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Menschen am Filmset

Mit seinem Spielfilmdebüt "Borga" hat sich der Kasseler Regisseur York-Fabian Raabe ein sensibles Thema vorgenommen: die Situation afrikanischer Migranten und ihr Traum vom Wohlstand in Deutschland. Was ihn daran so berührt hat, erzählt er im Interview.

"Borga": Das Wort ist eine Abkürzung von "Hamburg". Ghanaer bezeichnen damit Landsleute, die ins Ausland gegangen und zu Reichtum gekommen sind. Nach ihrer Rückkehr werden sie Borga genannt. Über so einen Borga hat der Regisseur York-Fabian Raabe nun einen Film gedreht, unter anderem in seiner Heimatstadt Kassel. Warum der Film in Originalsprache spielt und warum Raabe von Berlin zurück nach Kassel gezogen ist, erzählt er im Interview (Hintergrund zum Film in der Kurzkritik.)

hessenschau.de: Herr Raabe, Sie kommen aus Kassel und haben Film an der renommierten Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin studiert. Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?

York-Fabian Raabe: Die Idee zu diesem Film geht zurück auf meinen ersten Kurzfilm, "Zwischen Himmel und Erde" von 2010, der den Max Ophüls Preis gewonnen hat. Damals gab es bei dem Dreh einen Darsteller, der von der Elfenbeinküste stammt und dessen Vater kurz vor den Dreharbeiten gestorben ist. Ich habe ihn gefragt, ob er deswegen nicht nach Hause möchte, aber er sagte, nein ich bin froh, dass ich den Film drehe, dann muss ich nicht nach Hause.

Er erklärte dann, er wolle schon, habe aber nicht genug Geld. Ich habe ihm angeboten, ihn bei den Kosten für den Flug zu unterstützen, doch er sagte, wenn er zurück nach Hause käme, bräuchte er ganz viel Geld. Die Leute dort erwarten nämlich, dass er - weil er in den Westen gegangen ist - zu Wohlstand gekommen ist und dann zu Hause den großen Macker macht. So entstand die Idee für den Film.

hessenschau.de: Welcher Aspekt genau hat Sie daran besonders interessiert?

Raabe: Das Besondere daran ist für mich die Kernthematik. Im Kern geht es darum, dass ein junger Mann - oder in diesem Fall ein Junge - die Aufmerksamkeit und den Zuspruch seiner Familie sucht. Besonders von seinem Vater, aber auch vom Rest der Familie. Anerkennung ist sein großer Wunsch. Ich finde, das ist etwas sehr Archaisches. Das ist ein Muster, das es auf der ganzen Welt gibt.

Dazu kommen diese ganzen anderen Thematiken: Flucht, Elektroschrott, Armut, Reichtum, Gewalt. Das sind alles Themen, die für den Film wichtig sind, sie sollten den Film aber nie übernehmen. Es geht um die Hauptfigur, die wird von den Themen beeinflusst. Das Besondere an diesem Film ist auch, dass er einer der ersten deutschen Filme ist, die Migration aus einer Schwarzen, einer ghanaischen Perspektive erzählt werden. Deswegen war es uns wichtig, dass die anderen Themen am Rande bleiben und sich nicht zentralisieren.

hessenschau.de: Rührte daher auch der Wunsch, den Film nicht nur in Originalsprache zu drehen sondern auch zu zeigen?

Raabe: Auf jeden Fall. Das hat auch das Schauspiel und die Authentizität bereichert. Wir hören im Film drei, vier verschiedene Sprachen, die in Ghana gesprochen werden. Bei dem Darsteller des Vaters im Film ist es so, dass er in Afrika ein absoluter Superstar ist, der George Clooney von Ghana, könnte man sagen. Er sprach zwischendurch, vor allem wenn er wütend wurde, gerne Ga. Andere, wie Eugene Boateng, Twi. Wieder andere Schauspieler sprachen andere ghanaische Sprachen. Auch davon lebt dieser Film.

hessenschau.de: Apropos Schauspieler. In der Hauptrolle sehen wir Eugene Boateng als Kojo. Er ist als bester Nachwuchsschauspieler beim Max Ophüls Filmfestival nominiert. Außerdem sehen wir Christiane Paul in der Rolle der Ärztin Lina. Wie war die Zusammenarbeit mit den beiden?

Raabe: Das war von Anfang an ein ganz großer Wunsch von beiden Seiten. Wir hatten Christiane gecastet, aber parallel noch mit anderen bekannten Schauspielerinnen gesprochen. Aber die Chemie zwischen Eugene und Christiane, die war einfach besonders, die war magisch, und das von Anfang an.

hessenschau.de: Wie waren die Dreharbeiten in Ghana?

Raabe: Ghana steht ganz hoch in meinem Herzen. Die Menschen dort sind sehr, sehr herzlich und sehr, sehr respektvoll. Wenn man seinerseits mit Respekt nach Ghana geht, kommt man da sehr weit und hat sehr viel Spaß. Wir würden da wahnsinnig gerne in Zukunft noch einmal drehen.

hessenschau.de: Neben Ghana haben Sie auch in Mannheim und in Ihrer Heimatstadt Kassel gedreht. Was zeichnet Kassel als Drehort aus?

