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Streetart-Künstler malen an der Lincoln Wall in Darmstadt.

Die "Lincoln Wall" ist mit fast 700 Metern Länge Hessens größte legale Graffiti-Wand: Die Schallschutzmauer an der B3 bringt Streetart-Künstler aus der ganzen Welt nach Darmstadt.

Die Betonmauer, die die Darmstädter Lincoln Siedlung vor dem Autolärm der nahen B3 schützen soll, ist mehr als nur eine schnöde Schallschutzwand. Im Laufe der Jahre ist die sogenannte "Lincoln Wall" zu einer Art Kunstgalerie im Freien geworden: Auf rund 700 Metern Länge und vier Metern Höhe zieren weit über 100 Graffiti das einst graue Betonbauwerk. Damit ist die Lincoln Wall mit fast 3.000 Quadratmetern Fläche die größte legale Leinwand für Graffiti-Künstler in Hessen und weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt.

Wer den Weg entlang der Lincoln Wall für einen Spaziergang oder eine kleine Runde mit dem Rad nutzt, wird von Farben, Formen und Eindrücken schier erschlagen. Bunte Schriftzüge wechseln sich mit abstrakten Darstellungen, aufwendig gestalteten Figuren und Gesichtern ab.

Die Geschichte dieser besonderen Graffiti-Location ist noch recht jung. Im Jahr 2015 hat die Stadt die Wand für Streetart freigegeben, wohl auch, um der Neubausiedlung auf dem Gelände der ehemaligen US-amerikanischen Lincoln-Kaserne etwas Farbe zu verleihen. Seitdem hat die Lincoln Wall unzählige Maler - so bezeichnen sich Graffiti-Künstler selbst - angezogen und inspiriert.

"Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt"

Mit Atemschutzmaske vor dem eigenen Kunstwerk: Streetart-Künstler Benni Fuchs

Einer, der von Anfang an dabei ist, ist der Darmstädter Benni Fuchs. Der 24 Jahre alte Student hat vor rund acht Jahren mit dem Malen angefangen , seitdem nimmt die Straßenkunst einen großen Teil seines Lebens ein. Für ihn ist die Wall so etwas wie sein künstlerisches Zuhause. Hier hat er unzählige Stunden und Tage verbracht, ausprobiert, seine Technik verfeinert und perfektioniert.

"Der Kreativität sind an der Wall keine Grenzen gesetzt", sagt Benni. "Hier kann man in jeder Größenordnung malen und sich in alle Richtungen ausprobieren." Wenn er nicht selbst malt, setzt er sich manchmal einfach nur dazu und beobachtet andere Künstler und Künstlerinnen bei der Arbeit. Im Laufe der Zeit hat Benni so seinen ganz eigenen, abstrakten Stil entwickelt, der sich deutlich von den meisten anderen Werken an der Wall unterscheidet.

Abstrakter Schriftzug "Reset" von Benni Fuchs

Für ihn ist die Wall aber mehr, als nur eine große Leinwand. Sie ist Treffpunkt für Sprayer aller Couleur geworden. Hier trifft Benni seine Freunde, aber auch Maler aus anderen Städten und Ländern. Die Wand bringt Menschen zusammen. "Das Schöne an der Lincoln Wall ist, dass hier eigentlich jeder malen kann", sagt Philly Bouren, Vorsitzende des neugegründeten Vereins 1. SC Lincoln Wall, der sich um die alle Belange rund um die Wand kümmert und auch den Kontakt zur Stadt hält. "Wir haben hier einen riesigen Beginner-Bereich, niemand muss sich für irgendwas schämen." Wer will, könne sich hier "bunt ausleben".

Graffiti-Festival macht die Wand international bekannt

Über die Jahre hinweg hat sich die Lincoln Wall einen festen Platz in der Szene erarbeitet und auch über die Grenzen Hessens und Deutschlands hinaus einen Namen gemacht. Das liegt vor allem an der "Lincoln Wall Jam", die im Sommer 2016 zum ersten Mal stattfand. Die Jam ist ein mehrtägiges Festival, auf dem Maler und Malerinnen aus der ganzen Welt Interessierten ihre Künste vorführen und die Wand neu gestalten.

2019 waren zum Beispiel Künstler aus Frankreich, der Ukraine und der USA angereist. Dazu gibt es Workshops, Essen, Getränke und Live-Musik – vornehmlich aus dem Hip-Hop-Bereich. Die Stadt greift den Organisatoren dabei finanziell unter die Arme.

Die Idee zu der Jam ist aus der Darmstädter Szene heraus entstanden. "Wir hatten plötzlich diese riesige unbemalte Fläche. Da haben wir uns gedacht, machen wir zur Eröffnung doch einfach ein Festival", erklärt Philly. Seitdem hat die Jam eine rasante Entwicklung genommen. "Wir haben uns von Jahr zu Jahr gesteigert", sagt die 23 Jahre alte Studentin. Beim letzten Mal hätten sie sogar interessierten Künstlern und Künstlerinnen absagen müssen, so viele Anfragen hätte es gegeben.

Im vergangenen Jahr musste die Jam wegen Corona ausfallen, in diesem Jahr soll es höchstens eine abgespeckte Ausgabe ohne Live-Musik und mit weniger Künstlern geben. Aber sobald es die Infektionszahlen wieder zulassen, will der 1. SC Lincoln Wall wieder an die Vor-Pandemie-Zeit anknüpfen.

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Einem steten Wandel unterworfen

Gemalt wird aber nicht nur zur Festival-Zeit. Die Wand unterliegt einem steten Wandel, Kunstwerke kommen und gehen auch wieder. Gelunges bleibt meist etwas länger stehen, was nicht gefällt, wird schnell wieder übermalt. Das sorgt bei manchen Künstlern und Künstlerinnen für etwas Wehmut, wenn das geliebte Werk plötzlich nicht mehr da ist. Andererseits ist diese Dynamik auch das, was die Lincoln Wall ausmacht, sagt Benni. Und so gibt es auch für Spaziergänger und Radfahrer immer etwas neues zu entdecken.

Benni und andere Künstler malen aber nicht nur an der Lincoln Wall. Er selbst hat kürzlich im Auftrag der Stadt Stromkästen verschönert. Hin und wieder gibt er zusammen mit anderen Workshops, malt mit Schulkindern oder verschönert private Wohnzimmer.

In Darmstadt gibt es noch weitere legale Flächen für Streetart, wie etwa den Blütentunnel im Stadtteil Arheilgen oder eine weitere Wand in Eberstadt. Doch sein Herz hat Benni an die Betonmauer an der B3 verloren: "Am Ende vom Lied landet man immer wieder an der Wall."