Kulturgesichter aus Darmstadt und Offenbach: Didi, Saskia, Julakim und Matthias.

Der Lockdown ist verlängert - und die Kultur steht weiter still. Das trifft vor allem diejenigen der Branche, die sonst im Hintergrund arbeiten. Die Foto-Kampagne "Kulturgesichter" macht auf ihre Situation aufmerksam.

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Audioseite Die hessischen "Kulturgesichter" wollen gesehen werden

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Ein Kameraklick nach dem anderen und ständig neue Fotomodelle vor der Linse - für die Kampagne "Kulturgesichter" hat sich der Darmstädter Fotograf Jo Henker richtig ins Zeug gelegt. "Das waren jetzt fast 120 Leute innerhalb von vier Tagen", erzählt er. Dabei verdient er mit diesen Fotos nicht mal Geld.

Die Fotos dienen vielmehr einem wichtigen Zweck: den Kulturschaffenden ein Gesicht zu geben, die unter der Pandemie besonders leiden. Die ursprüngliche Idee zur Aktion Kulturgesichter entstand im Spätsommer vergangenen Jahres in Hannover und breitete sich schnell bundesweit aus.

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In Hessen wurde sie zuerst von Veranstaltungstechniker Florian Kunz und Fotograf Hans Lechner aufgegriffen. "Wir wollen den Kulturschaffenden, und zwar nicht nur den Leuten, die auf der Bühne stehen, sondern auch durchaus den Leuten, die vor, hinter oder neben der Bühne arbeiten, ein Gesicht geben. Um einfach zu zeigen, wie viele Leute da momentan coronabedingt in Schieflage hängen. Es ist schwieriger, die Person zu ignorieren, wenn du ein Gesicht vor Augen hast", erklärt Kunz.

Die ernsten Gesichter sind keine Pose

Und es sind mittlerweile viele dieser Gesichter zusammengekommen: Deutschlandweit gibt es über 5.000 Teilnehmer. Die Fotos selbst sollen immer gleich aussehen: ein Schwarz-Weiß-Foto, aufgenommen vor einem schwarzen Hintergrund. Auf Bauchhöhe vermerkt sind in weißen Lettern der Name des Porträtierten, welchen Beruf er ausübt und wie lange er schon im Geschäft ist.

Der Darmstädter Fotograf Jo Henker.

Künstlerische Freiheit nehmen sich die Fotografen trotzdem. Bei Jo Henker zum Beispiel stehen einige Protagonisten leicht eingedreht da oder haben die Arme verschränkt. Nur beim Ausdruck sollte man nicht zu sehr auftragen, findet der Darmstädter Fotograf: "Natürlich ist es keine Spaßveranstaltung, aber er muss jetzt auch nicht extrem griesgrämig gucken, als wäre gerade seine Katze überfahren worden."

Aber zum Lachen war vor der Kamera ohnehin keinem zumute. Steve Turn, DJ und Veranstalter aus Kassel zum Beispiel, musste gar nicht posieren: "Im Grunde genommen brauchst du dir nur vorstellen, was gerade deine Situation ist und dass du seit einem knappen Jahr keine Kohle mehr verdienen darfst mit dem, was du eigentlich kannst. Dementsprechend hast du einfach nur einen Blick geradeaus, leer, starr, kalt", beschreibt er.

Kleiner Club oder große Bühne  – betroffen sind alle

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Sichtbar werden, auf die angespannte Situation aufmerksam machen, das ist das Ziel der Aktion. In Frankfurt, Offenbach und Umgebung kam eine große Bandbreite von Kulturgesichtern zusammen: von den Mitarbeitern der Kleinkunstbetriebe bis zu großen Locations wie der Stadthalle Offenbach, der Hugenottenhalle in Neu-Isenburg oder der Alten Oper Frankfurt.

Ursprünglich waren die im Rahmen der Kampagne entstandenden Fotos für Facebook und andere Social-Media-Plattformen gedacht. Mittlerweile werden damit sogar Plakate gedruckt und LED-Wände bestückt. Das kostet natürlich Geld - das die Kulturgesichter selbst in die Hand nehmen. "Wenn du 300 Leute vor der Linse hattest, ist der Pool von Leuten relativ groß, die sagen, 'Mensch, ihr macht da was Sinnvolles, hier habt ihr Geld, go for it'." Die Alte Oper in Frankfurt beispielsweise habe 14 Litfaßsäulen als Werbefläche zur Verfügung gestellt.

Der Druck in der Branche ist enorm

Dass so viele aus der Kulturbranche nicht nur ihr Gesicht, sondern auch die Zeit für die Kampagne opfern wollten, hat den Veranstaltungstechniker erstaunt. Er habe gar nicht auf die Leute zugehen und das Projekt anpreisen müssen, die Anfragen seien von ganz von allein gekommen.

Denn der Druck, mit wenig oder ganz ohne Einkommen auszukommen, sei enorm: "Ich kenne genügend namhafte Techniker aus der Branche, die auch oft und gerne gebucht wurden, weil sie einfach einen super Job machen. Die sitzen jetzt bei Aldi an der Kasse oder fahren Post aus bei DHL, um irgendwie über die Runden zu kommen", so Kunz.

Kulturgesicht DJ Steve Turn

Und wenn es wieder losgeht? DJ Steve Turn formuliert bereits konkrete Wünsche für die Zeit nach der Pandemie: "Wir wollen einfach nur den Support der Stadt für die Zeit nach Corona, um dann unsere Ausfälle, unsere Löcher refinanzieren zu können." Vielleicht kann auch das ein Nebeneffekt der Aktion Kulturgesichter sein - dass die Branche nicht nur gesehen, sondern auch gehört wird.

Sendung: hr-iNFO, 11.02.2021, 17:00 Uhr