Buchpreis Mentzer

"Es gab welche, die hätte ich in die Ecke pfeffern mögen." Als Mitglied der Buchpreis-Jury hat hr2-Redakteur Alf Mentzer in letzter Zeit viele Bücher gelesen. Sehr viele. Ob er das mittlerweile leid ist und ob es in der Abstimmung der Jury Streit gab, erzählt er im Interview.

Am Montag wird in Frankfurt der Deutsche Buchpreis verliehen. Welche sechs Finalisten sich Hoffnung auf die Auszeichnung machen dürfen, steht in der Shortlist, die Mitte September veröffentlicht wurde. hr2-Literaturredakteur Alf Mentzer ist diesmal Teil der Buchpreis-Jury. Im Interview erzählt er, wie die Diskussionen mit den anderen Jury-Mitgliedern liefen.

hessenschau.de: Herr Mentzer, Sie lesen ohnehin viel für den Hessischen Rundfunk (hr), jetzt haben Sie zusätzlich für die Buchpreis-Jury monatelang Romane gewälzt. Haben Sie momentan noch Lust aufs Lesen oder ist jetzt erst einmal, sagen wir, Serien gucken angesagt?

Alf Mentzer: Ja, es gab Wochenenden, an denen ich gesagt habe, jetzt gucke ich tatsächlich lieber eine Serie (lacht). Aber nein, generell habe ich weiter Lust zu lesen. Ich habe jetzt Lust, auch mal wieder andere Texte, beispielsweise Krimis oder ausländische Literatur zu lesen. Dazu bin ich ein ganzes Jahr nicht gekommen.

hessenschau.de: Wie viele von den insgesamt 203 Romanen mussten Sie als Buchpreis-Juror lesen?

Mentzer: Ich schätze, es werden insgesamt so zwischen 70 und 80 gewesen sein. Es gibt einen persönlichen Pflichtteil. Den hat der Börsenverein per Zufallsprinzip unter uns sieben Juroren aufgeteilt. Das waren etwa 30 Romane pro Juror, die man dann auch begutachten musste. Ein kleiner Text nur, aber immerhin musste man formulieren, warum das Buch preiswürdig ist oder nicht, oder worüber nochmal diskutiert werden sollte.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Alf Mentzer über die Bücher der Shortlist

Ein Bücherstapel - oben rechts das Logo 2019 Deutscher Buchpreis
Ende des Audiobeitrags

Dann ging die Arbeit aber erst richtig los: Dann kamen die Bücher dazu, die aus dem Pflichtteil der anderen Juroren stammten. Wenn man zum Beispiel deren Urteile liest und das Gefühl hat: Das hört sich so spannend an, dass ich das Buch auch lesen und mitdiskutieren möchte. Dann gibt es Texte, bei denen man im ersten Moment nicht ganz versteht, warum sie nicht für buchpreiswürdig befunden wurden. Die liest man auch, weil man sie eventuell in der Jury-Diskussion stärker vertreten möchte.

Irgendwann im frühen Sommer war ich an dem Punkt, wo ich meine Pflicht getan hatte und die Kür losgehen konnte. Die hat aber auch besonderen Spaß gemacht, weil es nur Romane waren, die tatsächlich toll waren.

hessenschau.de: Gab es unter den Pflichttiteln auch welche, die Sie nach 20 Seiten in die Ecke gepfeffert haben?

Mentzer: (lacht) Es gab welche, die hätte ich in die Ecke pfeffern mögen, aber so gehe ich mit Büchern nicht um. Ja, bei über 200 Romanen eines Jahres sind welche dabei, die man freiwillig nicht lesen würde. Man macht es aber, auch wenn es Zeit kostet…

hessenschau.de: Wie schnell sind Sie denn inzwischen im Lesen?

Mentzer: Das ist ganz unterschiedlich. Das hängt von den einzelnen Romanen ab - nicht nur von der Länge, sondern auch wie sie geschrieben sind. Es gibt Bücher, die kann ich an einem Tag durchlesen. Ich habe Romane mit in die Ferien genommen, da habe ich auch mal zwei am Tag geschafft. Dann gibt es Bücher, da schaffe ich am Tag 50 Seiten, weil sie so kompliziert sind und ich hin und wieder zurück springen und Seiten nochmal lesen muss.

hessenschau.de: Wie lief der Austausch unter den Jury-Mitgliedern?

Mentzer: Wir haben uns einmal im Frühjahr getroffen, um uns zu konstituieren. Dann haben wir uns einmal im Sommer getroffen, um zu entscheiden, welche 20 Titel auf die Longlist kommen. Und dann haben wir uns vor vier Wochen getroffen, um die Shortlist zu entscheiden. Jetzt werden wir uns am 13. Oktober noch einmal treffen, am Tag vor der Verkündung des Buchpreises, um aus den sechs verbliebenen Romanen den Sieger zu küren.

hessenschau.de: Wie lange haben Sie jeweils diskutiert?

Mentzer: Das ging tatsächlich den ganzen Tag. Gerade das Treffen zur Longlist lief von morgens um 10 Uhr bis etwa 17 Uhr. Das war schon anstrengend. Ich schätze mal, es waren 50 Romane in der engeren Auswahl und wir mussten uns schon über jeden austauschen. Danach waren wir alle ziemlich durch.

hessenschau.de: Und dazwischen? Gab es eine Buchpreis-WhatsApp-Gruppe?

