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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Literaturfestival zur Erinnerung an die Opfer von Hanau

Collage mit Max Czollek, Ferda Ataman und Selma Wels

Vor einem Jahr erschoss ein Rassist in Hanau neun Menschen. Die Kulturszene gedenkt der Morde und demonstriert dabei ganz bewusst kulturelle Vielfalt.

Eigentlich sollte es ein Literaturfestival werden, das die Vielfalt der Stimmen und Perspektiven in Deutschland zu Wort kommen lässt. Die Verlegerin und Festivalmacherin Selma Wels war mitten in der Planung, als die Morde von Hanau geschahen. "Hanau darf nicht in Vergessenheit geraten", sagt Wels, die selbst türkische Wurzeln hat. Mit ihrem Festival will sie daher jetzt auch auf die Angst vieler Menschen in Deutschland hinweisen: "Das ist Teil ihrer Lebenswirklichkeit, denn wir wissen ja nicht, wo und wann dieser Hass zuschlägt." Ein politisches Festival soll es sein.

Weitere Informationen

Festival im Literaturhaus Frankfurt

Wir sind hier - Festival für kulturelle Diversität
18. bis 20. Februar im Livestream
Streamingticket 5 Euro, Festivalpass 10 Euro

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Die Literatur in Deutschland war Selma Wels lange als relativ "sorgenfrei" erschienen, vor allem im Vergleich zu Büchern aus der Türkei, deren Übersetzungen ins Deutsche sie verlegte. "Literatur kann sehr politisch sein und sie kann auch Wut zum Ausdruck bringen", ist Wels überzeugt. Es sei an der Zeit, dass die Literatur auch in Deutschland Haltung zeige.

"Einwanderung ... das ist die DNA von Deutschland"

"Wir sind hier" - das ist der Titel des "Festivals für kulturelle Diversität", das Selma Wels zusammen mit dem Literaturhaus Frankfurt organisiert hat und das online zu verfolgen ist. Dabei lesen und debattieren knapp ein Dutzend überwiegend junge Autorinnen und Autoren, die zwar in Deutschland geboren oder aufgewachsen sind, aber oft immer noch als "Migranten" wahrgenommen werden.

Ferda Ataman

"Es gab immer Einwanderung, Auswanderung und Fluktuation, das ist sozusagen die DNA von Deutschland", sagt die Journalistin Ferda Ataman. "Die Vorstellung, es gebe so eine teuto-deutsche Germano-Gruppe und dann gebe es 'die anderen', diese Vorstellung funktioniert nicht." Rassismus gebe es auch in der Mitte der Gesellschaft und in den Sicherheitsbehörden. Im Zusammenhang mit Hanau geht es Ataman darum, Versäumnisse der Polizei aufzuklären: "Die Angehörigen der Opfer erwarten eine Entschuldigung, wie mit ihnen umgegangen wurde, und sie haben wahnsinnig viele Fragen, die bis heute unbeantwortet geblieben sind", beklagt Ataman.

Lyrik als "Praxis des Widerstands"

"Kultur ist nicht nur zur Erbauung da, sondern Lyrik ist auch eine Praxis des Widerstands", meint der Dichter Max Czollek. Für Czollek, der in einer jüdischen Familie aufgewachsen ist, stellt sich die Frage, ob er in Deutschland noch sicher leben kann. "Vielleicht brennen beim nächsten Mal zuerst die Moscheen, aber dann brennen auch wieder die Synagogen", befürchtet Czollek.

An Halle und Hanau sei klar geworden, "dass es entweder eine Zukunft für Juden und Muslime gleichermaßen in Deutschland gibt oder für keinen von beiden." Neben Czollek und Ataman treten bei dem Festival unter anderem Mohamed Amjahid, Idil Baydar, Alice Hasters und Hengameh Yaghoobifarah auf.

Mit Schriftbanner Flagge zeigen

Auch das Schauspiel Frankfurt erinnert am Donnerstag, 18. Februar, 20 Uhr, mit einer Debatte im Live-Stream an die Morde von Hanau. Gleichzeitig wird an der Fassade der Städtischen Bühnen zum Willy-Brandt-Platz ein großformatiges Schriftbanner installiert. In weißen Buchstaben auf lila Grund ist da der Satz "DEUTSCH MICH NICHT VOLL" zu lesen. Der Frankfurter Bildhauer Naneci Yurdagül hat den Schriftzug entworfen. Für einfache Interpretationen des Satzes ist Yurdagül nicht zu haben: "Mit Kritik am Deutschtum hat das nichts zu tun", sagt der Künstler.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "Dieser Satz hat eine globale Dimension"

Installation von Naneci Yurdagül am Schauspiel Frankfurt. Der Schriftzug: DEUTSCH MICH NICHT VOLL
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Rechter Terror sei eine "globale Bewegung", wie der Sturm auf den Berliner Reichstag und der Sturm auf das Kapitol in Washington gezeigt habe. "Es ist in Hanau passiert, es hätte auch in Frankfurt passieren können." Ausgehend vom hessischen "Babbel mich net voll", wolle er mit seinem Banner die Ausflüchte der verantwortlichen Politiker zurückweisen, sagt Yurdagül.

Es gehe ihm um die Frage, "ob meine Polizei mich noch schützt und ob man nicht den Verfassungsschutz mal auf den Verfassungsschutz ansetzt". Jetzt ist Naneci Yurdagül gespannt auf die Debatten, die sein Satz an der Schauspielfassade auslösen wird.

Sendung: hr-iNFO, 17.02.2021, 14.50 Uhr