Collage der Preisträgerinnen des hr2-Literaturpreises

Sie sind jung, engagiert und machen die Themen ihrer Generation zum literarischen Gegenstand: Melis Ntente, Farnaz Nasiriamini und Mirandolina Babunashvili gewannen in den vergangenen drei Jahren den hr2-Literaturpreis. Er geht nun in eine neue Runde.

Der hr2-Literaturpreis ist ein Publikumspreis. Ins Rennen gehen dabei jeweils die zehn Hauptpreisträger*innen des "Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen", einem Wettbewerb, der vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst und der Thüringer Staatskanzlei gemeinsam mit dem Hessischen Literaturforum veranstaltet wird.

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Junges Literaturforum Hessen-Thüringen

Die Einreichungsphase für den Wettbewerb 2021 startet am 1. November. Die Teilnahmebedingungen finden Sie auf der Webseite www.junges-literaturforum.de.

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In den vergangenen drei Jahren waren es junge Frauen mit Migrationshintergrund, die das Publikum mit ihren Texten überzeugten. Ihre Themen: Identität, Beziehungen - und die Gesellschaft, in der sie leben.

Die Lyrikerin: Melis Ntente, Preisträgerin 2020

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zum hr2.de Audio "Ich war immer nur bei den Gedichten"

hr2-Literaturpreis 2020 - Kandidaten
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"Wenn ich spreche, werde ich an meinem "Sch" immer als Hessin erkannt", lacht Melis Ntente. Sie wurde 1999 in Rüsselsheim geboren, wohnt in Kelsterbach und studiert Onlinejournalismus an der Hochschule Darmstadt in Dieburg. Ihr Familienhintergrund ist "ein bunter Mischmasch, der in Hessen gelandet ist": Die Eltern stammen aus Griechenland, gehören aber zur muslimisch-bulgarischen Minderheit der Pomaken. Ntente selbst spricht neben Deutsch und Englisch auch noch Türkisch.

Für Literatur hat sie sich schon immer interessiert, sagt sie im Gespräch mit hr2-Redakteurin Heike Oehlschlägel: "Meine Eltern erzählen, dass ich sogar mit dem Deutschbuch aufs Klo gegangen bin." Ihr erstes Gedicht schrieb sie mit acht, da reimte sie noch Haus auf Maus, "weil ich es faszinierend fand, dass Sachen sich reimen können und trotzdem einen Sinn ergeben".

Den hr2-Literaturpreis gewann sie mit zwei Gedichten, sie war 2019 Preisträgerin der frankfurtcollage und veröffentlichte in der Anthologie "Edel-Herb Erlesen: Lyrischer Lorbeer 2018". Die quirlige Kelsterbacherin arbeitet aber auch als freie Autorin für das Rüsselsheimer Echo und für die Süddeutsche Zeitung.

Und sie verfasst Texte für das Künstler_innen Kollektiv i,slam und für Poetry Slams: "Hanau" entstand nach dem rassistischen Anschlag im Frühjahr. Darin schreibt sie: "Nirgendwo kannst Du Dich in Sicherheit wiegen, wenn die Täter speziell auf Deine Herkunft zielen. Nirgendwo kannst Du Dich in Sicherheit wiegen, wenn deine Bedeckung, die Farbe Deiner Haut, Deiner Haare dem Täter wie ein Dorn im Auge liegen."

Die Bloggerin: Farnaz Nasiriamini, Preisträgerin 2019

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zum hr2.de Audio Farnaz Nasiriamini im Gespräch mit Karoline Sinur

Farnaz Nasiriamini
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Die 25-jährige Butzbacherin Farnaz Nasiriamini gewann den Literaturwettbewerb 2019 mit der Kurzgeschichte ""Es ist überall". Sie erzählt von einer Schülerin und von einem Video, das gegen ihren Willen veröffentlicht wird - ein authentischer und sehr beklemmender Blick auf eine Situation, in der ein Leben durch einen einzigen Klick aus den Fugen gerät.

"Worte sind ein mächtiges Werkzeug", findet Farnaz Nasiriamini im Gespräch mit hr2-Redakteurin Karoline Sinur. "Mit dem künstlerischen Schreiben kann man gesellschaftspolitische Themen anders rüberbringen, als das journalistisch oder akademisch möglich ist." Gesellschaftspolitik liegt ihr am Herzen: Sie war Schülersprecherin und trat schon früh in die örtliche SPD ein, wurde sogar Vorstandsmitglied, denn: "Man geht mit offenen Augen durch die Gesellschaft und möchte etwas bewegen."

Eine Geschichte vom Ende ihrer Grundschulzeit fällt ihr dazu ein: Als Tochter iranischer Eltern bekam sie keine Gymnasial-Empfehlung. Sie solle doch Mittlere Reife machen, dann könnte sie früher Geld für die Familie verdienen, so der Rat der Lehrer. Nasiriaminis Mutter setzte sich trotzdem durch, heute hat die Tochter einen Bachelor in Soziologie, Politik und Wirtschaft und studiert aktuell Jura in Gießen.

In ihrem Blog "Alphafehler" und als freie Journalistin befasst sie sich mit den Themen, die ihr am Herzen liegen: Sozial- und Flüchtlingspolitik, Rassismus und Zukunftsthemen.

Die Kurzgeschichten-Autorin: Mirandolina Babunashvili, Preisträgerin 2018

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zum hr2.de Audio Mirandolina Babunashvili im Gespräch mit Karoline Sinur

Mirandolina Babunashvili ist die hr2-Literaturpreisträgerin 2018
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Die 13-jährige Alissa ist die Heldin in Babunashvilis Gewinner-Text. Es ist die Geschichte einer Heranwachsenden, die zwischen den Erwartungen ihrer Eltern und denen der Freunde ihren eigenen Platz finden muss.

Mirandolina Babunashvili wurde 1996 als Tochter eines Georgiers und einer Kasachin in Kaiserslautern geboren und wuchs in Darmstadt auf. Dort kam sie schon als Schülerin in Kontakt mit dem Literaturhaus Frankfurt und wurde Teilnehmerin im "Schreibzimmer".

An die Arbeit dort erinnert sie sich heute noch gern: "Wir waren alle noch sehr jung, sehr unsicher, vor allem, was das Schreiben betrifft." Die Unterstützung durch andere Schriftstellerinnen habe ihr sehr geholfen, sich mit ihren Texten auch an die Öffentlichkeit zu wagen.

Babunashvili gewann unter anderem den Frankfurter Jugendliteraturpreis "JULIP", war Stipendiatin des Literaturlabors Wolfenbüttel und Mitglied des Frankfurter Autorenkollektivs "sexyunderground".

Sendung: hr2-kultur, Spätlese, 17.11.2020, 22:00 Uhr