Angriffslustige Krähe

Grauenvolle Morde sind das Kennzeichen der spannenden Thrillerserie mit der Frankfurter Kommissarin Mara Billinsky, genannt "die Krähe". Autor Leo Born erklärt im Interview, warum er sich die widerwärtigsten Verbrechen noch nicht einmal hat selber ausdenken müssen.

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Düsterer Gothic-Look, knallhart gegen sich und andere, getrieben von einem Trauma in ihrer Kindheit und dem eisigen Verhältnis zu ihrem Vater, einem Frankfurter Staranwalt: Mara Billinsky kommt mit den Dämonen ihrer rauen Jugend nicht zurecht, die sie so hart nach außen gemacht haben. Im Inneren aber ist sie immer noch das verletzte Kind, dessen Mutter ermordet wurde.

Mara nimmt nach einer Auszeit in Düsseldorf wieder eine Stelle in der Frankfurter Mordkommission an, und alle, die sie von früher kennen, mobben sie – der Chef ebenso wie ihre Kollegen. Sie haben ihr den Spitznamen "Krähe" verpasst. Aber Mara gibt nicht nach. Sie verbeißt sich regelrecht in ihre Fälle. Und die haben es in sich:  Vergewaltigung, Drogen, Menschen- und Organhandel. Immer dabei: die Mafia und Auftragskiller, die vor lustvollem Sadismus geradezu strotzen.

hessenschau.de: Herr Born, Ihre Kommissarin Mara ist schroff, eigenwillig und sie eckt an. Warum?

Leo Born: Es gibt viele Figuren, die man schnell ins Herz schließt. Und ich wollte eine interessantere Frau, bei der es schwerer ist, sie in den Arm zu nehmen. Ich wollte jemanden, den man entweder mag oder nicht mag. Ich wollte auch als Polizistin jemanden, der tough ist und nicht liebenswürdig. Das Interessante an ihr sind die Gegensätze, nach außen hin das Schroffe und das nach innen Sensible und Verletzliche. Diese Gegensätze spiegeln für mich auch die Stadt Frankfurt ein bisschen wider.

hessenschau.de: Die rückhaltlose Aufklärung des Mordes an ihrer Mutter ist Maras Lebensinhalt. Damit eckt sie auch immer wieder an. Warum kann sie nicht loslassen?

Leo Born: Sie ist einfach so ein Typ, ein zäher Typ, der, wenn er sich festgebissen hat, einfach nicht mehr loslässt. Das bringt dieses prägende Erlebnis in ihrem Leben mit sich, das sie mit ihrem Vater entzweit hat und das der Auslöser ist für ihren weiteren Lebensweg. So ist sie zur Polizei gekommen, was ja eigentlich überhaupt nicht zu ihr gepasst hat.

hessenschau.de: Ihr Verhältnis zu ihrem Vater nimmt einem großen Platz in den Büchern ein. Warum sind die beiden wie Hund und Katz?

Leo Born: Sie sind sehr gegensätzliche Persönlichkeiten. Beide verbindet, dass sie streitlustig sind, dickköpfig und ichbezogen. Solche Leute prallen aneinander. Sie hat auch immer ihren Teil dazu beigetragen, ihn zu provozieren, und in dem Moment, wo sie auf ihn gewartet hat, war er nicht da für sie. Das haben beide mitgenommen über die Jahre. Das Spannende ist, wie sie jetzt Stück für Stück doch wieder näher aneinander kommen.

hessenschau.de: Wenn jemand ermordet wird in Ihren Büchern, dann nicht einfach so: Peng, Aus, Schluss, vorbei. Nein, Ihre Opfer leiden ganz fürchterliche Qualen, sie werden bestialisch gefoltert, warum?

Buchcover

Leo Born: Das bringt das Genre so mit sich. Es ist nicht meine Leidenschaft gewesen, so etwas zu schreiben. Die Folterszenen, die schlimmsten Sachen sind zum Glück nicht meiner Fantasie entsprungen, die habe ich aus Büchern. Die sind tatsächlich passiert. Eine große Quelle ist die mexikanische Drogenmafia, über die ich zwei sehr gute Bücher gelesen habe. Was da stand, war schlimm, und das hat Einfluss auf diese blutigen Details.

hessenschau.de: Wenn jemand böse ist bei Ihnen, dann ist er es 150-prozentig. Es gibt keine Grautöne. Warum?

Leo Born: Es ist einfach das Genre. Ich bin in der Bandenkriminalität und da werden ziemlich professionell Geschäfte abgewickelt. Es ist schwierig, da Grautöne herauszufischen. In einem Dokumentarfilm, den ich mal gesehen habe, erzählt ein mexikanischer Auftragskiller sein Leben. Das ist ganz irre, er erzählt das runter, 'dann gab es diesen Auftrag und dann habe ich das gemacht.' Es geht nicht in die Tiefe. Das spiegelt sich auch so in diesen Büchern.

hessenschau.de: Frankfurt beschreiben Sie ähnlich schwarz/weiß. Selbst im beschaulichen Stadtteil Bornheim kommt es zu Verbrechen. Warum ist die Stadt für Sie ein solch heftiges Pflaster?