Mentzer: Für dazwischen gab es einen Mail-Verteiler. Jeder hat jede Roman-Beurteilung immer an alle geschickt. Das war ganz aufschlussreich. Ich hatte erst sehr viel Respekt davor, so viele Beurteilungen schreiben zu müssen, weil man sich mehr überlegen muss als zu sagen: Gefiel mir oder gefiel mir nicht. Aber es brachte sehr viel Spaß und war ein unheimlich interessanter Austausch mit den anderen Juroren.

hessenschau.de: Gab es auch mal Streit?

Mentzer: Wenig eigentlich. Es waren drei, vier Romane, über die es eine längere Diskussion gab. Das war aber kein Streit. Es lief darauf hinaus, den oder die andere Jurorin davon zu überzeugen, wie man den Roman auch sehen könnte oder wie man ihn nicht sehen sollte, weil man ihn eben nicht so toll fand. Das war aber nie verbissen. Der Umgang der Jury miteinander war von Anfang an toll.

hessenschau.de: Es schwebt ein Leitthema über der Shortlist: Identität. Wann hat sich das herauskristallisiert?

Mentzer: Das hat sich zum Schluss von selbst ergeben. Man geht ja nicht ran und macht sich irgendwelche Vorgaben wie: Wir möchten ein Thema, eine bestimmte Altersgruppe oder bestimmte Verlage besonders profilieren. Identität ist ein Thema, das schlicht in der Gesellschaft in der Luft liegt und auf das viele Schriftsteller deshalb reagieren. Das treibt uns als Jury vielleicht auch um. Wenn man dann literarische überzeugende Antworten findet, dann findet man sie vielleicht interessanter als Fragestellungen, die möglicherweise aus der Zeit gefallen sind.

hessenschau.de: Das heißt, Sie haben auch nicht bewusst auf eine gendergerechte Verteilung der Shortlist geachtet?

Jury des Deutschen Buchpreises: V.l.n.r.: Jörg Magenau, Daniela Strigl, Alf Mentzer, Margarete von Schwarzkopf, Björn Lauer, Petra Hartlieb, Hauke Hückstädt

Mentzer: Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich irgendeine Jury als Ziel setzt, auf bestimmte Vorgaben zu achten. Das kann in seltenen Fällen vielleicht mal eine Rolle spielen: Nehmen wir mal an, man hätte eine Auswahl getroffen und stellt dann plötzlich fest, da sind ja jetzt nur Männer, oder da sind nur Autoren oder Autorinnen eines Verlags drauf, dann würde man wahrscheinlich schon überlegen, ob es nicht doch andere Möglichkeiten gibt. Aber in dieser Verlegenheit waren wir nie. Und da im vergangenen Jahr eine Frau den Deutschen Buchpreis gewonnen hat, hatte ich sowieso das Gefühl, wir sind von der Gender-Frage ein wenig entlastet.

Im vergangenen Jahr hatte die Jury tatsächlich das Problem, dass es in den ganzen Jahren zuvor immer ein Übergewicht der Männer auf den Long- und Shortlisten gegeben hatte, der Buchpreisgewinner viermal hintereinander eben ein Gewinner, also ein Mann, war. Dann steigt von Jahr zu Jahr vielleicht doch der Druck, glaube ich.

Aber das darf man nicht über die literarische Qualität des einzelnen Textes stellen. Man tut den Autoren und Autorinnen keinen Gefallen, wenn man sie aufgrund solcher Kriterien hervorhebt. Es müssen gute Texte sein und letztendlich waren es Texte, die uns positiv überrascht haben, die uns interessiert haben, wo wir das Gefühl hatten: Das ist originell, das haben wir so noch nicht gelesen.

hessenschau.de: Hatten Sie persönliche Highlights?

Mentzer: (lacht) Ja, die verrate ich nur nicht.

hessenschau.de: Sind davon welche auf der Shortlist zu finden?

Mentzer: Teils, teils. Ich musste auch Abstriche machen. Es gab auch Autoren und Autorinnen, die ich nicht durchbekommen habe. Es war letztendlich so, dass sowohl auf der Longlist wie auch auf der Shortlist ein großer Teil der Liste sehr schnell im Konsens entschieden wurde. Bei der Longlist ging es nur noch um einzelne Plätze und bei der Shortlist eigentlich nur noch um einen oder zwei der sechs Plätze, für die wir mehrere Kandidaten und Kandidatinnen hatten. Da wurde dann einfach abgestimmt. Also, auch auf der Shortlist sind Titel, die mich von Anfang an stark überzeugt haben.

hessenschau.de: Würden Sie den Job nochmal machen?

Mentzer: Es hat viel mehr Spaß gemacht, als ich erwartet habe. Ich hatte wirklich Respekt davor. Ich hatte mir auch lange überlegt, ob ich das neben meiner Arbeit im hr überhaupt schaffe. Ich bin aber nie an den Punkt gekommen, wo ich mich übermäßig unter Stress gesetzt gefühlt habe. Insofern: Ich würde das gerne irgendwann mal wieder machen. Ich finde es aber sehr sinnvoll, dass es jedes Jahr eine ganz neue Jury macht, damit sich da nichts einschleicht. Aber es war wirklich eine tolle Erfahrung.

Weitere Informationen

Der Deutsche Buchpreis

Mit dem Deutschen Buchpreis zeichnet der Börsenverein des Deutschen Buchhandels seit 2005 jährlich den besten deutschsprachigen Roman aus - immer zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse. Der Autor des Siegertitels erhält 25.000 Euro, die fünf anderen Finalisten bekommen je 2.500 Euro. In den vergangenen Jahren wurden unter anderem Uwe Tellkamp, Bodo Kirchhoff und Inger-Maria Mahlke ausgezeichnet.

Ende der weiteren Informationen

Das Gespräch führte Sonja Fouraté.