Rassismus Demo

Demonstrationen gegen Rassismus, schwarze Bilder in den Sozialen Medien: Solidaritätsaktionen wie die nach dem Tod von George Floyd sind schnell vergessen, sagt die Autorin Nkechi Madubuko und erklärt, wie sich jeder langfristig gegen Rassismus stark machen kann.

Seit 1966 wird am 21. März jeden Jahres der "Internationale Tag gegen Rassismus" begangen. In Deutschland gibt es beim Kampf gegen Rassismus viele Schritte in die richtige Richtung, sagt die Soziologin Nkechi Madubuko im Interview. Doch es gibt noch viel zu tun.

hessenschau.de: Frau Madubuko, immer wieder hört man den vermeintlich gut gemeinten Satz: "Ich sehe keine Hautfarbe, ich sehe nur den Menschen". Was ist daran problematisch?

Nkechi Madubuko: Zunächst ist es nicht ganz die Wahrheit, weil man faktisch die Hautfarbe ja sieht. Man erkennt, ob jemand ein Mann oder eine Frau ist, ob jemand einen dunkleren Teint hat. Man erkennt also verschiedene Merkmale an einer Person und die haben alle ihre Berechtigung. Die Frage ist, welche Rolle die Hautfarbe spielt - für die Kommunikation, für das Verhalten, für die Wahrnehmung der Person. Wenn man also eigentlich sagen möchte: Die Hautfarbe ist nicht bedeutend in dem, was ich in dir sehe, dann wäre es wichtig, es so zu formulieren.

Es gibt ein weiteres Problem mit der so genannten "Colour Blindness": Wenn man mit diesem Motto durchs Leben geht, neigt man leider auch dazu, nicht hinzuschauen, wenn es um Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe geht. Oft nimmt man Ungleichbehandlung nicht so sensibel wahr. Deswegen sagt die Vorurteilsforschung: Es ist besser, die Unterschiede wahrzunehmen, sie nur eben nicht als Abgrenzungs- und Abwertungsbegründung zu verwenden.

hessenschau.de: Muss man die Hautfarbe im Gespräch überhaupt thematisieren?

Madubuko: Gute Frage. Wann thematisiere ich den Unterschied? Ist es überhaupt notwendig, den Unterschied zu thematisieren? Ich bin der Meinung, dass es im Alltag ganz oft einfach nicht notwendig ist, man es aber doch tut. Das bedeutet, dass Menschen in allen möglichen Lebenslagen ihre Lebensgeschichte erzählen müssen, wenn sie optisch nicht dem klassischen deutschen Mehrheitsprinzip entsprechen. Das ist meiner Meinung nach eine Überbetonung oder auch eine Form, jemanden zum "Anderen" zu machen - "Othering" nennt man das auch.

Viele Menschen, die das machen, sagen: Da ist doch nichts dabei, es ist doch gut gemeint. Für die Menschen, die es erleben, ist es aber eine tagtägliche Erfahrung. Es suggeriert immer wieder: Ich sehe dich nicht als zugehörig an.

hessenschau.de: In eine ähnliche Richtung geht die Frage: "Wo kommst du denn eigentlich her?"

Nkechi Madubuko

Madubuko: Die Frage muss nicht zwingend problematisch sein. Sie kommt nur bei hier verorteten Migrantinnen und Migranten, die vielleicht schon in mehreren Generationen in Deutschland leben, nicht besonders gut an. Ich bin der Meinung, dass es auf keinen Fall eine gute Einstiegsfrage ist, vor allem, wenn man sich überhaupt nicht kennt.

Ich würde generell erst einmal mit dem Namen beginnen und allen anderen möglichen Fragen, mit denen man die andere Person kennenlernen kann. Ich würde diese Frage, wenn sie denn überhaupt eine Rolle spielt, erst beim zweiten Treffen stellen - eben weil es die vielfache Erfahrung von "Othering" gibt. Und weil jemand, der hier verortet ist, dann wieder und wieder erklären muss, warum er eigentlich hier ist.

hessenschau.de: Vor allem, wenn das Gegenüber nochmal mit "aber ursprünglich" nachfragt.