Leo Born: Ach, ist es gar nicht. Frankfurt kommt oft vor in Krimis, aber die Stadt hat darin keine Krimi-Ausstrahlung. In Frankfurt kann es sehr düster werden, zum Beispiel am Ostbahnhof. Das Bahnhofsviertel wird ja jetzt ganz schön, die Leute gehen abends aus, das verliert sicherlich ein bisschen seinen Schrecken. Ich wolle einen harten Frankfurt-Krimi schreiben, Frankfurt als düstere Stadt. Die meisten Bände spielen im Herbst oder Winter. Dann ist es neblig und kalt und das gibt dem Ganzen die Atmosphäre.

hessenschau.de: Sie lieben Plots rund um die Mafia, und zwar hauptsächlich um die osteuropäische. Warum haben Sie sich auf diese Organisation eingeschossen?

Leo Born: Frankfurt verkörpert für mich ein bisschen das harte kriminelle Leben, das große Verbrechen, das organisierte. Wenn man guckt, welche Gruppen da vorrangig zugange sind, landet man automatisch im Osten. Und das verkörpert für mich die moderne Mafiaform. Diese Art der organisierten Kriminalität passt mehr zu Mara Billinsky.

hessenschau.de: Sie reißen große Themen an: Vergewaltigung im ersten Buch, dann Organ-, Drogen-, Menschenhandel. Was fasziniert Sie daran?

Leo Born: Ich finde sie einfach erschreckend. Ich habe viel über Menschenhandel gelesen, und das ist das Schlimmste für mich, deswegen kommt es auch immer wieder. Auf den Organhandel bin ich eher durch Zufall gekommen, da hat mich ein Bericht aufgeschreckt. Man kann sich relativ schnell etwas anlesen. Zum Beispiel 2012 der Fall in Göttingen, das ist alles wahr. Das übernehme ich dann, weil das für mich auch die Realität ist.

hessenschau.de: Mara gerät immer in Lebensgefahr. Ist das eine Zutat, ohne die heute kein Krimi mehr geht?

Leo Born: Das war nicht der Plan. Es folgt sowieso alles nicht dem großen Masterplan. Das hängt von der Intuition ab, von den Themen, auch von dieser Figur. Mara ist jemand, der nicht immer mit Bedacht vorgeht. Ich wollte eine Figur, die auch Fehler macht, der nicht alles gelingt, die für diesen Job lebt, weil sonst ist ihr Leben ja eher grau. Da passiert nicht viel, sie hat nur das. Natürlich macht man das auch, um das hohe Tempo halten zu können und Action reinzubringen.

hessenschau.de: Im dritten Band löst Mara das Rätsel um die Ermordung ihrer Mutter. Das ist einer der Hauptstränge, von denen die drei ersten Bände leben. Wie geht es nun weiter?

Leo Born: Ja, das ist jetzt weg. Im vierten Band geht es trotzdem wieder ein bisschen um ihre Vergangenheit. Es bleibt spannend mit ihrem Vater, sie nähern sich an, im fünften können sie zum ersten Mal Hand in Hand arbeiten. Im vierten Band geht es um ein Thema, das uns alle betrifft, nämlich um Essen, um Fleisch. Das ist eine andere Welt für Mara, auch wenn das organisierte Verbrechen eine Rolle spielt, aber es hilft dabei, das ein bisschen greifbarer zu machen und vielleicht mal Gangster darzustellen, die ein bisschen normaler sind als irgendein Auftragskiller.

Der Autor

Mann lächelt in Kamera

Leo Born aka Oliver Becker wurde im Schwarzwald geboren, lebt aber schon lange in Frankfurt. Als Kind hat er sich "mehr für Geschichten als für Geschichte" interessiert und wollte immer wissen, wie es weitergeht. Heute gilt sein Interesse offenbar beidem, denn er hat unter seinem richtigen Namen schon etliche historische Romane herausgebracht, für die er gründlich recherchiert hat. Auch Krimis hat er geschrieben. Mit der Mara-Billinsky-Serie hat er sich nun ins Thriller-Genre vorgewagt. Ende Januar ist der vierte Band der Reihe, "Blutige Gnade", erschienen.

Im "richtigen Leben" arbeitet Leo Born in der Werbebranche, hat zuvor Journalismus studiert und nebenher beim Radio und bei Zeitungen gearbeitet. "Ich wollte immer einen Roman schreiben", sagt er, "egal welches Genre. Diese 400 Seiten zu füllen, fand ich die größte Herausforderung: ohne Musik und Bilder jemanden dazu zu bringen, dass er das bis zum Ende liest." Das ist ihm mit seiner Thriller-Serie hervorragend gelungen.

Das Interview führte Nicole Bothof.