Jakob Zapf Tonio Kellner

Es lief gerade gut für Neopol Film: Das Frankfurter Unternehmen hatte gleich drei Spielfilme produziert und mit einem Hollywoodstar gearbeitet. Dann kam Corona. Jetzt hoffen die Gründer auf weitere Lockerungen - und auf eine Reform der hessischen Förderpraxis. Ein Interview.

Am 10. September ist die romantische Kinokomödie "Love Sarah" gestartet, die erste internationale Koproduktion des Frankfurter Unternehmens Neopol Film. Dessen Gründer Tonio Kellner und Jakob Zapf haben sich seit 2014 mit mehreren, teils preisgekrönten Kurzfilmen, ihrer Arbeit mit Schauspiellegende Jürgen Prochnow und der Koproduktion "Max und die wilde 7" in der hessischen Filmlandschaft etabliert.

Die Corona-Beschränkungen waren ein schwerer Schlag für die Branche und auch für das junge Unternehmen. Jetzt hoffen sie auf weitere Lockerungen, erzählen Kellner und Zapf im Interview. Ob sie langfristig in Frankfurt bleiben und Arbeitsplätze schaffen können, sei ungewiss - unabhängig von Corona.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found In England gedreht, in Frankfurt produziert: "Love Sarah"

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hessenschau.de: Herr Kellner, Herr Zapf, wie haben Sie die Corona-Zwangspause erlebt?

Tonio Kellner: Es war auch für uns ein krasser, unerwarteter Einschnitt. Wir hatten aber das große Glück, dass wir zu der Zeit Jakobs Debütfilm "Eine Handvoll Wasser" postproduziert haben. Wir waren also schon im Schnitt und hatten auch keine laufenden Dreharbeiten. Trotzdem haben wir erst einmal die Arbeit unterbrochen und nachgedacht, wie wir weiter mit der Postproduktion umgehen. Wir haben dann eine ganz gute Lösung gefunden, bei der nur wenige Menschen beteiligt sein müssen.

Jakob Zapf: Wir hatten allerdings zwei Kinostarts, die verschoben werden mussten. Das war zum einen "Love Sarah", unsere erste internationale Koproduktion. Der Start wird am 10. September nachgeholt. Der zweite Film war die Koproduktion "Max und die Wilde 7", der am 8. August angelaufen ist. Gerade bei der internationalen Koproduktion war es ein großer Einschnitt.

hessenschau.de: "Love Sarah" war Ihre erste internationale Koproduktion, die in 50 Ländern anlaufen sollte.

Kellner: Allein in Deutschland sollte der Film in über 100 Kinos starten. Dazu hatten wir noch auf der Berlinale Vorführungen für Arthouse-Kinos in ganz Deutschland, die hatten "Love Sarah" alle schon gebucht. Auch die Marketingkampagne fing gerade an, gut zu greifen. Dann kam die Entscheidung: Das geht alles nicht mehr.

Zapf: Dabei war die Marketingkampagne sehr ausgefeilt. Es geht bei "Love Sarah" ja ums Backen, ums Zusammensein, und darauf war das ganze Konzept abgestimmt. Es waren Kooperationen mit Konditoreien geplant, wir hätten Backwerk im Kino verteilt, es war eine Kooperation mit einer prominenten Bäckerin und ihrer Backsendung geplant, es war eine Tour mit der Regisseurin geplant, aber das hat leider alles nicht mehr stattfinden können. Und auch jetzt müssen wir es kleiner fahren. Aber gut, wir sind nicht die einzigen, die es betrifft.

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Kellner: Wir hoffen jetzt, dass der Film etwas länger läuft, weil momentan ja wenige Produktionen starten. Vor allem amerikanische Filme werden noch zurückgehalten. Und wir hoffen auf weitere Lockerungen bei den Kinos.

hessenschau.de: Haben Sie sich von der Politik ausreichend unterstützt gefühlt?

Kellner: In Hessen schon. Wir sind hier filmpolitisch auch aktiv und als klar wurde, dass die Filmwirtschaft die Krise nur mit Hilfen schaffen kann, haben wir zusammen mit den Branchenverbänden, dem Ministerium für Wissenschaft und Kunst und natürlich der Filmförderung Hessenfilm unseren Branchen-Input zu den Hilfsprogrammen geben können.

Zapf: Auf Bundesebene war es allerdings ein bisschen anders, da bin ich zwiegespalten. Ein Beispiel waren die Soforthilfen, die nur für Betriebskosten gezahlt wurden. Das ist nicht so gut gelaufen.

hessenschau.de: Wie läuft es jetzt, drehen Sie inzwischen wieder?

