Bildkombo: Tomás Saraceno "Songs for the Air"/ "How to Entangle the Universe in an Spider-Web?"

Kann man Luftverpestung hören? Unserer Umwelt eine Stimme geben - das ist das Ziel einer neuen Ausstellung im Landesmuseum Darmstadt. Performancekünstler Tomás Saraceno greift dafür auch auf hessische Lasertechnik zurück.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Luftverschmutzung zum Anhören - Tomás Sarazeno öffnet uns die Ohren

Hessisches Landesmuseum Darmstadt, Außenansicht
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Wie klingt die Luft, die wir atmen? Sie rauscht, sie klappert. Mal klingt sie wie ein Basketball, der auf dem Boden aufkommt, manchmal donnert sie sogar. Zumindest übersetzt Tomás Saraceno sie so. Mit seiner eigens für das Hessische Landesmuseum entwickelten Ausstellung "Songs for the Air" macht der argentinische Performance- und Installationskünstler sicht- und hörbar, was wir auf unserem Planeten sonst nicht, oder kaum wahrnehmen.

Da wären zum Beispiel die einzelnen Bestandteile der Luft, lebend und nicht lebend. Ein großer Lichtstrahl im Ausstellungssaal macht sie sichtbar, zwei Kameras und ein Computerprogramm übersetzen die Partikel schließlich in Geräusche und Bilder. Inspiriert durch den Gedanken einer vernetzten Welt, beschäftigt sich Saraceno außerdem mit Spinnen: Er wertet ihre Netze zu dreidimensionalen Skulpturen auf und erforscht ihre Struktur durch Lasertechnik. Das zeigt, wie schön und vor allem wie komplex die Natur ist - und wie fragil.

Noch nicht überzeugt? In fünf Gründen verraten wir Ihnen, warum Sie Saracenos erste große Einzelausstellung im Rhein-Main-Gebiet gesehen haben sollten:

1. Die Botschaft ist wegen Corona aktueller denn je

Die Corona-Pandemie hat gezeigt: In Katastrophenzeiten muss die Gesellschaft zusammenrücken und gemeinsam handeln. Saraceno bezieht das nicht nur auf die Menschheit, sondern auch auf Lebewesen anderer Arten. So will er das Bewusstsein für ein Miteinander von Mensch und Natur schärfen und neue Verbindungen aufzeigen.

Der Argentinier übersetzt Probleme wie die globale Erwärmung, das Insektensterben und die in weiten Teilen der Welt schmutzige Luft in Kunst. Er führt seinem Publikum mit ästhetischen Mitteln vor Augen, was aufgrund von Daten und wisenschaftlichen Erkenntnissen eigentlich schon lange bekannt ist, zum Beispiel dieses hier: Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehen jährlich 4,2 Millionen Tode weltweit auf die Folgen der Luftverschmutzung zurück. Saraceno ruft uns auf, die Schönheit der Natur zu genießen und gleichzeitig ihre Bedrohtheit wahrzunehmen. "Diese Ausstellung trägt dazu bei, einen neuen Blick auf die Welt zu entwickeln", sagt Museumsdirektor und Kurator Martin Faass.

2. Saraceno steht für mehr als Kunst

Saraceno verbindet in seinen Installationen Kunst und Wissenschaft. In seinen Werken fließen Architektur, Naturwissenschaft, Astrophysik und Ingenieurswissenschaften zusammen. Dabei lenkte er den Blick beispielsweise auf alternative Wohnmodelle, die vernetzte Welt oder den gesellschaftlichen Umgang mit der Umwelt.

Damit passt Saraceno perfekt nach Darmstadt: Das Universalmuseum hat seit dem Ende des 18. Jahrhunderts Werke der Naturgeschichte und der Kunstgeschichte versammelt. "Deswegen war für mich von Anfang an klar: Es gibt keinen besseren Künstler für das Hessische Landesmuseum als Tomás Saraceno, jedenfalls als zeitgenössische Position", findet Faass.

3. Unser Blick wird für das Unsichtbare geschärft

Wer kann schon von sich behaupten, die Luft gehört zu haben? Oder wahrgenommen zu haben, in wie vielen Farben ein Spinnennetz schimmert? Saraceno zeigt uns, was wir an Problemen nicht sehen wollen oder können, aber auch, wie schön die Komplexität der Natur ist. "Das ist die Idee, dass Kunst andere Aspekte von Wirklichkeit darstellt, die uns sonst nicht bewusst werden. Sie gibt ganz neue Einblicke in unsere Welt", so Kurator Faass.

4. Die Kunst bietet "Lösungsutopien" an

Saraceno stellt sich den Problemen unserer Zeit und findet auch eigene, kreative Lösungsansätze. Seine Kunst ist gleichzeitig Forschungsarbeit, wenn er Ideen zum emissionsfreien Fliegen entwickelt oder schwebende Gewächshäuser kreiert. Da ist es beinahe egal, wenn sich nicht alles umsetzen lässt und seine Ideen Utopien bleiben. Er zeigt zumindest auf, dass Veränderung möglich ist, wenn man sie herbeiführen will.

5. Regionale Wissenschaft und Technik kommen zum Einsatz

Seit über zehn Jahren arbeitet der argentinische Künstler mit Wissenschaftlern der TU Darmstadt zusammen. Gemeinsam entwickelten sie einen weltweit einzigartigen Laser, der 3D-Scans von Spinnennetzen ermöglicht und digital rekonstruiert. Das ist nicht nur schön anzusehen, sondern gibt Einblicke in die Architektur der Netze und in das Gruppenverhalten der Tiere. Von dort aus ist es dann möglicherweise nur noch ein kleiner Schritt zu netzwerktheoretischen Erkenntnissen, die uns der Lösung der globalen Probleme ein Stückchen näher bringen.

Weitere Informationen

Ausstellung "Songs for the Air"

Zum 200. Jubiläum gibt das Hessische Landesmuseum zeitgenössischen Performance- und Installationskünstlern mit der Reihe "Carte Blanche" eine Plattform. Saraceno macht den Auftakt. "Songs for the Air" läuft bis zum 31.01.2021.

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Sendung: hr2-kultur, 25.09.2020, 16.35 Uhr