Porträt

Erfolgsautor Jan Costin Wagner packt im Auftakt zu einer neuen Reihe ein heißes Thema an: Mord an Kindern. Schauplatz des Verbrechens ist nicht wie gewohnt Finnland, sondern Wiesbaden. Ein Interview.

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Ein ganz gewöhnlicher Schulflohmarkt in einem Wiesbadener Vorort wird zum Schauplatz eines Verbrechens: Ein Mann, "bewaffnet" mit zwei großen Teddybären, entführt den kleinen Jannis. Die beiden Wiesbadener Kommissare Bernd Neven und Christian Sander kommen erst dann mit ihren Ermittlungen weiter, als ihnen ein weiterer Entführungsfall mit Teddybär in Innsbruck und ein ähnlich gelagerter, gescheiterter Versuch bekannt werden. Warum Autor Jan Costin Wagner seine Geschichte in Hessen spielen lässt und wie wichtig ein pädophiler Ermittler für die Handlung ist, erzählt Wagner im hessenschau.de-Interview.

hessenschau.de: Von Finnland nach Wiesbaden ist ein gewaltiger Sprung. Wieso haben Sie Ihren Schauplatz geändert?

Jan Costin Wagner: Kimmo Joeenta, die Hauptfigur der finnischen Reihe, ist einen Weg gegangen über die Bücher hinweg und ist glücklich: Seine Tochter schwimmt im See und er steht am Ufer. Das Bild wollte ich festhalten für die Figur und für mich. Dann hat sich eine Romanidee herauskristallisiert, für die ich ein anderes Setting vor Augen hatte, einen großstädtischen Vorort, einen grauen, dunklen Tag, einen Flohmarkt, eine bunte Szenerie. Frankfurt-Wiesbaden wurde es dann, weil es im weiteren Sinne meine Heimat ist. Ich bin ja hier in der Nähe aufgewachsen.

hessenschau.de: Was hat Sie dazu gebracht, Missbrauch, Entführung, Ermordung von Kindern als Thema zu nehmen?

Buchcover

Wagner: Es passieren konkrete Fälle, die Gedanken und Fragen in mir auslösen. Es geht mir immer darum, Fragen nachzugehen, die mich fundamental beschäftigen, und eine Art von Antwort für mich zu finden - und vielleicht auch für den Leser. Kindesmissbrauch ist für mich persönlich das schlimmstmögliche Thema, für mich auch die schlimmstmögliche Angst, und ich möchte immer dahin gehen, wo es weh tut. Für mich ist es ein Roman über die Frage, inwiefern wir die Unschuld verlieren oder verloren haben. Mit dem Verschwinden der Kinder ist es auch zugleich ein Buch über diese grundlegende Frage, wie wir im Hier und Jetzt leben, ob wir umdenken müssen.

hessenschau.de: In welche Richtung umdenken?

Wagner: Ob wir vielleicht etwas Fundamentales verlieren. So wie die Kinder verloren gehen, das Wichtigste, geht es im Buch auch um die Frage, ob wir darauf achten müssen, dass uns nicht etwas fundamental Wichtiges verloren geht, nämlich die Fähigkeit, miteinander zu leben, zu begreifen, dass wir miteinander empfinden müssen, um hier auf diesem Planeten leben zu können. So etwas wie Empathie.

hessenschau.de: Haben die beiden Hauptermittler noch etwas gemeinsam mit ihrem finnischen Kollegen Kimmo Joentaa aus ihrer erfolgreichen Krimi-Reihe?

Wagner: In gewisser Weise schon, alle drei sind auf eine bestimmte Weise erheblich behaftet mit schwerstwiegenden biografische Hintergründen. Mir wurde klar, dass die Bedrohung im Normalen lauert. Es ist nicht nur so, dass es Menschen außerhalb unseres Fassungsvermögens sind, die Verbrechen begehen. Im Roman sind es zwei Täter und es ist der pädophile Ermittler Ben, der selbst schuldverstrickt ist und zugleich der Hoffnungsträger der Eltern. Er hat die Unschuld, die er ins Leben zurückholen soll, in sich selbst schon abgetötet. Diesen Abgrund wollte ich öffnen. Das ist eine Zerreißprobe, auch für die Figur selbst.

hessenschau.de: Aber war dieser pädophile Ermittler wirklich nötig?

Wagner: Ich hatte das Gefühl, ich würde etwas aussparen, wenn ich diese Figur nicht etabliere. Es wäre vielleicht leichter gewesen, sie nicht zu etablieren. Die Wahrheit ist ja, dass gerade Kindesmissbrauch sehr häufig im familiären Umfeld stattfindet, im gutbürgerlichen Setting. Ich hätte also eine Wahrheit eigentlich ausgespart. Das ist natürlich zugespitzt in dieser Ermittlerfigur. Diese Zuspitzung war auch bewusst, weil ich die Zerreißprobe, wenn ich sie schon mache, dann auch so massiv wie irgend möglich machen wollte.

hessenschau.de: Bei Ihnen gibt es die unbelasteten, leichten, gradlinigen Figuren nicht. Die langweilen Sie eher, oder?

