Graffiti in Kassel

Legale Flächen, eine bunte Szene und Motive weltweit agierender Künstler. In Kassel lässt sich eine große Vielfalt an Streetart entdecken - und das ganz Corona-konform unter freiem Himmel.

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Graffiti in Kassel
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Graffiti an Laternenpfählen oder Fassaden mit großformatigen, bunten Streetart-Werken. Dazu Studierende, die im Kult-Treff "Bei Ali" einen Kaffee holen oder junge Frauen mit Kopftuch, die ihre Kinder zur Kita bringen - unweit des Kulturzentrums Schlachthof im Kasseler Stadtteil Nord-Holland ist das Straßenbild vor allem eins: bunt.

Mitten im quirligen Treiben sitzt Gerrit Retterath vor dem Nachbarschaftstreff "Hier im Quartier" in der Sonne. Der Soziologe beschäftigt sich seit seiner Jugend mit Graffiti-Kunst und malt auch selbst. Im Quartiersbüro bietet er Kunst- und Kulturprojekte für alle Menschen aus den strukturschwachen Stadtteilen Nord-Holland, Wesertor und Rothenditmold an. Das Ziel: Menschen alters- und kulturübergreifend zusammenbringen und so gemeinsam die eigene Nachbarschaft gestalten, auch in Form von Graffiti-Kunst.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Warum Kassel das Graffiti-Mekka Hessens ist

Graffiti-Kunst in Kassel
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Warum ausgerechet Graffitis? Retterath überlegt nicht lange. Diese Technik sei eine Möglichkeit, mit einfachsten Mitteln sein unmittelbares Umfeld zu gestalten. Das beginne bei einem "Tag", der Gestaltung des eigenen Namens als knapper Schriftzug, der eigentlich schnell entstehe, aber trotzdem jahrelange Übung brauche.

Die Kunst an den Wänden ist in Kassel allgegenwärtig. Warum ausgerechnet hier und seit wann? Schon in den 1970er Jahren habe das angefangen, die Stadt Kassel unterstütze entsprechende Projekte. Retterath zieht ein Buch vom Anfang der 1980er Jahre aus der Tasche. "Graffiti in Kassel" von Axel Thiel ist ein Zeitzeugnis voller schwarz-weiß Fotografien aus dieser Zeit.

31 Jahre lang hat der Sozialpädagoge über Graffiti geforscht, sein Archiv mit unzähligen Fotos gepflegt. Seit seinem Tod 2006 habe sich in der Stadt weiter viel getan, erklärt der Soziologe, die Szene sei gewachsen, die Motive größer und farbenfroher geworden, dazu die Möglichkeiten für legale Arbeiten gestiegen. Ein Spaziergang lohne sich in vielerlei Hinsicht. Und nicht nur während der Corona-Pandemie.

1. Neues Entdecken: Legale Flächen als Museum

"Ein Museum, in dem fast täglich ein neues Bild hängt" - so beschreibt Retterath die legalen Flächen in Kassel. Insgesamt sechs davon habe die Stadt zum freien Malen ausgewiesen, immerhin sei die 200.000-Einwohner-Stadt damit unter den Top-3 deutschlandweit.

Nahe dem Nordstadtpark hat sich ein Paar einen Platz an der dortigen Mauer gesichert und übermalt bestehende Kunst. Das sei erlaubt, so Retterath, Graffiti seien eine vergängliche Kunstform. Die Regel in der Szene besage, solange das neue Motiv das alte qualitativ überstrahle, dürfe es übermalt werden.

Graffiti in Kassel

Die beiden Künstler wollen ihre Namen hier nicht lesen, auch wenn sie legal unterwegs sind. Ins Gespräch kommen möchten sie trotzdem. Graffiti seien für sie etwas Ursprüngliches, haben etwas von "in der Welt sein", sagt der Mann. Angefangen habe es in der Steinzeit, bei der blutigen Hand in der Höhle und eingeritzten Bildnissen erlegter Jagdbeute. Heute sei das Sprayen eine Mischung aus Selbstvergessenheit, Mammutjagd und dem Wunsch nach Aufmerksamkeit "und fame".

Auch seine Begleiterin möchte etwas Schönes an die Wand bringen - und sich so anderen zeigen: "Wenn ich dann in der Stadt rumlaufe und meine eigenen Bilder sehe, ist das toll", erklärt sie ihre Motivation.

2. Unterstützung durch die Stadt: Zwei interessante Projekte

Die Ausweisung legaler Flächen verringere illegale Kunst, erklärt Retterath. Dazu unterstütze die Stadt zwei Projekte, die sich um das Thema Graffiti kümmern. Eines davon ist KolorCube im Schillerviertel, das sehr eindrücklich zeigt, was großformatige Kunst in den Stadtteilen bewirken kann.

Graffiti-Kunst in Kassel

Dustin Schenk ist Mitglied des 2015 gegründeten Graffiti- und Streetart-Projekts. Das Ziel: Menschen zusammenbringen, die ihr Umfeld positiv und kreativ mitgestalten und so Kassel mit großformatiger Kunst bereichern.

