Karl Börries sitzt auf der Tanzfläche seines "Club 22".

Verwaiste Tanzflächen, stumme Bassboxen - seit über einem Jahr ist es still in Diskotheken. Mit sinkender Inzidenz öffnen zwar wieder Lokale und Bars, aber die Clubs bleiben zu. Ein Betreiber aus Kassel erzählt, wieso.

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zum Video Ausgetanzt – droht ein Club und Diskothekensterben?

hs
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Ein Jahr, drei Monate, acht Tage - so lange sind die Clubs und Diskotheken schon geschlossen. Seit 13. März 2020 sind die Tanzflächen leer, steht niemand mehr am Tresen. Doch die Inzidenzen sinken. Können Hessens Clubbetreiber bald wieder durchstarten?

Das hofft Karl Börries aus Kassel - aber recht glaubt er nicht daran. Mit einem Geschäftspartner führt er seit mehr als 20 Jahren das York in der Innenstadt und den Club 22 in der Friedrich-Ebert-Straße. Hier, zwischen Ständeplatz und Annastraße, liegt die Kasseler Partymeile, mittendrin der Club 22. Wo vor Corona am Wochenende Menschen dicht an dicht feierten, wirkt es seit März 2020, als habe jemand den Strom abgestellt. Am Eingang stehen gestapelte Tische, die Bar im Erdgeschoss ist verwaist, das spärliche Licht im Keller spiegelt sich in den Wänden der leeren Tanzfläche.

Der Stillstand macht Börries zu schaffen, wie er sagt: "Es ist gruselig, unsere Clubs über so einen langen Zeitraum nur leer zu sehen. Wir vermissen unserer Mitarbeiter, die Stimmung und auch den Stress am Wochenende. Und vor allem vermissen wir unsere Gäste!" Insgesamt 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben die beiden Clubs vor Corona am Laufen gehalten. Diese seien in Kurzarbeit oder hätten sich umorientiert, berichtet Börries. Dass hier bald wieder die Musik wummert und das Leben tobt, damit rechnet er nicht: "Wir waren die Ersten, die geschlossen wurden, und sind sicher die Letzten, die wieder öffnen werden."

Das Interieur des "Club 22" - die Tanzfläche und die Bar. Daneben steht ein Baugerüst.

Dankbar für staatliche Unterstützung

Immerhin, das York und den Club 22 gibt es noch. Andere haben die Durststrecke nicht überlebt. Der alteingessene Frankfurter Clubkeller musste schließen, ambitionierte Projekte wie der Club Grauzone in Kassel haben gar nicht erst aufgemacht. Andere haben gleich ganz umgesattelt und arbeiten als Lehrer, statt an den Plattentellern zu drehen.

Börries und sein Partner sind nach eigenen Angaben halbwegs gut durch die Krise gekommen. Sie hätten ihre Kosten, wo immer möglich, sofort auf das absolute Minimum reduziert. Die staatlichen Corona-Hilfen von Bund und Land und die Aktion "Kopf hoch, Kassel!" hätten sie zusätzlich unterstützt. Dafür sei man sehr dankbar, sagt der Clubbetreiber: "Ohne diese Hilfen wäre auch für uns die Luft nach mehr als 15 Monaten ohne Einnahmen sicherlich sehr dünn geworden."

Feiern mit Hygienekonzept - klappt das?

Abstand halten, Hygiene beachten, Maske tragen - die AHA-Regel klingt nicht nach einer ausgelassenen Party, nicht danach, den Emotionen zur Musik freien Lauf zu lassen, nicht nach Flirtversuch und Knutschereien in dunklen Ecken. Clubs und Diskotheken leben vom Kontakt der Menschen, von der Fülle, vom Trubel, doch all das ist wenig angesagt in einer Pandemie.

Dazu komme, dass Clubs nur am Wochenende geöffnet hätten, sagt Börries. So brauche man an den acht Öffnungstagen im Monat entsprechend viele Gäste, um rentabel zu sein. Ein Betrieb unter der Auflage, pro Gast fünf oder sogar zehn Quadratmeter vorzusehen, könne seine Kosten absolut nicht decken, mahnt der Clubbetreiber: "Ein Club ist keine Pizzeria, in der man einfach die Anzahl der Tische reduziert. Wir sind eine Versammlungsstätte."

Club-22-Chef Börries setzt jetzt auf einen Neustart im Spätherbst und steckt mitten in der Planung für eine mögliche Öffnung - mit Luftreinigungsanlagen mit Virenfiltern, einem Hygienekonzept und mehr Sitzplätzen und Loungebereichen.

Verständnis für illegale Partys, aber ...

Versammlungen finden seit der Schließung der Clubs woanders statt. Anfang März feierten hunderte Menschen im Frankfurter Hafenpark - viele von ihnen ohne Maske und Abstand. Auch auf der Kasseler Partymeile wurde einige Nächte wild Party gemacht, bis die Stadtverwaltung die Notbremse zog und Alkoholverbotszonen einrichtete.

Dass immer mehr Menschen illegal feiern, wundert Börries nicht. Er selbst sehe sich als Anwalt seiner Gäste. Viele wüssten gar nicht, was sie noch dürften und was nicht. Doch bei allem Verständnis für die Feiernden könne er deren Verhalten häufig nicht verstehen, etwa dass sie ihren Müll auf der Straße oder in Parks haufenweise liegen lassen würden. Dadurch machten sie sich unbeliebt bei Anwohnern und Stadtverwaltung - zum eigenen Schaden, findet der Clubbetreiber: "Für die Leute wäre viel mehr möglich, wenn sie nicht jede Fläche wie ein Schlachtfeld hinterlassen würden."

Ingo Zitzelberger, Geschäftsführer der Großraumdisco A7 in Kassel, sieht die illegalen Partys mit Sorge: "Es ist verantwortungslos, was zum Teil betrieben wird. Da treffen sich Menschen gruppenweise auf einem Platz, und die Polizei steht tatenlos daneben." Ebenso wie Victor Oswald von der Initiative "Clubs am Main" wünscht er sich mehr Feier-Perspektiven für die Menschen. Wenn man keine Angebote schaffe, um das Bedürfnis zu feiern zu stillen, dränge man die Menschen in illegale Bereiche.

Positive Aspekte der Krise

Börries kann der Pandemie trotz aller Sorgen auch positive Aspekte abgewinnen. Die Gastronomen der Kasseler "Meile" seien näher zusammengerückt, tauschten sich regelmäßig aus und hälfen einander, wo nötig. Außerdem sei klar geworden, wie wichtig Clubs und Veranstaltungen für die Menschen seien.

So war bei einer Demo der Clubszene am 13. Mai in Kassel auf einem Plakat zu lesen: "Wenn die Clubs zu haben, zu welchem Psychologen gehe ich tanzen?"

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