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Künstliche Intelligenz an der HfG

Das Bild zeigt die verschwommene Silhouette eines Mannes. Es ist stark verpixelt und fragmentiert.

Die Hochschule für Gestaltung baut ein Labor für Künstliche Intelligenz auf. Die Studierenden beschäftigen sich unter anderem mit den Auswirkungen von KI auf Handyfotos. Aber wieso passiert das ausgerechnet an einer Kunst-Uni?

Erinnerung kann täuschen, aber ein Foto, das man selbst gemacht hat, wird die Wirklichkeit doch wiedergeben? Ganz so einfach ist es nicht, sagt Max Kreis. Wer ein Foto mit dem Smartphone schießt, bekomme auf dem Display des Geräts nicht exakt angezeigt, was aufgenommen wurde. "Sobald man auf den Auslöser drückt, laufen da drei, vier, fünf Algorithmen drüber." Man nenne das Image Enhancing, Bildoptimierung mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI).

Dabei würde mittels Software zum Beispiel an Farben und Kontrasten gefeilt oder Bewegungsunschärfe ausgeglichen. Das Foto, das auf dem Handy gespeichert wird, sei deshalb nicht mehr das echte Bild. Kreis sieht das kritisch, schließlich gehe man beispielsweise bei einem Augenzeugen-Video davon aus, dass es die Wahrheit darstelle. Trotz oder vielleicht gerade wegen seiner Bedenken nutzt er die Technik selbst: als Künstler und im Rahmen seiner Arbeit am neuen KI-Lab an der Hochschule für Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main (HfG).

Was aussieht wie das verpixelte Fotos eines Gebüschs, ist in Wirklichkeit das Ergebnis Künstlicher Intelligenz.

Land fördert KI-Forschung an der HfG

Das KI-Lab der HfG unter der Leitung von Alexander Oppermann, Professor für Elektronische Medien, befindet sich derzeit noch im Aufbau. Studierende sollen hier die Möglichkeit bekommen, mit und über Künstliche Intelligenz zu arbeiten. Es gibt einen Grundlagenkurs, die öffentliche Vortragsreihe "Algorithms in Context" und stetig besser ausgerüstete Arbeitsplätze.

Zwei 3D-Drucker und ein Industrie-Roboter stehen schon dort, mehr Maschinen sollen bald geliefert werden. Am Ende soll es eine Werkstatt werden, wie es sie bereits für Fotografie, Textilarbeit oder Siebdruck gibt. Neben dem Bund fördert gegenwärtig auch das Land Hessen Forschung im Bereich KI mit Beträgen in Millionenhöhe. Die HfG ist die einzige Kunst-Uni, die entsprechende Fördermittel erhält.

Auch Johanna Teresa Wallenborn forscht zu den gesellschaftlichen Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz. Sie wünscht sich insgesamt mehr Aufmerksamkeit für die Technologie, die mittlerweile in vielen gesellschaftlichen Bereichen Einzug gehalten hat. "Mithilfe von KI werden Krankheiten vorhergesagt, Arbeitsweisen revolutioniert, Smartphones aufgerüstet - eigentlich ist sie überall um uns herum", erklärt sie. "Dementsprechend ist zumindest ein Grundverständnis von KI sehr wichtig, da das Thema unser Leben zunehmend beeinflussen wird."

Eine blonde Frau mit Lederjacke blickt an der Kamera vorbei. In den Händen hält sie einen Computer-Ausdruck. Hinter ihr stehen Menschen.

Künstler als Vermittler zwischen Öffentlichkeit und Technologie

Welchen Beitrag kann Kunst zu solch einem technologisch komplexen Thema leisten? Wallenborn sieht zweierlei Potenzial: Einerseits könnten Künstler durch die Anwendung von KI neue Bildwelten schaffen und damit Sehgewohnheiten verändern. Andererseits könnten sie die gesellschaftliche Debatte um eine künstlerische Perspektive ergänzen, Verständnis von der Technologie vermitteln und kritische Aspekte technologischen Fortschritts beleuchten. "Kulturschaffende und Gestaltende können eine Vermittlerrolle zwischen Öffentlichkeit und Technologieentwickelung einnehmen", glaubt sie.

Weil es auch in der Wissenschaft keine allgemeingültige Definition davon gebe, sei es nicht ganz einfach, über Künstliche Intelligenz ins Gespräch zu kommen. KI sei das Ziel, nicht der Ist-Zustand. Deswegen spricht sie auch lieber von maschinellem Lernen. Wallenborns Kollege Kreis erklärt: "Man trainiert einen Algorithmus darauf, bestimmte Aufgaben auszuführen."