Wagner (lacht): Na ja, es gibt Lederer, der angenehm in sich ruht, und er ist eigentlich ein Kontrapunkt. Er steuert erhebliche Erkenntnisse bei und ist ein sehr guter Polizist. Er war mir als Kontrapunkt zu Ben und auch zu Christian wichtig, um das ganze Bild abzudecken. Aber die Grundidee ist, dass das Buch auch ein Panorama der verstörten Menschen zeichnet - der Menschen, die um Orientierung ringen, der Opfer, der Angehörigen.

hessenschau.de: Wir wissen bereits im ersten Kapitel, wer der Täter ist. Warum machen Sie das? Viele Menschen lesen ja Krimis, weil sie miträtseln wollen.

Wagner: Dieser Roman handelt überhaupt nicht davon: Wer ist es? Das ist vollkommen irrelevant. Im Gegenteil ging es mir darum, die Täter explizit in Sprache zu bringen, durch ihre Augen zu sehen. Dafür muss ich sie offenlegen. Es geht nicht um die Tätersuche, es geht um die Frage, ob es gelingt, das Gute zu finden in diesem katastrophalen Szenario. Das ist die grundlegende Frage. Für mich sind bei all den schlimmen Dingen, die passieren, die wichtigsten Momente die, in denen dieses Licht, dieses Schöne aufblitzt. Diese Momente sind eigentlich das, wonach ich suche.

hessenschau.de: Im Vergleich zu den Finnland-Krimis ist Ihr Stil noch sehr viel lakonischer geworden, knapper, verdichteter. Wie ist Ihr schriftstellerisches Vorgehen?

Wagner: Im Prinzip langsam voranschreiten, und die Sätze stehen dann eigentlich schon. Es ist eher das bedächtige Voranschreiten und nicht so sehr das Überarbeiten. Aber tatsächlich geht es um diese größtmögliche Reduktion.

hessenschau.de: Wie kriegen Sie trotzdem diese Tiefe hin? Andere brauchen drei Sätze für etwas, das Sie in drei Worte fassen.

Wagner: Das ist eben der Schlüssel, dass zwischen den Zeilen die Aussage zu leben beginnt, dass im beiläufigen Kontext sich das Schwerstwiegendste verbirgt und in dem nicht ausgesprochenen Wort. Das sind für mich die wichtigsten Momente. So ist der ganze Schreibfluss angelegt.

hessenschau.de: Sie machen ja auch manchmal so etwas wie Übersprungshandlungen - wie die Katze, die angreift, sich aber erstmal leckt -, indem Sie plötzlich ein Naturbild, ein Stimmungsbild dazwischenbauen.

Wagner: Da ist vieles assoziativ. Ich baue eine Struktur, in der die einzelnen Stimmen vielperspektivisch angeordnet sind und zueinander finden. Aber - das ist interessant, darüber habe ich noch nicht nachgedacht - Übersprunghandlung! Diese Verzögerung, das Gefühl, es muss noch einmal verzögert sein, um dann wirklich zu stimmen.

hessenschau.de: Im Prinzip führt ein Zufall zur Lösung des Falles, in Gestalt von Nadine. Wäre Ihnen ohne diese Figur, die zu den Kindesmördern führt, überhaupt ein Ende eingefallen?

Wagner: Sagen wir so: Nadine war da, und dann wurde sie der Knotenlöser - und der Zufall natürlich. Es braucht den Zufall, um die Katastrophe abzuwenden. Der Zufall ist zugleich an die schönste, positivste Erzählung in diesem Buch geknüpft: Da sind zwei Menschen, die sich finden und sich helfen. Christian hilft Nadine und sie hilft Christian, weil sie merkt, da ist jemand, der sie wertschätzt. Der Zufall ist geknüpft an Situationen, in denen Menschen menschlich handeln. Es kann keine stringente Ermittlerlösung geben in diesem katastrophalen Szenario, sondern die Menschen sind angewiesen darauf, dass etwas zu Hilfe kommt.

hessenschau.de: Es sind also die Emotionen, die Empathie, die zur Lösung führen?

Wagner: Genau, das trifft genau zu: Die Empathie, die gemeinsam mit dem Zufall die Lösung erreicht.

Das Interview führte Nicole Bothof.

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Der Autor

Jan Costin Wagner, 1972 in Langen geboren, lebt heute als Schriftsteller und Musiker in der Nähe von Seligenstadt. 2003 erschien sein erster Roman um den finnischen Ermittler Kimmo Joentaa, ein melancholischer Ermittler, der um seine früh verstorbene Frau trauert. Fünf weitere Bände folgten, die alle von Kritik und Publikum gleichermaßen gefeiert, vielfach ausgezeichnet (u. a. Deutscher Krimipreis, Nominierung zum Los Angeles Times Book Prize) und in 14 Sprachen übersetzt wurden. Zuletzt erschien "Sakari lernt, durch Wände zu gehen" (2017).

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