Madubuko: Das ist noch einmal eine Verstärkung. Sie suggeriert, dass das Gegenüber nicht akzeptieren will, dass sich jemand zum Beispiel als Berliner sieht und in dem Moment vielleicht sogar ganz bewusst diese Antwort gewählt hat. Es ist wichtig, die Antwort zu akzeptieren. Denn sie zeigt die Identität der Person auf. Immer wieder nach den Großeltern der Großeltern zu fragen, ist kein Weg, jemanden kennenzulernen.

hessenschau.de: Bei echtem Interesse - was könnte eine gute Nachfrage sein?

Madubuko: Eine gute Nachfrage könnte sein: Wo bist du denn aufgewachsen, in Pankow oder in Köpenick? Wir leben ja in einer Gesellschaft mit Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern, die die unterschiedlichsten Sprachen sprechen und die unterschiedlichsten Kombinationen von Herkunftsländern in sich vereinen. Aber sie haben unter Umständen trotzdem eine deutsche Identität. In dieser pluralen Gesellschaft, in der jeder dritte Schüler eine Migrationsgeschichte hat, funktionieren die Zugehörigkeitsschubladen nicht mehr. Entscheidend ist, die Gemeinsamkeiten zu thematisieren und das Individuum zu sehen.

Weitere Informationen

Nkechi Madubuko

Nkechi Madubuko ist promovierte Sozialwissenschaftlerin, Moderatorin, Diversity-Trainerin und Autorin. Ihre Schwerpunkte sind diversitätssensibles Handeln, rassismuskritisches Denken, Empowerment von Kindern und Jugendlichen und Umgang mit Rassismuserfahrungen. Sie berät Verbände und Organisationen, bietet Vorträge und Workshops für Eltern, Erzieherinnen, Erziehern und Lehrpersonal an und ist Dozentin an der Uni Kassel, FB Soziale Arbeit. Im Juli 2021 erscheint im Beltz-Verlag ihr neues Buch "Praxishandbuch Empowerment", das Rassismuserfahrungen von Kindern und Jugendlichen thematisiert. 

Ende der weiteren Informationen

hessenschau.de: Wo müssen wir ansetzen, um das in den Köpfen zu verankern?

Madubuko: Wir müssen im Kindergartenalter schon damit anfangen, denn die Wahrnehmung von Unterschieden beginnt mit zwei Jahren. Im Kindergarten kann man Vorurteile schon ganz früh richtigstellen. Wenn etwa Kinder wegen der Hautfarbe nicht miteinander spielen wollen, braucht es gut geschultes Personal, das sagt: Ihr könnt natürlich miteinander spielen, weil die Hautfarbe nicht wichtig ist. Ihr spielt beide gern mit Knete, also könnt ihr auch gemeinsam spielen.

Es geht immer darum, welche Bewertungen von Merkmalen vermittelt werden. Diese Bewertungen lernen Kinder durch das soziale Umfeld und ganz stark durch die Kommentare von Erwachsenen. Erwachsene müssen sensibel sein und es stoppen, wenn Kinder andere Kinder ausgrenzen. Eltern sind Vorbilder und Kinder ahmen ihre Verhaltensweisen und Sichtweisen gegenüber Anderen nach.

hessenschau.de: Ganz nach dem Leitspruch der US-Bürgerrechtlerin Angela Davis, die gesagt hat: "In einer rassistischen Gesellschaft reicht es nicht aus, nicht rassistisch zu sein. Wir müssen anti-rassistisch sein."

Madubuko: Anti-rassistisch sein heißt: Darauf achten, dass es Unterschiede gibt und sich aktiv angesprochen fühlen, wann immer Rassismus auftaucht und man ihn mitbekommt. Es ist etwas völlig anderes, ob man eine Meinung hat, die aber für sich behält - oder ob man in seinem Wirkungskreis dafür sorgt, dass keine rassistische Sprache verwendet wird und dass keine Ausgrenzung individuell und strukturell stattfindet.

