Portrait der Schriftstellerin Jasmin Schreiber

Ende Februar veröffentlicht die Frankfurter Autorin Jasmin Schreiber ihren Debütroman. Tage später werden wegen Corona sämtliche Lesungen abgesagt, die Kulturszene liegt brach. Jetzt organisiert die Autorin Literatur-Livestreams. Ein Interview.

Überspitzt gesagt war Jasmin Schreiber in den sozialen Netzwerken bisher besonders für zwei Themen bekannt: Tod und Tiere. Sie engagiert sich ehrenamtlich in der Trauerbegleitung und schreibt darüber in ihrem Blog "Sterben Üben". Auf Twitter folgen der 32 Jahre alten Autorin mehr als 33.000 Menschen. Zu sehen gibt es dort unter anderem die kuriosen Haustiere der studierten Biologin. Fast täglich postet sie Updates über ihre Hündin, mehrere Riesenschnecken, Spinnen und Asseln.

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"Marianengraben"

Jasmins Schreibers Buch "Marianengraben" erzählt die Geschichte von Paula, einer Studentin, und Helmut, einem alten Mann, die beide um einen geliebten Menschen trauern: Paula um ihren kleinen Bruder und Helmut um seine Frau. Auf dem Friedhof lernen sie sich zufällig kennen. Und obwohl die beiden einander zuerst überhaupt nicht ausstehen können, verstehen sie trotzdem den Schmerz des jeweils anderen. Das Buch landete nach seiner Erscheinung schnell auf der Bestsellerliste des "Spiegel". Es ist im Eichborn-Verlag erschienen.

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Dadurch, dass sie scheinbar abseitige Themen unterhaltsam und humorvoll vermittelt, hat Jasmin Schreiber sich online eine große Fangemeinde erarbeitet. Und die war begeistert, als die Bloggerin ihr Debüt als Romanautorin ankündigte.

Doch dieses Debüt kam Ende Februar, gerade als langsam klar wurde, dass das Coronavirus auch in Deutschland das öffentliche Leben stark verändern würde. Tage später wird Jasmin Schreibers Lesetour abgesagt, wie so gut wie alle Kulturveranstaltungen. Schreiber, die selbst eine Vorerkrankung hat und zur Corona-Risikogruppe gehört, achtet im Moment besonders darauf, sich selbst zu isolieren. Wie sie trotzdem als Autorin präsent bleibt, erzählt sie im Interview.

hessenschau.de: Frau Schreiber, wie ist es, einen Debütroman kurz vor einer Pandemie zu veröffentlichen?

Schreiber: Wenn das ein Romanplot wäre, würden die Leute die Augen rollen und sagen: "Oh, wie unrealistisch!" Aber es ist natürlich nicht schön, wenn man ein Debüt rausbringt und sich eigentlich auf die Lesetour freut und die Leipziger Buchmesse. Und dann fährt man damit auf einmal gegen die Wand. Das ist nicht einfach. Ich versuche trotzdem Möglichkeiten zu finden, mit meinen Leserinnen und Lesern zu interagieren.

hessenschau.de: Sie machen das zum Beispiel mit Online-Lesungen. Wie ist das zum Vergleich zu einer echten Lesung.

Schreiber: Es ist eine ganz andere Situation. Ich nutze die Streaming-Plattform Twitch. Da können die Leute chatten, mir Fragen stellen und ich kann Fragen ans Publikum stellen. Mein Format dort heißt "Literatur im Pyjama". Ich sitze da tatsächlich im Pyjama. Und es ist auch für die Zuhörer Pflicht, sich einen Pyjama anzuziehen. Es ist ungezwungen, zuhause, lockerer, und auch eher Gesprächsatmosphäre als auf einer Bühne bei einer Lesung. Man plaudert ein bisschen. Ich würde nicht sagen, dass es besser oder schlechter ist als auf einer Bühne. Es ist einfach anders. Natürlich vermisse ich es, auf der Bühne zu stehen und danach persönlich mit meinen Leserinnen und Lesern zu sprechen. Aber es macht trotzdem Spaß und ich bin froh, auf diese Idee gekommen zu sein.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Jasmin Schreiber über Online-Lesungen

Anja Rützel und Jasmin Schreiber bei einer Online-Lesung
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hessenschau.de: Streamingformate scheinen für die Kulturbranche jetzt eine Chance zu sein, trotz Corona ein Publikum zu finden.

