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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Keine Soforthilfen für Solo-Selbstständige

Ein Kleinkünstler auf der farbig beleuchteten Bühne.

Mit Zuschüssen hilft der Staat kleinen Betrieben und Solo-Selbstständigen durch die Corona-Krise. Freiberufliche Künstler, Musiker und Schauspieler kritisieren, dass sie dabei leer ausgehen.

Schauspielerinnen, Filmemacher, Künstler: Sie alle haben durch die Coronavirus-Pandemie Aufträge verloren, seit so gut wie alle öffentlichen Veranstaltungen abgesagt und persönliche Kontakte eingeschränkt sind.

Auch Dirk Krecker steckt in der Krise. Er arbeitet als freischaffender Künstler und Tonmeister in der Filmbranche in Frankfurt. Ausstellungen sind abgesagt, seine Aufträge storniert. "Ich habe keinerlei Einnahmen mehr", sagt Krecker. "Wirtschaftlich ist das eine Katastrophe."

Künstler und Tonmeister Dirk Krecker

Soforthilfe nur für betriebliche Kosten

Dirk Krecker hatte gehofft, mit der Corona-Soforthilfe des Bundes und des Landes seinen Auftragsausfall abfedern zu können. Doch das ist so nicht vorgesehen. Tatsächlich können Unternehmer nur Geld für betriebliche Kosten beantragen: Darunter fallen zum Beispiel Miete für Büroräume, Leasingverträge und Kredite.

Als freiberuflicher Künstler hält Krecker die Betriebsausgaben gering, kann also nur die Miete für sein Atelier von gut 200 Euro monatlich geltend machen. "Es ist gut, wenn ich die nicht aufbringen muss, denn das Geld brauche ich für anderes. Aber es ist nicht der große Sprung", sagt er.

"Es gibt eine große Irritation bei mir und auch bei anderen", sagt Krecker über die Bedingungen für die staatliche Soforthilfe. "Es steht explizit nicht drin, dass dieses Geld benutzt werden darf, um das monatliche Überleben zu sichern. Ich darf davon nicht meine Wohnung bezahlen oder einkaufen gehen."

Betriebliches und privates Vermögen schwer zu trennen

Viele freiberufliche Kulturschaffende fühlen sich vom Hilfspaket der Landesregierung benachteiligt. Diesen Eindruck teilt auch Bilanzbuchhalterin Anja Kühn, die auf Künstler spezialisiert ist. Es sei zum Beispiel nicht berücksichtigt worden, dass viele Freiberufler zu Hause arbeiten.

"Ich glaube, da hat keiner eine echte Vorstellung davon, dass es Menschen gibt, die in ihren Wohnzimmern sitzen und CDs produzieren oder Schüler unterrichten", ärgert sich Kühn. Wer kein eigenes Arbeitszimmer habe, könne das nicht steuerlich geltend machen und dadurch auch nicht als betriebliche Fixkosten anmelden, sagt die Buchhalterin. Aber zur Deckung des privaten Bedarfs seien die Soforthilfen nicht gedacht.

Um staatliche Soforthilfe zu bekommen, müssen Unternehmer nachweisen, dass sie durch Corona einen massiven betrieblichen Engpass haben. Für viele Solo-Selbstständige ist das betriebliche Vermögen aber kaum vom privaten zu trennen, erklärt Anja Kühn: "Wenn ich zum Beispiel nur ein Konto habe, habe ich dann überhaupt eine private Rücklage oder nur betriebliche Mittel?"

So sei es schwierig, betriebliche Liquiditätsengpässe exakt anzugeben. Buchhalterin Kühn wünscht sich, dass Hessen die besondere Situation von Künstlern und Kulturschaffenden berücksichtigt - so wie es andere Bundesländer bereits täten.

Verdi: Soforthilfen dürfen Freiberufler nicht ausschließen

Der Verband Professionelle Freie Darstellende Künste Hessen (laPROF) schließt sich dieser Kritik an. "Die Soforthilfemittel gehen an den Notwendigkeiten freiberuflicher Kulturschaffender vorbei", heißt es in einer Pressemitteilung. Der Verband, der freie Theater und Schauspieler vertritt, rechnet mit Einnahmeausfällen der darstellenden Künstler allein in Hessen von fast vier Millionen Euro bis zum Sommer.

Das bedrohe Künstler in ihrer beruflichen und privaten Existenz. "Wenn solche Verluste beim Soforthilfeprogramm nicht geltend gemacht werden können, so ist es zur Unterstützung von freien Kulturschaffenden nicht geeignet", schreibt der Verband.

Auch die Linke in Hessen sieht Kulturschaffende durch die jetzige Regelung benachteiligt. Ausgerechnet Künstler, die sowieso schon oft in prekären Verhältnissen lebten, könnten nicht von der Soforthilfe profitieren. "Veranstaltungen, die zu Recht nicht mehr stattfinden können, müssen wie andere Corona-bedingte Einnahmeausfälle als Fördergrund akzeptiert werden", sagte Janine Wissler, Fraktionsvorsitzende der Linken im Landtag.

In diese Stoßrichtung geht auch die Forderung von Verdi Hessen. Die Soforthilffen dürften Selbstständige wie freiberufliche Künstler, Journalisten sowie Musik- oder Volkshochschullehrer nicht ausschließen, sagte Volker Koehnen laut einer Mitteilung von Verdi Hessen. Bei ihnen müssen die Soforthilfen auch dazu dienen, den eigenen Lebensunterhalt finanzieren zu können, ohne auf Hartz-IV angewiesen zu sein.

Al-Wazir verweist auf Grundsicherung

Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) kennt das Problem. Er sagte dem hr, er sei mit dem Bund im Gespräch, ob in Zukunft die staatlichen Corona-Hilfen auch Teile des Lebensunterhalts decken könnten. Das habe der Bund aber bisher abgelehnt.

Trotzdem müsse niemand Sorge haben, seine Krankenversicherung, Miete oder Essen nicht mehr bezahlen zu können, sagte Al-Wazir. Solo-Selbstständige könnten momentan deutlich einfacher Sozialleistungen wie die Grundsicherung beantragen. Zum Beispiel seien die Vermögensprüfung oder die Angemessenheitsprüfung bei neuen Anträgen für sechs Monate ausgesetzt, sagte Al-Wazir: "Man könnte es also eigentlich bedingungsloses Grundeinkommen nennen, was dort gerade in der Grundsicherung für sechs Monate gewährt wird."

Auch Dirk Krecker will jetzt Arbeitslosengeld II beantragen, weil er sich von der staatlichen Soforthilfe nicht genug berücksichtigt fühlt. "Ich muss jetzt sehen, ob ich darüber eine Grundsicherung herstellen kann", sagt er.

Sendung: hr2, Der Tag, 02.04.2020, 18.05 Uhr