Dazu sei Graffiti-Kunst ein pandemiefähiges Kunstkonzept und die sich weltweit am schnellsten ausbreitende Kunstkultur, sagt Schenk. Er selbst malt Graffiti, seit er 14 ist und sieht sich und die KolorCubes als Kuratoren für Straßenkunst - mit einer großen Verantwortung für das Stadtbild. Jedes Kunstwerk hinterlasse eine große Energie. Umso wichtiger sei es, dass sich hinterher alle Beteiligten mit dem Werk identifizieren können.

Weitere Informationen

Graffiti zum Ausprobieren

Raum für urbane Experimente e.V.
Nächster Termin: 14. und 15. Mai, jeweils von 18:30 bis 21 Uhr
Wo: Unterführung am Holländischen Platz.
Kosten: 40 Euro
Anmeldung: Facebook-Nachricht oder Instagram-DM beim Verein

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Das zweite Projekt ist der Verein "Raum für urbane Experimente". Die Macher unterstützen lokale Künstlerinnen und Künstler und beleben so die Unterführung am Holländischen Platz. Interessierte können sich hier sogar selbst ausprobieren. Einmal im Monat bietet der Verein Workshops, um dort eigene Kunstwerke zu malen.

3. Must see: Zezão, 1UP und die Fassade für die documenta fifteen

Aber nicht nur Motive von Ungeübten findet man hier unter der großen Kreuzung. An einer Stirnseite der Unterführung schlängeln sich blaue, graphische Strudel. Das Motiv eines bekannten Künstlers, so Retterath. Das großformatige Kunstwerk stamme von Zezão aus São Paulo, der bereits weltweit ausgestellt habe.

Graffiti-Kunst in Kassel

Ein paar Schritte weiter, im Aufgang zur Haltestelle, ist der nächste Blickfang zu sehen. Auf dem Handlauf einer Treppe slidet ein gemalter Skateboarder, direkt dahinter hat eine echte Szenegröße aus Berlin-Kreuzberg ihr Markenzeichen hinterlassen. Die Gruppe 1UP sei international aktiv, arbeite meist illegal, so Retterath. Während eines Konzerts sei es zum Überraschungsbesuch gekommen, spontan habe man mit lokalen Künstlerinnen und Künstlern gemeinsam Bilder gemalt, erinnert sich Retterath.

Graffiti-Kunst in Kassel

Wer jetzt an der Haltestelle in die Tram steigt, ist wenige Stationen später am Friedrichsplatz. Hier haben die KolorCubes eine Fassade für documenta fifteen bemalt - ein Herzensprojekt. Man habe nicht lange gezögert, als die Macher der documenta auf sie zugekommen seien, erinnert Schenk. Immerhin sei es vor allem als Kasseler Künstler etwas Besonderes, für die Weltkunstausstellung arbeiten zu dürfen.

Das ruruHaus am Friedrichsplatz in Kassel: gestaltet von den KolorCubes.

4. Graffiti für Augen und Ohren: Karte und Audio-Guide

Wo sind legale Flächen, wo die schönsten Kunstwerke und was können Interessierte über den Entstehungsprozess erfahren? Der Verein "Raum für urbane Experimente" hat in Kooperation mit der Stadt Kassel und dem Kulturamt eine Graffiti‐Karte erstellt. Eine kostenlose Printversion bekommen Besucher im Raum für Urbane Experimente am Holländischen Platz, im Unity‐Shop in der Kesselschmiede und im Haus der Jugend.

Dazu bietet ein Audio-Guide einen vier Kilometer langen Spaziergang durch die Nordstadt. Den Guide kann er nur empfehlen, sagt Retterath, man bekomme viele Hintergrundinformationen über jedes einzelne Kunstwerk. Der Vorteil: Kenne man die Geschichten hinter den Bildern, könne man die Arbeiten deutlicher wertschätzen.

5. Die Szene: vielfältig und bunt

Die Kasseler Szene selbst sei eher klein und bestehe aus rund 100 Personen. Der Anteil an Frauen sei in den letzten Jahren größer geworden und läge bei rund 10 Prozent, freut sich Retterath. Deren Technik und Motiv unterscheide sich deutlich von denen der Männer, somit werde die Vielfalt der Kunst größer.

Graffiti in Kassel

Vielfalt zeige sich auch an den vielen Namenskürzeln der Künstlerinnen und Künstler in der Stadt. Wer bei einem Streifzug genau hinschaue, findet diese "Tags" stadtweit überall, "all city" wie man im Szeneslang sagt.

Die Tags, geschrieben mit Tipp-Ex, Ölkreide, Edding oder durch mit Farbe befüllte Feuerlöscher, sind fein liniert, kalligraphiert oder grob gesprüht. Wer einmal darauf achte, werde die großformatigen Tags überall finden, so Retterath. Die bekanntesten seien zum Beispiel die der LOL-Crew oder die bunten Schriftzüge von RATM.

Sendung: hr2-kultur, 22.04.2021, 16.38 Uhr