Während die Tatortkommissare um Erkenntnis ringen, ringt der Täter in seinem Fernsehstudio um die richtige Mimik.
Während die Tatortkommissare um Erkenntnis ringen, ringt der Täter in seinem Fernsehstudio um die richtige Mimik. Bild © ARD/ hr

Ein Leichenteile-Puzzle und Psycho-Spielchen im Verhör: Der neue hr-Tatort am Sonntag hatte es in sich. Die Ermittlungen führten die Kommissare nach Kassel - eine Premiere. Was diesen Tatort sonst noch bemerkenswert macht, zeigt dieser Überblick.

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Tatort-Preview Kassel

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Preview - Einige Nordhessen haben "Das Monster von Kassel" schon gesehen.

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Wer "Das Monster von Kassel" ist, wird in den ersten Minuten des hr-Tatorts vom Sonntag unzweifelhaft aufgelöst. In den darauf folgenden gut eineinhalb Stunden dreht sich dann alles darum, warum der Täter es getan hat.

Die ekligste Szene

Machen wir es wie der neue hr-Tatort und fangen gleich mit der ekligsten Szene an: Regen, Wald, Dunkelheit, dramatische Musik - der Vorspann ist kaum zu Ende und schon ist der Horror in vollem Gange.

Täter schleppt einen Plastiksack bei Regen durch den dunklen Wald.
Noch ist die Leiche ganz. Gleich wird sie vom Täter zerhackt. Bild © ARD/ hr

Ein toter junger Mann, schwarze Plastikfolie, rotes Blut, ein Beil hackt sein Fleisch in Stücke, matschige, schmatzende Geräusche. Der Täter, ein bekannter Fernsehmoderator, verpackt die Körperteile seines 17 Jahre alten Stiefsohnes in die Folie, alles wird mit braunem Klebeband formnah (Arme, Beine) verklebt und in einem Kofferraum eines Kasseler Autos verstaut.

Okay, der Einstieg in den Film ist gelungen, man ist hellwach, aufmerksam und direkt dabei. Und tatsächlich trägt die Frage den Film eine Zeit lang: Wo landen die Leichenteile - und warum dort?

Der heimliche Star

Mit der Frage nach den Leichenteilen eng verbunden ist die Frage, warum die Kommissare Paul Brix (Wolfram Koch) und Anna Janneke (Margarita Broich) in dem Fall ermitteln, sie sind schließlich Frankfurter Kommissare. Aber aus Gründen, die hier nicht verraten werden sollen, legt der Täter einige seiner brisanten Pakete in Frankfurt ab und holt so Brix/Janneke ins Ermittlerboot.

Diese reisen nach Kassel, ohne Begeisterung und nicht ohne noch die gängigsten Kassel-Klischees angesprochen zu haben: kalt, hässlich, "hessisch Sibirien".

Straßencafé auf der Treppenstraße in Kassel
Wetter schön, Laune gut: Die Plätze im Café auf der Treppenstraße in Kassel sind belegt. Bild © ARD/ hr

Tatsächlich ist Kassel der heimliche Star dieser Tatort-Folge. Dort geht die Sonne auf, in echt und im übertragenen Sinne. Die Stadt präsentiert sich sommerlich hell, Bilder von schnieken Wohngegenden, Luftaufnahmen vom Bergpark (sogar die Wasserspiele laufen) mit dem Herkules, Brix fährt auf dem Fahrrad durch eine nett anmutende, grüne Stadt, auf der Treppenstraße sitzen lachende Menschen im Straßencafé und genießen den Tag.

Die Kommissare Lauritzen, Janneke und Brix finden die Zunge des Mordopfers.
Zunge gefunden: Bei den Kommissaren Lauritzen (links), Janneke (Mitte) und Brix (rechts) stimmt die Chemie. Bild © ARD

So sympathisch kam Kassel selten rüber. Und für Kommissar Paul Brix ist es doppelt einladend, findet er doch sofort Gefallen an seiner nordhessischen Kollegin Constanze Lauritzen (Christina Große), die aus dem Team Brix/Janneke ein Dreiergespann macht.

Der unheimliche Star

Der eigentliche Hingucker dieser Tatort-Folge aus Nordhessen ist aber die Hauptfigur, der Täter, ein charismatischer Manipulator. Nicht weil die Rolle des soziopathischen Fersehmoderators so tiefgründig und komplex angelegt und ausgearbeitet ist. Das Gegenteil ist der Fall.

Filmausschnitt zeigt den Täter aus dem Tatort "Das Monster von Kassel".
Manipulativ und gefährlich: Der Talkmaster Maarten Jansen hat seinen Stiefsohn getötet. Bild © ARD

Aber der niederländische Schauspieler Barry Atsma (bekannt aus der Serie "Bad Banks") holt aus der Rolle alles raus, was drin ist und vielleicht sogar noch mehr. Die gespielte Trauer seiner Figur und seine Abscheu vor der (eigenen) Tat trägt er so authentisch vor, dass man als Zuschauer fast vergisst, was man am Anfang gesehen hat: nämlich wie dieser Mann eine Leiche in Stücke haut.

In seinem Gesicht kippt aber auch in Sekundenbruchteilen die Stimmung, was Atsmas Mimik in feinsten Nuancen widerspiegelt, von emphatisch zu bedrohlich mit einem Wimpernschlag. Die Luft schockgefriert zu Eis bei über 30 Grad Außentemperatur. Das ist schauspielerisch beeindruckend.

Das wirft Fragen auf

Warum dieser Täter so ist, wie er von Barry Atsma so fesselnd dargestellt wird, bleibt allerdings unklar - das Drehbuch ist nicht so stark wie sein Hauptdarsteller. Was hätte der Mann wohl aus einem starken Drehbuch zaubern können? Wie hypnotisierend hätten die Verhörszenen mit Anna Janneke, die der Fernsehmoderator wie eine seiner Talkshows gestaltet, werden können, wenn die Dialoge mehr hergegeben hätten?

Die Ermittler untersuchen einen Sack mit Leichenteilen.
Die Ermittler Lauritzen (Mitte) und Brix (links) untersuchen ein neues Teil vom Leichenpuzzle. Bild © ARD

Und außerdem: Was sollen uns die Fundorte der Leichenteile sagen? Nichts offenbar, es wird zumindest nicht aufgelöst. Die unerwartete und neue Fragen aufwerfende Schlussszene dieser Tatort-Folge, die wie das Finale auf einer Theaterbühne inszeniert ist, macht aber zumindest eines klar: Dieser Täter hat ein massives Respekt-Problem mit Frauen. Stichwort #Metoo.

Fazit

Dieser Kassel-Tatort ist mit seinem Leichenteile-Puzzle irgendwie schockierend und eklig, aber gleichzeitig auch ein wenig lahm und oberflächlich. Die Geschichte wird durch den herausragenden Hauptdarsteller getragen, die anderen Protagonisten schlagen sich wacker. Kassel als Spielort ist toll in Szene gesetzt. Insgesamt nicht top, aber sehenswert.

Weitere Informationen

hr-Tatort aus Kassel

hr-Tatort "Das Monster von Kassel"
Sonntag, 12.Mai 2019, 20.15 Uhr, Das Erste
Regie: Umut Dag
Drehbuch: Andrea Heller/ Stephan Brüggenthies
Kamera: Carol Burandt von Kameke
Redaktion: Lili Kobbe, Liane Jessen, Birgit Titze

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