Unter #allesdichtmachen haben rund 50 Schauspielerinnen und Schauspieler ironische Video-Spots ins Netz gestellt, mit denen sie die aktuellen Corona-Maßnahmen in Frage stellen. Das ist eine zynische Verharmlosung der Gefahr.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Christoph Scheffer kommentiert die Protest-Aktion #allesdichtmachen

Rund 50 prominente Film- und Fernsehschauspieler sorgen mit einer großangelegten Internetaktion unter dem Motto #allesdichtmachen für Aufsehen, darunter Jan-Josef Liefers, Nina Proll, Nadja Uhl, Ulrich Tukur, Wotan Wilke Möhring und Richy Müller
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Vielleicht bin ich naiv. Als regelmäßiger Tatort-Zuschauer sind die Figuren des ARD-Krimi-Klassikers für mich noch immer so etwas wie Kämpfer für das Gute. Umso enttäuschter bin ich, dass jetzt ein halbes Dutzend prominente Tatort-Leute mitmachen bei der zynischen Aktion #allesdichtmachen, in der in süffisant-ironischer Form die aktuellen Corona-Maßnahmen lächerlich gemacht werden. Von hr-Tatort-Kommissar Ulrich Tukur bis Jan Josef Liefers, von Meret Becker bis Ulrike Folkerts - viele meiner Tatort-Heldinnen und -Helden sind bei der Video-Clip-Aktion dabei.

Klar, die Corona-Pandemie ist zum Verzweifeln, da kann man schon mal bitter werden. Aber die Art und Weise, wie zum Beispiel Ulrich Tukur die Kontaktbeschränkungen karikiert, ist schlicht geschmacklos: Wenn Tukur fordert, auch Lebensmittelläden zu schließen - weil wir dem Virus nur dann die Lebensgrundlage entzögen, wenn alle "mausetot" seien - dann stellt er die Bemühungen, möglichst viele Menschenleben zu retten, böswillig auf den Kopf.

Die reale Gefahr ins Lächerliche gezogen

Schlimmer noch finde ich das Video von Jan Josef Liefers, der sich ironisch bei den Medien bedankt für deren vermeintlichen Alarmismus. Die Medien - so Liefers - sorgten dafür, dass kein kritischer Disput entstehe über die Maßnahmen der Regierung. Was soll das, bitte? Warum bedient Liefers das Narrativ von der staatlich gelenkten Lügenpresse? Über den Twitter-Applaus von ganz Rechtsaußen braucht er sich nicht zu wundern!

Besonders verantwortungslos finde ich den Spot des aus Wiesbaden stammenden Schauspielers Markus Gläser, der - wiederum ironisch - erklärt, er lasse sich "nicht in die rechte Ecke stellen" - auch von keinem Regisseur - und wünsche sich daher Filmsets mit runden Räumen. Na, toll! Aber dass es organisierte Versuche gibt, den Corona-Frust vieler Menschen für antisemitische Verschwörungstheorien oder Attacken auf demokratische Institutionen zu instrumentalisieren, das ist eine reale Gefahr, die man nicht mit albernen Bühnen-Metaphern ins Lächerliche ziehen sollte.

Ein Schlag ins Gesicht für die vorderste Front

Mehr als 80.000 Menschen sind in Deutschland bisher an Corona gestorben. Für deren Angehörige, für die Pflegekräfte sowie Ärzte und Ärztinnen, die täglich um das Leben der schwer Erkrankten kämpfen, ist die überhebliche Ironie der #allesdichtmachen-Spots ein brutaler Schlag ins Gesicht.

Was die Schauspiel-Promis da abgeliefert haben, ist alles andere als ein künstlerisches Plädoyer für den Schutz des kulturellen Lebens in der Pandemie. Es ist ein arroganter und unverantwortlicher Auftritt, wie ich ihn gerade von meinen Tatort-Heldinnen und -Helden nicht erwartet hätte. Ich bin enttäuscht.

Sendung: hr-iNFO, 23.04.2021, 12 Uhr