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Audioseite Kinderemigration aus Frankfurt: Ruth Westheimer erzählt ihre Geschichte

Kombo; altes Familienfoto s/w mit Ruth Westheimer als kleines Mädchen und ein aktuelles Foto

Es sollte nur eine kurze Trennung sein: Nach der Reichspogromnacht schickten jüdische Eltern rund 20.000 Kinder ins Ausland, darunter allein 600 Kinder aus Frankfurt. Eine von ihnen war die bekannte Soziologin Ruth Westheimer. Bis heute erinnert sie sich an die letzten Momente mit ihrem Vater.

Bevor der Vater auf den Transporter der Gestapo steigt, dreht er sich noch einmal um, winkt und versucht zu lächeln. Es ist der 16. November 1938, der Buß- und Bettag, als Ruth Westheimers Vater im Frankfurter Nordend verhaftet und ins KZ Dachau deportiert wird. Seit der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November organisieren die Nazis die systematischen Verfolgung von Jüdinnen und Juden.

Erst später, sehr viel später, wird Ruth Westheimer realisieren, dass sie ihren Vater nie wieder sieht. Doch sie hat es ihm zu verdanken, dass sie überlebt, später eine international bekannte Soziologin und Sexualtherapeutin werden kann: "Vom Arbeitslager hat er eine Karte geschickt, dass ich mit dem Kindertransport in die Schweiz muss", erinnert sich die heute 93-jährige Jüdin.

Westheimer im Sommerlager - KInder beim Essen

"Ich wollte nicht weg", sagt sie. "Ich war das einzige Kind, lebte mit Mutter und Großmutter, aber auf dieser Karte hat der Vater geschrieben, dass er nur vom Arbeitslager zurück nach Frankfurt kann, wenn ich mit dem Kindertransport in die Schweiz gehe. Ich hatte keine Wahl."

"Habe Kinderlieder gesungen"

Der Vater ahnt um die Gefahr, macht Druck, und so bringen Mutter und Großmutter die gerade einmal Zehnjährige am 5. Januar 1939 an den Frankfurter Hauptbahnhof. Zusammen mit etwa 100 anderen jüdischen Kindern geht es mit dem Zug in die Schweiz.

Noch denken sie, dass die Trennung nur von kurzer Zeit sein wird. "Ich habe mit den anderen Kindern Kinderlieder gesungen, 'Hänschen klein', 'Kommt ein Vogel geflogen', deutsche und hebräische Kinderlieder von der Synagoge, damit wir nicht so traurig sind", beschreibt Westheimer, die damals noch Karola Ruth Siegel heißt.

20.000 Kinder emigrieren

Wie Westheimer geht es rund 20.000 Kindern aus ganz Deutschland. Aktivisten und jüdische Gemeinden im Ausland organisieren diese Transporte, etwa nach Frankreich, Belgien, in die Niederlande oder nach England. Die Deutsche Nationalbibliothek (DNB) hat dazu eine Ausstellung organisiert, die die Lebenswege von sechs Kindern nachzeichnet.

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"Kinderemigration aus Frankfurt"

Die Ausstellung läuft noch bis zum 15. Mai 2022. Gezeigt werden die sehr unterschiedlichen Biografien von Lee Edwards, Josef Karniel, Renata Harris, Lili Schneider, Elisabeth Reinhuber-Adorno und eben Ruth Westheimer. Weiterführende Informationen halten ein begleitender Katalog und ein Rahmenprogramm bereit. Zu den Exponaten der Ausstellung gehören Briefe, die oft die letzten Mitteilungen der Eltern waren, Tagebücher und Interviews.

Die Ausstellung soll zeigen, wie sehr es auf die Unterstützung Einzelner bei der Rettung von Flüchtlingen ankommt - auch wenn die Rahmenbedingungen anders seien, sagt DNB-Leiterin Sylvia Asmus. Frankfurter können ihre Stadt noch einmal neu kennenlernen, fügt sie an: als Ort der Kindheit, aber auch als Ort der Verfolgung, der Emigration. "Wenn man hinterher durch die Stadt geht und weiß, was sich hier alles abgespielt hat, sieht man Frankfurt nochmal aus einer anderen Perspektive."

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Frankfurt ist dabei das Drehkreuz für Transporte aus dem Süden und Südwesten Deutschlands, erklärt Sylvia Asmus, Leiterin der DNB. Allein von hier emigrieren zwischen 1938 und 1939 600 Kinder ins Ausland.

