Postkarten mit hessischen Redewendungen

Ein Hoch auf die Mundart: Wie das Land Hessen, ein Sprachforscher und ein Schauspiel-Student sich dafür einsetzen, den hessischen Dialekt zu erhalten.

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Mundart in Hessen: So soll sie erhalten bleiben

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„Es is kaa Stadt uff der weite Welt, die so merr wie mei Frankfort gefällt, un es will merr net in mein Kopp enei, wie kann nor e Mensch net von Frankfort sei!“ Friedrich Stoltze Friedrich Stoltze
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Diesen berühmten Satz von Friedrich Stoltze musste Daniel Krimsky so lange mit seinem Sprechlehrer wiederholen, bis er saß. Der junge Schauspiel-Student hat die hessische Mundart nämlich nicht in seinem Elternhaus lernen können. Daniel Krimsky ist Sohn zweier Russland-Deutscher, die Mitte der 1990er Jahre nach Deutschland kamen. Krimsky kam in Frankfurt zur Welt und ist hier aufgewachsen. Seit diesem Jahr studiert er Schauspiel an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst - und hat jetzt das Liesel-und-Gisela-Christ-Stipendium der Volkstheater Frankfurt Stiftung erhalten.

Weitere Informationen

Liesel-und-Gisela-Christ-Stipendium

Die Stiftung vergibt das Liesel-und-Gisela-Christ-Stipendium an Schauspiel-Studierende der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK). Seit 2015 wird ausgewählten Studierenden regelmäßig das Stipendium verliehen.

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Schauspiel-Student und Stipendiat Daniel Krimsky

Das Stipendium erhielt der 24-Jährige für sein Engagement, seine zweite Muttersprache, also russisch, auf die Theaterbühne bringen zu wollen. Daniel Krimsky findet, dass Hochdeutsch zu präsent auf den Theaterbühnen sei. Er möchte die Welt, die ihn geprägt hat, mit dieser hochdeutschen Welt näher zusammenbringen: "Es gibt mich im Hochdeutschen und es gibt noch dieses andere Ich, das eben die Muttersprache spricht", erklärt er.

Aber auch hessische Mundart auf die Bühne zu bringen, findet Krimsky spannend. Deswegen lasse er sich darin von seinem Sprechlehrer unterrichten. Seit Kindertagen sei er mit dem Hessischen in Berührung gekommen. "Das hat sich in mein Gedächtnis, mein Ohr gebrannt", sagt er. Für ihn transportiere sich ein Stück Heimat darüber.

Hessische Mundart, auch Sache der Landespolitik

Seit nun vier Jahren hat sich auch das Land Hessen die Förderung von Mundart auf die Fahnen geschrieben, denn die Dialekte selbst seien ein wichtiges Kulturgut. "Der dialektale Wortschatz konserviert kulturelles Wissen", heißt es in einer Erklärung des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst. Redensarten könnten demnach Aufschluss über den Umgang der Menschen miteinander bieten sowie Prägungen des alltäglichen Lebens aufdecken.

Das Land hat Maßnahmen verabschiedet, mit dem Ziel der Erhaltung und Verbreitung von Dialekten. Der Kulturministerin Angela Dorn zufolge habe das Land beispielsweise knapp vier Millionen Euro in die sprachliche Grundlagenforschung investiert. Darunter auch das Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas an der Marburger Universität.

Der Sprachwissenschaftler Alfred Lameli ist Direktor dieses Forschungszentrums. Er forscht zu Dialekten und regionalen Varietäten der deutschen Sprache. Wie es generell um die hessische Mundart steht? Das sei gar nicht so einfach zu beantworten, sagt Lameli. Denn bei Hessen handele es sich um einen stark ausdifferenzierten Sprachraum, erklärt er. Ganz im Norden sei das Niederdeutsche, in der Mitte und im Süden des Bundeslandes seien die hochdeutschen Dialekte angesiedelt. Teilweise seien das ganz unterschiedliche Sprachen, sagt Lameli.

Grafik: Wo wird welcher Dialekt in Hessen gesprochen?

Mehr Dialekt werde im Süden gesprochen, nach Norden hin etwas weniger. In südlich von Frankfurt gelegenen Regionen werde das Hessische als Gruppe von Dialekten noch relativ vital gesprochen, so Lameli. Und bei den älteren Generationen eher als bei den jüngeren. Je weiter man nach Norden komme, umso weniger Leute würden sich finden, die auch noch wirklich im Dialekt sozialisiert sind. "Das ist ein sehr komplexes Bild", sagt Lameli.

Hochdeutsch kann Mundart vertreiben

Je mehr Hochdeutsch in einer Region gesprochen würde, desto eher gingen Dialekte verloren. Häufig treffe das auf die Bevölkerung in Großstädten zu, so Lameli weiter. Zum Beispiel aufgrund von hoher Fluktuation und hoher Diversität, also unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichen sprachlichen Hintergründen.

Aber das heiße nicht zwingend, dass ein hoher Anteil an Migration sich negativ auf Dialekt auswirken muss. Lameli vermutet sogar, dass die Sprachen, die mitgebracht werden, auch vom Hessischen beeinflusst werden. Laut dem Wissenschaftler könne Dialekt ein Mittel zur Identitätsstiftung sein und Nähe ausdrücken.

Prof. Dr. Alfred Lameli, Direktor vom Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas

So wie es auch bei Sprache der Fall ist, verändere sich Dialekt ebenfalls. Die Dialekte vor 100 Jahren beispielsweise hätten eine andere Form gehabt. So ist in den Augen des Sprachwissenschaftlers nicht die wichtigste Aufgabe, den Leuten beizubringen, wie man Dialekt spricht. Wichtiger sei es, die Dialekte selbstverständlich in den Alltag zu integrieren und "die Wertschätzung der Dialekte hochzuhalten".

"Dialekte und Mundart sind was zutiefst Persönliches“, sagt auch Stipendiat Daniel Krimsky. Für ihn ist das etwas, mit dem man aufwächst und was Denkmuster und Humor prägt: "Man sagt ja nicht umsonst 'muttersprachlich'. Das hängt einfach mit etwas zusammen, was einem tief in der Seele sitzt".

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