Raabe: Grundsätzlich mag ich unverbrauchte Drehorte. Ich persönlich habe ansonsten eine sehr große Liebe zu meiner Heimatstadt und bin gerade im letzten Jahr wieder nach Kassel zurückgezogen, worüber sich unsere Familien sehr gefreut haben. Andere haben es nicht ganz verstanden. Kassel hat aufgrund seiner Historie sehr viele nicht so hübsche Ecken, weil da immer noch viele Gebäude aus den 1950er und 60er Jahren stehen. Es wird aber - finde ich - immer schöner und hat im Gegenzug auch unglaubliche tolle Ecken, und die sieht man im Film.

hessenschau.de: War das auch mit dem Wunsch verbunden, Kassel als Drehort ein bisschen mehr zu pushen?

Szene aus "Borga", gedreht in Kassel

Raabe: Auf jeden Fall. Für mich ist immer wichtig: Was bieten mir Städte an Drehortmöglichkeiten an? Und da hat Kassel unglaublich viel. Allein die Szene im Hotel im letzten Drittel. Wer hätte gedacht, dass wir so ein Hotelzimmer haben in Kassel, wo man auch so eine Choreografie drehen kann? Ich bin total happy damit.

hessenschau.de: Es kommt eher selten vor, dass Filmschaffende, die einmal in Berlin waren, wieder zurückkommen. Wie ist es aus Ihrer Sicht um die Filmlandschaft in Hessen bestellt?

Raabe: Da ist sehr viel Leidenschaft und Umsorgung in Hessen. Gerade auch bei der Filmförderung Hessenfilm, die Filmschaffende jetzt in der Coronazeit unterstützt und sehr offen ist. Berlin ist dagegen sehr überlaufen. Wenn so viele Kreative an einem Ort sind, dann ist das manchmal auch... ein Hauen und Stechen ist vielleicht zu krass, aber da passieren sehr viele Sachen und das verlangsamt den kreativen Prozess. Da macht Hessen einfach einen ganz anderen Job, zum Beispiel, wie die Hessenfilm über ihre Social-Media-Präsenz Werbung für Filme aus Hessen macht. Das ist absolut super.

hessenschau.de: "Borga" hat gerade beim Max Ophüls Filmfestival Weltpremiere gefeiert, kann dort "nur" digital gesehen werden. Wie ist bislang die Resonanz?

Raabe: Das ist ein mehrschichtiges Thema. Der Vorteil ist, dass Sie einfach und schnell online gehen und den Film sehen können. Auch die Vernetzung mit anderen Filmemachern ist toll. Wir haben viele Rückmeldungen bekommen. Was unseren Film betrifft: Der ist definitiv fürs Kino gemacht - die Bilder sind für die große Leinwand hergestellt. Die sind im Cinemascope-Format aufgenommen, das die komplette Breite der Leinwand ausfüllt. Wenn man die Drehorte in Ghana und Deutschland in Leinwandgröße sieht, dann haben die natürlich eine andere Wirkung. Das ist der Nachteil der aktuellen Situation.

Aber dagegen kann man halt jetzt nichts machen. Auch das haben wir während unserer Arbeit gelernt: Es bringt nichts, über Dinge rumzuheulen, die man nicht ändern kann. Man muss nach vorne gehen und sich die guten Dinge im Leben packen.

hessenschau.de: Apropos "nach vorne gehen", wie geht es jetzt weiter mit dem Film?

Raabe: Das ist eine gute Frage. Wir sind natürlich im Gespräch mit anderen Festivals, aber da ist noch nicht klar, wie sie unter Coronabedingungen arbeiten. Der Film ist von arte und dem SWR koproduziert, er wird also sicher irgendwann im Fernsehen zu sehen sein. Eine Kinoauswertung ist an sich geplant und eingetütet. Die Frage ist jetzt nur wann, denn kein Verleiher und kein Kino der Welt können Ihnen jetzt sagen, wann das nächste Mal das Kino aufgemacht wird. Dann gibt es einen regelrechten "Stau" an Filmen, die bislang nicht gezeigt werden konnten.

Worauf wir uns sehr freuen ist, wenn wir den Film in Ghana zeigen. Wir überlegen, mit dem Film auf Tour zu gehen und ihn vielleicht draußen auf einer aufblasbaren Leinwand zu zeigen. Die Ghanaer freuen sich schon jetzt total auf den Film.

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Kurzkritik

"Borga" ist der Debütfilm von York-Fabian Raabe. Er begleitet Kojo und seinen älteren Bruder Kofi, die am Rande einer Müllkippe in Ghana aufwachsen. Kojo träumt von einem Leben in Deutschland, wohin er es über Umwege auch schafft. Nach und nach wird er zum Borga, einem reichen Geschäftsmann. Er hofft, dass seine Familie nun endlich stolz auf ihn ist - doch das geht schief. Auch in der Liebe läuft es nicht so wie erhofft, als seine Freundin, die Ärztin Lina herausbekommt, dass Kojo sie belogen hat.

"Borga" ist ein Film, auf den man sich einlassen muss, denn er wurde in Originalsprache mit Untertiteln gedreht. Er ist bewusst aus ghanaischer Perspektive erzählt und führt dem Zuschauer so auf eine intensive Weise die Ausweglosigkeit vieler illegal in Deutschland lebender Menschen vor Augen. Sehenswert!

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Das Gespräch führte Anna Engel.

Sendung: hr-fernsehen, hauptsache kultur, 21.01.2121, 22.30 Uhr

Disclaimer: Wir schreiben "Schwarz" im Sinne der "Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland" groß, denn diesen Begriff haben Schwarze Menschen selbst für sich gewählt, um auszudrücken, dass es sich um ein konstruiertes Zuordnungsmuster handelt, und keine reelle "Eigenschaft", die auf die Farbe der Haut zurückzuführen ist.