"Kinder durften nicht zur Last fallen"

Neben der emotionalen Belastung macht es die Bürokratie der Nationalsozialisten den Eltern schwer: Es müssen unzählige Fragebögen ausgefüllt oder Gesundheitsbescheingungen vorgelegt werden.

Hinzu kommen Beschränkungen in den Aufnahmeländern, weiß Asmus: "Es gab zum Beispiel klare Regelungen, dass die Kinder den Ländern nicht zur Last fallen duften. Es mussten Pflegefamilien, Organisationen oder Heime bereitstehen."

Erinnerungen an schöne Kindheit

Ruth Westheimer mit ihren Eltern

Ruth Westheimer lebt sechs Jahre in einem Kinderheim in Heiden im Schweizer Kanton Appenzell, das sich nach und nach in ein Waisenhaus verwandelt. Die Erinnerungen an ihre glückliche Zeit in Frankfurt geben ihr Halt, sagt sie.

Es sind Erinnerungen an die Brahmsstraße 8 im Nordend, an die Samson-Raphael-Hirsch-Schule, in die ihr Vater sie mit dem Rad brachte, vor allem aber an den Höhepunkt der Woche, den Freitag: Dann ging es in die Synagoge, vorher gab es frisch gebackenen Kuchen oder auch mal ein Eis vom Vater.

Kinder werden erneut traumatisiert

Auch anderen Kindern in ihrem Heim hätten glückliche Erinnerungen geholfen, sagt Westheimer, und ihr Zusammenhalt. Für ein Forschungsprojekt habe sie später die Waisen gesucht, die mit ihr im Heim waren, erzählt sie, und war erstaunt: "Die haben alle überlebt und aus allen ist etwas geworden", erzählt sie.

Viele andere Waisen haben dieses Glück nicht: Diejenigen, die etwa nach Belgien oder in die Niederlande transportiert werden, fallen im Krieg in die Hände der Nazis.

Andere müssen sich allein in Flüchtlingslagern durchschlagen oder kommen in wechselnde Pflegefamilien, werden im Krieg (erneut) traumatisiert, etwa, weil sie für deutsche Spione gehalten werden. "Ein Gefühl der Sicherheit kann sich nicht einstellen", sagt Sylvia Asmus. Auch das zeigt die Ausstellung in der DNB.

Westheimers Familie ausgelöscht

Ruth Westheimers Vater Julius Siegel kehrt derweil tatsächlich noch einmal nach Frankfurt zurück, wird aber 1941 mit der Mutter und der Großmutter in das Ghetto Litzmannstadt/Lodz deportiert.

Dort stirbt die geliebte Oma am 11. Januar 1942, der Vater kommt am 25. März 1942 ums Leben. Mutter Irma gilt lange als verschollen und wird nach dem Krieg für tot erklärt.

Erfolg in den USA

Ruth Westheimer - jung

Zu der Zeit hat auch Ruth Gewissheit: Auf keiner der Überlebendenlisten stehen ihre Eltern. 1945 geht sie zunächst nach Palästina, studiert später in Paris Psychologie und emigriert 1956 in die USA.

Dort wird sie Soziologin, promoviert, heiratet ihren dritten Mann Manfred Westheimer (1927–1997) und wird zu einer international bekannten Sexualforscherin.

Auch als Dozentin ist sie gefragt, ihre Radio- und TV-Shows sind in Amerika ein Hit: "In der jüdischen Tradition heißt es: Wenn man mit Humor unterrichtet, merken sich die Studenten, was gelehrt worden ist. Ich erzähle keine Witze, aber ich kann Humor benutzen, um den Menschen das Thema Sexualität näher zu bringen."

Großer Bogen um den Bahnhof

Und so blickt sie ohne Verbitterung auf ihr langes Leben zurück: "Ich habe das Glück gehabt, einige Male zu heiraten", sagt sie schmunzelnd. "Die letzte Ehe hielt über 20 Jahre, bis ich Witwe geworden bin. Ich habe zwei wunderbare Kinder und vier Enkelkinder. Ich habe also allen Grund, dankbar zu sein."

Seit 2014 besitzt sie auch wieder die deutsche Staatsbürgerschaft - den jungen Deutschen mache sie keinerlei Vorwürfe, sagt sie. Immer wieder kommt sie für Vorträge oder zur Buchmesse nach Frankfurt - der Stadt, mit der sie so viel Schönes, aber auch so viel Leid verbindet.

Nur um den Hauptbahnhof macht sie einen großen Bogen: "Dort habe ich meine Mutter und meine Großmutter das letzte Mal gesehen, als ich mit dem Kindertransport in die Schweiz fuhr."

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