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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Die Angst vor dem großen Kinosterben

Ein Kino mit einer wegen Corona abgesperrten Sitzreihe

Den Kinos geht es schlecht. Wegen der Corona-Pandemie und der strengen Auflagen schreiben sie seit Monaten rote Zahlen. Mit dem Teil-Lockdown im November geht es nun um ihre Existenz.

Winterzeit ist Kinozeit. Normalerweise. Doch in diesem Corona-Jahr ist alles anders. Nach einer ersten Schließung im Frühjahr kam die Öffnung unter strengen Auflagen und jetzt der neuerliche Teil-Lockdown im November. Die hessische Kinokette Kinopolis etwa befürchtet deswegen "dramatische wirtschaftliche Konsequenzen", wie Geschäftsführer Gregory Theile berichtet. Das Familienunternehmen mit Sitz in Darmstadt betreibt überwiegend Multiplex Kinos an bundesweit 17 Standorten und zählt damit zu den größten Kinobetreibern Deutschlands.

Die Kette hatte in den ersten zehn Monaten des Jahres bereits einen Umsatzrückgang von 65 Prozent zu verzeichnen, jetzt die Schließung im November. Das, so Theile, sei ein Verlust von zehn Millionen Euro im Vergleich zum Vorjahr und könnte sich zu einem Minus von 70 bis 75 Prozent im Vergleich zum Vorjahr aufbauen. Eine "verheerende" Bilanz, wie er sagt.

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Verluste schon vor November

Die Beschränkungen wegen der Corona-Pandemie haben Hessens Kinos schon vor November hart getroffen. Im ersten Halbjahr 2020 hat sich die Zahl ihrer Besucher und der Umsatz mehr als halbiert, wie aus Zahlen der Filmförderungsanstalt (FFA) in Berlin hervorgeht. Demnach besuchten von Januar bis Juni 2,02 Millionen Menschen die Kinos. Im Vorjahreszeitraum waren es 4,16 Millionen gewesen. Die Umsätze sanken von 35,57 Millionen Euro auf 16,97 Millionen.

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Umsatz mehr als halbiert

Auch Birgit Gimbel musste ihr Kino für den November schließen. Zusammen mit Vorstand Marcus Müller betreibt sie in Biblis "Die Filminsel", ein kleines Programmkino, das sowohl amerikanische Blockbuster als auch europäische Arthousefilme zeigt. Gimbel ist pessimistisch: Sie glaube nicht, dass "wir nach den vier Wochen wieder öffnen können", sagt sie. Zudem habe sie Angst, ihr Publikum zu verlieren, und schlimmer noch: ihre Mitarbeiter. Denn diese arbeiten ausschließlich ehrenamtlich und es sei "schwer, die Leute bei der Stange zu halten, wenn die Gemeinschaft fehlt."

Nach dem ersten Lockdown im Mai durften Theater und Kinos bundesweit nur unter strengen Hygiene- und Sicherheitsauflagen wieder öffnen. Aber die hessischen Behörden verordneten den Kinos noch härtere Auflagen als im Rest der Republik, sagt Christopher Bausch vom "Cinema" Frankfurt. Zusätzlich zum Abstand von 1,50 Meter mussten Besucher*innen auch noch eine Maske im Saal tragen. In anderen Bundesländern war der Abstand geringer, die Kinos konnten dort "versuchen, eine schwarze Null zu schreiben während wir in Hessen als Kinos dazu verdammt waren, rote Zahlen zu schreiben", sagt Bausch.

"Dann sind unsere Reserven weg"

Viele hessischen Kinos mussten ihre Kapazitäten auf ein Viertel der Sitze herunterfahren, und obwohl viele Vorstellungen ausverkauft waren, schrieben sie rote Zahlen. Für Gunter Deller vom kleinen Programmkino "Mal Seh'n" in Frankfurt ist es eine Frage der Zeit, bis seine Reserven aufgebraucht sind: "Den Winter können wir noch überleben, aber es muss im Dezember weitergehen." Vor dem kommenden Jahr graut es Deller. Wenn bis zum Sommer keine Normalisierung komme und dann die Umsätze saisonal bedingt einbrächen, "dann sind unsere Reserven weg, davor habe ich Angst".

Die Unsicherheit ob und wie es im Dezember weitergeht ist groß. Kino sei ein komplexes Geschäft, erklärt Christopher Bausch vom "Cinema". Anders als in der Gastronomie könnten Kinos nicht einfach nach dem Lockdown wieder öffnen und hoffen, dass es weitergeht. Vor allem die Verleiher bräuchten einen langen Vorlauf, um die Kinos zu beliefern. "Um einen Film ins Kino zu bekommen, müssen Pressevorführungen und Marketing gemacht sowie Kampagnen geschaltet werden", sagt Bausch. "Wenn Verleiher nicht wissen, wann Kinos wieder aufmachen, können die Filme auch nicht beworben werden."

Die Werbeausgaben sind verloren

In der Regel stehe das Kinoprogramm schon Wochen im Voraus fest. Alle Filmstarts im November wurden nun aber abgesagt, und diese könnten "nicht einfach auf den Dezember verschoben werden", erklärt "Mal Seh'n"-Betreiber Gunther Deller. Denn das Programm für Dezember stehe auch schon fest.

Die Werbeausgaben für die Filme, die im November geplant waren, seien also verloren. Wenn die Kinos im Dezember nicht wieder öffnen können, bleiben die Verleiher auch auf diesen Kosten sitzen, sagt Julia Peters vom Filmverleih JIP in Frankfurt. Für den Arthousefilm "Kabul, city in the wind" (Start am 21. Januar 2021) etwa will Peters den Regisseur einfliegen - eigentlich. Ob sie für ihn bis dahin Tickets kaufen oder ein Hotel buchen kann, weiß sie nicht. "Das sind alles Unwägbarkeiten, wo man die ganze Zeit kurzfristig handeln muss."

Konkurrenz durch Streamingportale

Wenn außerdem große Blockbusterfilme wie "Mulan" von Streamingdiensten ausgestrahlt werden, seien selbst die Tage für die großen Kinoketten gezählt, sagt Birgit Gimbel vom der "Filminsel" in Biblis: "Wenn Filme in Zukunft gleichzeitig mit dem Kinostart in irgendwelchen Streamingportalen zu Verfügung stehen oder gar nicht mehr ins Kino kommen, dann würde das zu einem Kinosterben führen."

Sendung: hr2-kultur, 4.11.2020, 16.45 Uhr