Kellner: Ja, auch wenn die Corona-Vorgaben das Drehpensum verlangsamen. Das unternehmerische Risiko ist aber gestiegen. Es gibt eine Pandemie-Klausel in den Personen-Ausfall-Versicherungen. Wenn die Produktion steht, weil sich ein Darsteller infiziert hat, wäre das nicht versichert. Gehälter müssten weiter gezahlt werden, die ganze Kalkulation wäre über den Haufen geworfen. Es gibt zwar einen Ausfall-Fonds, der gilt aber nur für auf Bundesebene geförderte große Projekte wie Kinofilme und High-End-Serien. Kleine Fernsehprojekte, Debütfilme oder Arthouse-Filme, wie sie in Hessen oft produziert werden, hätten jetzt das volle Verlustrisiko. Viele warten deswegen weiter.

hessenschau.de: Wie ist es generell, Filmschaffende vom Standort Hessen zu überzeugen?

Zapf: Einerseits ist Hessen ein wirklich tolles Bundesland mit vielen schönen Motiven. Es sind Motive, die es sonst nirgendwo gibt. Dann ist die Infrastruktur mit dem Flughafen natürlich sehr gut. Andererseits: Wir haben eine Förderung, die leider nur über etwa die Hälfte ihres Budgets tatsächlich verfügen kann. Der Rest des Budgets sind Bürgschaftsmittel, die verzinst sind und am Ende zurückgezahlt werden müssen.

Kellner: Das heißt, diese Mittel kosten die Produktionen zusätzlich. Ein Beispiel: Wenn man eine Förderung von 500.000 Euro aus den Bürgschaftsmitteln bekommt, dann muss man die mit einem Prozent pro Jahr verzinsen, man muss also über sieben Jahre lang 5.000 Euro pro Jahr bezahlen. Wenn man nun mehrere Filme pro Jahr macht, ist man irgendwann bei einer jährlichen Belastung, mit der man eigentlich einen zusätzlichen Mitarbeiter bezahlen könnte, die man aber einfach nur für Zinsen zahlt. Als kleine Firma ist das absolut unmöglich. Zusätzlich hat man viel bürokratische Arbeit damit.

hessenschau.de: Das heißt, das können nur große Unternehmen stemmen?

Zapf: Ja, kleine Produktionen sind hier im bundesweiten Vergleich stark benachteiligt. Viele sind daran sogar kaputtgegangen. Diese Zinskosten sind nämlich außerdem bei allen anderen Fördergremien, die man zur Gesamtfinanzierung braucht, nicht als Kostenpunkt anerkannt. Das heißt, das muss der hessische Produzent aus der eigenen Tasche bezahlen, was wiederum dazu führt, dass die großen Budgets meistens von großen Filmproduktionen aus anderen Bundesländern beantragt und damit abgegriffen werden. Denn nur die können sich das leisten.

Wenn wir als Neopol-Film einmal Mitarbeiter haben wollen, dann müssten wir auch mal Filme machen können, die ein Budget von zwei Millionen oder mehr haben. Dann hat man Umsatz, mit dem man auch Mitarbeiter bezahlen kann und länger Planungssicherheit hat. Bislang können wir uns das schlicht nicht leisten.

hessenschau.de: Wie sieht es in diesem Punkt mit der politischen Unterstützung aus?

Kellner: Die Politik weiß um dieses Problem. Wir haben in der "Initiative Hessen Film", dem Zusammenschluss der verschiedenen Film-, Kino-, und Medienverbände, mit der Ministerin Angela Dorn schon darüber diskutiert. Die große Herausforderung, die es politisch zu meistern gilt, ist die Verschiebung der Mittel. Da muss Frau Dorn zusammen mit dem Finanzminister eine Lösung herbeiführen.

Zapf: Mündlich ist das schon seit geraumer Zeit zugesagt. Jetzt müssten politische Prozesse folgen, gerade unter Corona-Bedingungen wäre jede zusätzliche Erleichterung enorm willkommen.

hessenschau.de: Sie wollen aber trotzdem in Frankfurt bleiben?

Kellner: Wir haben es fest vor. Wir müssen uns aber ansehen, wie lange wir uns das leisten können.

Zapf: Zur Zeit fragen wir uns das jedes Jahr neu. Und das, obwohl das vergangene Jahr unser erstes gutes Jahr war, in dem wir gleich drei Langfilme gemacht haben und sich die Ausdauer der Vorjahre ausgezahlt hat. Die Krux besteht jetzt darin, eine Kontinuität zu schaffen.

hessenschau.de: …und Arbeitsplätze zu schaffen?

Zapf: Ja, bis jetzt engagieren wir die Leute projektbedingt. Wir wollen aber eine Struktur aufbauen, dazu beitragen, in Hessen eine lebendigere Produktionskultur zu schaffen. Es kann nicht sein, dass es alle fünf Jahre kleine Produktionspflänzchen gibt, die es mal probieren, die dann aber wieder eingehen. Bislang kommen die großen Firmen von außen, holen sich die Förderung, drehen eine, zwei oder auch mal sechs Wochen und sind dann wieder weg. Da hat Hessen als Standort mehr zu bieten.

Das Gespräch führte Sonja Fouraté.