Schreiber: Ich bin total überrascht, wie schnell das ging. Mich haben ganz viele Autoren angerufen und gefragt: "Kannst du mir erklären, wie du das machst?" Innerhalb von drei bis vier Tagen hat die ganze Kulturbranche auf Livestream umgestellt: Orchester streamen live, Schauspiel wird live ausgestrahlt. Das Potential war immer da. Es hat nur niemand genutzt, weil alle ein bisschen schüchtern mit digitalen Medien waren, weil es die Notwendigkeit nicht gab. Ich möchte auch weiter ein Live-Format machen, wenn diese Corona-Krise ausgestanden ist, weil mir das sehr viel Spaß macht.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Jasmin Schreiber: "Ich bin generell ein sehr zurückgezogener Mensch"

Jasmin Schreiber
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hessenschau.de: Wie erleben Sie selbst die Zeit der häuslichen Isolation?

Schreiber: Ich bin generell eher ein zurückgezogener Mensch, auch wenn ich auf Social Media sehr laut und meinungsstark bin. Ich brauche sehr viel Zeit alleine, natürlich auch zum Schreiben. Ich habe das große Glück, in einer großen Wohnung zu wohnen – für eine Person zumindest. Da habe ich einen schönen sonnigen Westbalkon. Weil ich Biologin bin, habe ich einen komplett bewaldeten Balkon, aber auch drinnen mehr als 150 Zimmerpflanzen und viele Terrarien. Ich fühle mich hier sehr wohl. Das ist ein totales Privileg, denn für andere Menschen ist das vielleicht nicht so. Manche leben in einer Situation, in der sie häusliche Gewalt erleben. Mir ist bewusst, dass ich sehr viel Glück habe und dass es für mich nicht so schlimm ist wie für andere.

hessenschau.de: Sie sind mit ihrem Buch "Marianengraben" direkt auf der Spiegel-Bestsellerliste eingestiegen. Hätten Sie damit gerechnet?

Schreiber: Überhaupt nicht. Als mein Verlag mir gesagt hat, sie drucken in der ersten Auflage 10.000 Exemplare, hatte ich total Angst. Ich dachte: "Oh Gott, das kaufen vielleicht 500 Leute und mit der Hälfte bin ich vermutlich verwandt." Und dann war die erste Auflage ausverkauft, bevor das Buch herauskam. Wir mussten schon die zweite Auflage drucken, die auch nach drei Tagen ausverkauft war. Damit rechnet man nicht.

Jasmin Schreibers Roman "Marianengraben"

hessenschau.de: In "Marianengraben" geht es um Depressionen, Krebs und Tod. Das sind ziemlich harte Themen.

Schreiber: Ich hatte zu keiner Zeit geplant, einen Roman über das Sterben zu schreiben. Es ist so passiert. Beim Schreiben ging es mir sehr stark um die Themen Geschwisterliebe und Verlust. Und der stärkste Verlustgrund ist natürlich der Tod. So sind auch Krebserkrankungen zum Thema geworden. Das sind alles Themen, die sehr hart, aber auch sehr präsent im Leben von vielen Menschen sind. Deshalb hat es sich für mich natürlich angefühlt, das zu behandeln, weil das Leben eben so ist, so platt das auch klingt.

hessenschau.de: Die Ich-Erzählerin Paula trauert um ihren kleinen Bruder. Ist es nicht schwierig, von so einem Verlust zu erzählen?

Schreiber: Das war für mich gar nicht schwierig, ich habe selbst einen kleinen Bruder. Ich habe mir vorgestellt, was wäre, wenn er sterben würde. Das würde ich überhaupt nicht aushalten. Wenn man jemanden sehr liebt, dann spürt man auch schon an den Rändern dieser Liebe: "Was ist, wenn diese Person weg ist?“ Ich habe auch viel mit Menschen zu tun, die trauern, und konnte dadurch deren Perspektive einnehmen.

hessenschau.de: Im Buch freundet sich Paula mit Helmut an, einem kauzigen alten Mann, den sie auf dem Friedhof trifft. Was macht ihn so besonders?

