannte van-Gogh-Bilder wiedergegeben haben. Aber van Gogh hat doch nicht drei Mal das genau gleiche Bild gemalt.

hessenschau.de: Was ist denn die jüngste Fälschungsgeschichte um van Gogh?

Henry Keazor: Der jüngste spektakuläre Fall war 2010 in Italien. Es wurde auch international groß in der Presse darüber berichtet. Das Gemälde, um das es geht, stammte angeblich aus einer belgischen Privatsammlung und trägt zu Deutsch den Titel "Protestantische Scheune". In dem Gemälde ist ein rotes Haar in der Farbe eingearbeitet. Es gibt außerdem auch noch Blutspuren darauf. Damit versucht das Bild zu suggerieren, dass es das letzte Werk ist, an dem van Gogh kurz vor seinem Selbstmordversuch gearbeitet hat. Eine Fälschung, die versucht clever zu sein, aber doch etwas plump ist.

hessenschau.de: Könnte man nicht Haar und Blut mit einem Gentest analysieren und so klären, ob es sich tatsächlich um Spuren von van Gogh handelt?

Henry Keazor: Ja, das war natürlich die erste Überlegung, einfach einen DNA-Test zu machen. Aber dann müsste man das Bild ja beschädigen, um das Haar zu entnehmen. Und solange noch der Verdacht besteht, dass es ein Original-van-Gogh sein könnte, wird nicht darin herumgefuhrwerkt werden. Das ist genau das Problem, womit Fälscher gerne arbeiten. Sie wissen, dass Kunsthistoriker niemals das Risiko eingehen, ein potenzielles Original zu beschädigen und damit den Wert zu mindern.

hessenschau.de: Wie hoch ist denn die Wahrscheinlichkeit, dass in großen Museen Fälschungen hängen? Vielleicht auch im Städel?

Henry Keazor: Die Vergangenheit hat uns gelehrt, dass es das immer wieder gegeben hat. Zum Beispiel, wenn ein Museum eine Ausstellung plant und dafür ein bestimmtes Bild haben möchte. Der Besitzer gibt dieses Werk aber nur unter der Bedingung her, dass das Museum noch ein weiteres Bild aus seiner Sammlung in die Ausstellung aufnimmt. Ein Bild, dessen Herkunft dann oft nicht ganz wasserdicht ist. Die Fälschungsgeschichte ist voll von Museen, die bis zuletzt beschwören, dass es sich bei fraglichen oder sogar schon entlarvten Werken um Originale handelt. Beim Städel kann ich mir das aber nicht vorstellen. Ich glaube, dass da sehr sorgfältig gearbeitet wird.

Das Gespräch führte Antonia Troschke.

Weitere Informationen

"Making van Gogh - Ausstellung im Städel"

Städel Museum
Schaumainkai 63
60596 Frankfurt

23. Oktober 2019 bis 16. Februar 2020
Di, Mi, Sa, So: 10 bis 19 Uhr, Do, Fr: 10 bis 21 Uhr
Tickets gibt es - je nach Besuchszeit - ab 14 Euro. Für Kinder unter 12 Jahren ist der Eintritt frei.

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