Künstliche Intelligenz nur so schlau wie ihre Daten

Ein Algorithmus funktioniert wie eine mathematische Funktion: Man macht bestimmte Vorgaben und der Algorithmus berechnet dann das Ergebnis. "Ich zeige einem Algorithmus zum Beispiel 100 Bilder von Katzen. Dann gebe ich ihm eine Aufgabe: Finde heraus, wie so eine Katze eigentlich aussieht. Der Algorithmus kennt 100 Bilder von Katzen. Aus den Informationen, die er daraus gelernt hat, erschafft er ein neues Katzenbild," so Kreis.

Je mehr Katzenbilder dem Algorithmus gefüttert werden, desto lebensnaher kann er ein Katzenbild erschaffen. Kennt er nur Bilder von Siamkatzen, wird er nur diese Art Katze abbilden. Künstliche Intelligenz kann sich also intelligent verhalten, allerdings nur auf Basis der Daten, die ihr zur Verfügung stehen.

Kreis hat seinen Algorithmus für seine Werkreihe nicht mit Katzenfotos, sondern mit seinen privaten Handyaufnahmen gespeist. Er nutzt dabei also einen sehr diversen Datensatz, in dem lauter unterschiedliche Motive zu finden sind. Für den Algorithmus sei es daher schwer, einheitliche Bildmerkmale zu identifizieren. Die Bilder, die so entstehen, wirkten für den Betrachter nur im ersten Moment vertraut wie ein Foto - ein logisches Bild, das nicht zwingend von einem Computer stammen muss.

"An den Kunsthochschulen ist das Thema PC unterrepräsentiert"

Das Bild zeigt eine vermeintliche Strandpromenade bei Sonnenuntergang. Bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass es sich um kein echtes Foto handelt.

"Aber auf den zweiten Blick offenbaren sich immer mehr Unstimmigkeiten in der Komposition. An ihnen erkennt man, dass es sich nicht einfach um ein ganz normales Bild handelt", sagt Kreis. Er beschreibt den Effekt als digitale Patina. Was beispielsweise aussieht wie ein Foto einer Strandpromenade bei Nacht, erweist sich bei genauerem Hinsehen als KI-generiertes Bild von etwas, das einer Strandpromenade allenfalls ähnlich sieht. Je stärker man beim Betrachten hineinzoomt, desto mehr verschwinden die Konturen vermeintlich identifizierter Bildmerkmale.

Kreis nutzt maschinelles Lernen als Werkzeug im Kontext seiner künstlerischen Praxis. Was er weiß, hat er sich selbst beigebracht. Früher gab es noch keine Youtube-Tutorials zu dem Thema, geschweige denn einen Uni-Kurs. Kreis musste wissenschaftliche Aufsätze lesen, um mit der Technologie arbeiten zu können. Dass Studierende der HfG das künftig nicht mehr müssen, begrüßt er. "An den meisten Kunsthochschulen ist alles ums Thema PC generell noch ein bisschen unterrepräsentiert, um es mal nett zu formulieren", meint der Künstler. "Die setzen auf die klassischen Disziplinen wie Bildhauerei und Malerei. Dabei gibt es großes Interesse für die Arbeit mit neuen Technologien."

HfG will Lücke in der Ausbildung schließen

Der Computer als Werkzeug künstlerischer Arbeit ist lange etabliert. Künstliche Intelligenz, Algorithmen, Programme für maschinelles Lernen könnten den Werkzeugkasten aus Kreis' Sicht erweitern. "Man muss das nicht nutzen", sagt Kreis. "Aber wenn es doch da ist, bietet es sich an, oder?"

Das KI-Lab der HfG tritt an, eine Lücke zu schließen in der Ausbildung junger Kreativer und damit auch in einer gesellschaftlich hochrelevanten Debatte, in der die Perspektive von Künstlern bislang nur selten einfließt. Seine HfG-Kollegin Wallenborn hat auch schon Vorschläge, wofür sich das anbieten könnte: um "futuristische Kunstwerke zu schaffen und mit Science Fiction zu spielen, um mögliche zukünftige Entwicklungen sichtbar zu machen". Der Kunst sei in jedem Medium schließlich immer ein besonderes Mittel zu eigen: das der kreativen Spekulation.

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Gesprächsreihe "Algorithms in Context"

Das KI-Lab der HfG organisiert die Gesprächsreihe "Algorithms in Context", bei der Künstler und Theoretiker Einblick in ihre Arbeit geben. Die Veranstaltungen sind öffentlich, die nächste findet virtuell am Dienstag, den 8. Februar an der Hochschule in Offenbach statt. Zu Gast ist "Internet Teapot", ein Zusammenschluss von niederländischen Designerinnen und Designern, die sich mit den Auswirkungen von KI auf den Kapitalismus beschäftigen.

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