Wenn Menschen das tun, hätte Rassismus immer weniger Chancen, sich durchzusetzen. Weil er immer mehr kommentiert und weniger als "normale" Verfahrensweise akzeptiert sein würde. Schön wäre es noch, die nächste Generation nicht mehr mit Stereotypen und Vorurteilen aufwachsen zu lassen. Eine neue Sprach- und Verhaltenskultur fängt aber bei jedem einzelnen an.

hessenschau.de: Wobei Rassismus in vielen Bereichen so tief verankert ist, dass er nur schwer erkennbar ist.

Madubuko: Versteckte rassistische Botschaften erkennt man daran, dass eine Person auf der Basis von einem Merkmal auf einen Stereotyp reduziert oder abgewertet wird. Das kann eine Kindergeschichte sein. Wenn zum Beispiel das Schwarze Kind eine super Leistung bringen muss, um von den anderen akzeptiert zu werden. Das kann ein Kinderlied sei. Jeder kennt "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann". Das kann die Bezeichnung "Mischling" sein. Querverbindungen, die zum Tierreich deuten, gehen beispielsweise auf rassentheoretische Denkweisen zurück. Leider ist es in Unternehmen noch gängig ausländische Bewerberinnen und Bewerber auszusortieren, natürlich inoffiziell.

hessenschau.de: Nach dem Tod von George Floyd haben Menschen aus den unterschiedlichsten Bereichen als Zeichen der Solidarität schwarze Bilder in den Sozialen Medien gepostet. Was halten Sie von solchen Aktionen?

Madubuko: Das verfliegt natürlich unglaublich schnell und verändert keine Strukturen. Jemand, der anti-rassistisch sein möchte, ist jeden Tag gefragt. Nicht-Betroffene sollten versuchen, diese Haltung in ihren Alltag zu integrieren und zunächst überlegen, wo sie selbst Vorurteile und rassistische Denkweisen verinnerlicht haben. Diese sollten sie hinterfragen. Umgekehrt: Sich zu wehren, selbst zu definieren und die Zuschreibungen nicht anzunehmen ist ein wichtiger Lernprozess für Betroffene, der Empowerment heißt.

hessenschau.de: Sehen Sie Licht am Horizont? Sind wir dabei, rassistische Strukturen aufzubrechen?

Madubuko: Mit "Wir" ist die Mehrheitsgesellschaft von Nicht-Betroffenen gemeint? Es bröckelt zumindest. Wenn ich mir zum Beispiel Kinderbuchverlage anschaue, die anfangen, Bücher herauszubringen, die bewusst Vielfalt darstellen. Dieser Prozess läuft erst seit fünf Jahren ungefähr, aber er verändert vieles. Es gibt Spielzeug mit Menschen im Rollstuhl, mit Menschen mit asiatischem Aussehen, mit Schwarzen Menschen - mit Unterschiedlichkeit. Hinzu kommt, dass sich Betroffene immer öfter austauschen, um sich gegen Ausgrenzung zu wehren. Und diese Menschen werden immer öfter gehört. Immer mehr Schulen, Kitas und Institutionen interessieren sich für anti-rassistische und rassismuskritische Bildungsarbeit.

Es gibt Fortbildungsmöglichkeiten, das Interesse in den Ausbildungsstätten und an diversitätsorientierter Organisationsentwicklung steigt. Begriffe wie Anti-Bias, Vielfaltssensibilität oder Rassismuskritik sind relativ neu, sie werden aber immer mehr als Teil einer Grundausstattung gesehen. All das sind Schritte in die richtige Richtung. Aber Bastionen sind noch nicht gefallen. Es braucht noch mehr Verbündete.

Weitere Informationen

Bücher zum Thema Rassismus

Ende der weiteren Informationen

Das Gespräch führte Sonja Fouraté.