Schreiber: Helmut ist ein verstockter Typ, der einen ziemlich nerven kann. Ich wohne selbst über jemandem, der so ist. Der würde bei einer Party schon um 21.50 Uhr die Polizei rufen, weil die ja zehn Minuten braucht, bis sie kommt. Helmut ist ein richtiger Durchschnittstyp, aber ich finde ihn trotzdem interessant. Wenn man ihn kennenlernt, ist er ein Mensch mit Gefühlen und Ängsten und Schmerz, aber auch viel Lustigem in sich. Er ist ein bisschen knurrig nach außen, aber eigentlich ein ganz lieber Mensch.

hessenschau.de: Und es stellt sich heraus: beide trauern

Schreiber: Genau, das passiert oft, wenn man Leute nicht kennt und sie dann kennenlernt. Plötzlich klickt ist. Das heißt nicht, dass man sich dann anfreunden muss. Aber man merkt, dieser Mensch ist wie ich. Paula und Helmut finden sich am Anfang gegenseitig nervig, aber in ihrer Trauererfahrung treffen sie sich plötzlich. Wenn Trauer eine Sprache wäre, hat Paula zum ersten Mal jemanden gefunden, der die gleiche Sprache spricht, wenn auch mit einem anderen Dialekt.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Jasmin Schreiber: "Tod und Schuld haben viel miteinander zu tun"

Jasmin Schreiber
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hessenschau.de: Trotz der schwierigen Themen gibt es im Roman immer wieder komische Momente, die oft mit Tieren zu tun haben. Ein Huhn und ein Hund sind Nebenfiguren. Hat das einen besonderen Grund?

Schreiber: Ich habe als Zoologin viel mit Tieren zu tun. Ich finde, Tiere sind ein bisschen wie Kinder, die in einer schweren Situation für "Comic Relief" (engl. "befreiende Komik", d. Red.) sorgen. Ich habe das bei meiner ehrenamtliche Arbeit in der Trauerbegleitung oft bei Sternenkind-Einsätzen, wenn ganz kleine Kinder in sehr traurigen Momenten dabei sind. Auf einmal sagt dann der fünf Jahre alte Bruder eines verstorbenen Kindes: "Wieso sehen denn seine Arme aus wie Bockwürste?" Dann stehen alle herum und müssen lachen.

Ich finde, Tiere tragen auch etwas in sich, was nicht so ernst ist. Sie tun ganz frei heraus einfach Dinge, über die man als erwachsener Mensch lachen muss, weil es so absurd ist. Das wollte ich in dem Roman auch zeigen. Ich habe ja sehr viel mit Tieren zu tun und erlebe so absurde Situationen mit denen. Deswegen schauen wir ja auch alle im Internet Tier-Videos.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Jasmin Schreiber: "Das ist das Krasseste, was man als Autorin hören kann"

Schriftstellerin Jasmin Schreiber
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hessenschau.de: Ging es Ihnen mit dem Buch auch darum, trauernden Menschen zu helfen?

Ich hatte gar keine Intention bei dem Buch. Mich selbst stört es, wenn ich einen Roman lese und merke, der Autor will mir was beibringen. Also bin ich so gar nicht rangegangen. Aber ich höre viel von Menschen, dass ihnen das Buch bei ihrer Trauerbewältigung hilft. Mir haben auch Leute geschrieben, dass sie selbst depressiv sind und sich jetzt einen Therapieplatz suchen wollen wegen des Buches. Das ist das Krasseste, was man als Autorin hören kann: dass das Buch wirklich etwas mit dem Leben der Menschen macht. Das habe ich mir nicht mal erträumt. Dass das eingetreten ist, macht mich total glücklich.

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Die Autorin

Jasmin Schreiber, geboren 1988 in Frankfurt, ist auf Twitter bekannt als @LaVieVagabonde. Nach ihrem Biologie-Studium in Marburg und Wien arbeitete sie unter anderem als Journalistin, Illustratorin und in der Kommunikationsbranche. Für ihr Blog "Sterben Üben" wurde Jasmin Schreiber 2019 mit dem Preis "Goldener Blogger" ausgezeichnet. Ihr Debütroman "Marianengraben" erschien 2020.

Sie engagiert sich ehrenamtliche Arbeit in der Trauerbegleitung. Sie unterstützt unter anderem Eltern von "Sternenkindern" - also Babies, die vor oder während der Geburt sterben.

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Das Interview führte Marcel Sommer.