Kunstuni-Studierende protestieren gegen Corona-Auflagen

Seit Monaten können Kasseler Kunststudenten wegen Corona nicht in Werkstätten und Ateliers arbeiten. Aus Protest gehen sie auf die Straße - und erobern Waschsalons und leere Bars für ihre Werke.

Im Waschsalon an der Kasseler Friedrich-Ebert-Straße sortiert eine Mann seine Schmutzwäsche, über ihm prangt ein Foto von Tier-Gedärmen. An einer anderen Wand hängt über den Maschinen eine Porträt-Reihe: Eine Frau liegt auf einer Wiese mit Gänseblümchen, eine andere isst einen Döner.

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Die Bilder stammen von Studierenden der Fotoklasse der Kasseler Kunstuniversität. Der jährliche Rundgang musste wegen Corona ausfallen, die Studenten wollten trotzdem ausstellen: Insgesamt 80 Orte in der ganzen Stadt konnten sie kurzfristig finden, 430 Studierende seien beteiligt, sagt Mit-Organisatorin Flora Weber.

Kunst in Schaufenstern und im Park

Eine Notlösung, die gut funktioniert: Leere Schaufenster, durch Corona geleerte Bars, Wiesen der Karlsaue, eine Unterführung, die Auslage einer Buchhandlung und zwei Waschsalons zeigen nun Kunst. An manchen Orten gibt es Performances unter freiem Himmel. So sehen auch Leute die Kunst, die sonst wohl nicht zum Rundgang gekommen wären.

Die Orte können über die extra erstellte Internetseite gefunden werden. Dort gibt es auch digitale Ausstellungsorte mit 360-Grad-Fashion-Show, Kurzfilmen, Lesungen und Grafik-Collagen. "Lasst mich in die Uni rein, ich mal euch auch ein Blümelein", dichtet eine Studentin zynisch auf ihrer Internetseite.

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Der Alternative Rundgang in Kassel

Noch bis Sonntag sind die Werke der Studierenden im Stadtgebiet von Kassel ausgestellt. Auf einer eigens eingerichteten Internetseite sind die Orte notiert sowie Links zu den digitalen Ausstellungen.

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Es gibt viel Unmut unter den Studierenden: "Fitnessstudios und Biergärten haben auf, aber wir dürfen nicht in den Werkstätten arbeiten", kritisiert Weber. Sie seien "rausgeschmissen" worden, müssten aber weiter Semesterbeitrag zahlen, obwohl sie nicht studieren könnten. Einige Dinge seien digital möglich, aber auch die Kommunikation mit der Universität sei schwierig. Manche bringe die Situation auch in Existenznöte, das Studium gehe nicht voran, durch Corona hätten manche ihre Nebenjobs verloren.

Mit Pappmaché-Virus auf die Straße

Mit Beginn der Pandemie wurden die Türen der Universität geschlossen, die Werkstätten und Ateliers standen leer, Arbeiten war nicht mehr möglich. Noch immer hängen an den Türen der Kunstuniversität Schilder, dass der Zugang nur sehr begrenzt möglich sei.

Am Mittwochvormittag demonstrierten rund 50 Studierende gegen die Auflagen und zogen durch die Innenstadt. "Ich darf nach Malle fliegen, aber nicht im Atelier arbeiten", hat eine Studentin auf ihr Plakat geschrieben.

"Ich habe die Werkstätten noch nicht von innen gesehen", sagt Studentin Arndis. Die 25-Jährige ist im ersten Semester und studiert Kunst - zumindest theoretisch. Sie hat keinen Ort zum Arbeiten, das Ersti-Treffen fand online statt wie auch einige Seminare. Es gebe bislang nicht die Perspektive, dass sich das ändere, sagt sie. Zur Demonstration hat sie ein Virus aus Pappmaché mitgebracht, das sie auf dem Kopf trägt.

Neben ihr steht Julius, Lehramtsstudent. Er sagt, es werde offenbar mit zweierlei Maß gemessen: In den Schulen würden wieder Kinder unterrichtet, während die Universität dicht sei, das betreffe auch andere Studiengänge. Zwar habe er digital an Software-Seminaren teilnehmen können, manches funktioniere über Zoom, aber Kunst bedeute vor allem auch Handwerk und Arbeit in Werkstätten und Ateliers. Dinge, die nicht Zuhause erledigt werden können.

Kunstuniversität arbeitet an Hygiene-Konzepten

Die Kunstuniversität gehört zur Kasseler Universität und die Corona-Vorgaben müssten befolgt werden, sagt Daniel Hornuff, Studienrektor und Professor für Theorie und Praxis der Gestaltung. Gerade zu Beginn der Pandemie habe es ein Verbot gegeben, überhaupt die Gebäude zu betreten - wie auch in den anderen Gebäuden der Universität. Sie hätten "Tabula-Rasa" machen müssen, Präsenz war nicht mehr möglich, dabei seien die Vorgaben des Landes befolgt worden.

Er hat teils Verständnis für den Unmut der Studierenden, die Situation sei belastend, die Arbeit an physischen Objekten unmöglich. "Es lief nicht alles toll", sagt Hornuff. Allerdings könnten nun zumindest Studierende, die ihren Abschluss machen, wieder arbeiten. Auch Treffen zwischen einem Studenten und einem Dozenten seien wieder möglich.

Die Lehrenden hätten digital Seminare abgehalten. Für das Wintersemester würde derzeit an weiteren Hygiene-Konzepten gefeilt, damit zumindest in Kleingruppen wieder gearbeitet werden könne. Es werde ein "Hybrid-Semester", digital und zumindest teilweise wieder vor Ort.