Porträtfoto von Mala Emde

Er ist Deutschlands Oscar-Hoffnung 2021 und politisch hochaktuell: Der Kinofilm "Und morgen die ganze Welt" zeigt die Geschichte einer Studentin, die sich im Kampf gegen Rechts radikalisiert. Hauptdarstellerin Mala Emde aus Frankfurt sagt im Interview: "Mir ist Haltung sehr wichtig."

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Filmbesprechung "Und morgen die ganze Welt"

Jugendliche demonstrieren gegen Rechts
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Mala Emde ist 24 und bereits ein Star. Die Schauspielerin hatte ihren filmischen Durchbruch mit der Rolle der Anne Frank 2015. Seitdem dreht die Frankfurterin einen Film nach dem anderen, auch in internationalen Produktionen. Nun kommt ihr neues Werk ins Kino, ein hochpolitischer Thriller über eine Jurastudentin, die sich im Kampf gegen rechte Netzwerke immer weiter radikalisiert. Warum sie sich mit der Studentin Luisa identifizieren kann, was sie an ihrer Heimat Frankfurt liebt und was sie in ihrem Schatzkästchen verbirgt, erzählt Mala Emde im hessenschau.de-Interview.

hessenschau.de: 2015 waren Sie Anne Frank, die Rolle, mit der Sie den Durchbruch hatten. Nun sind Sie fünf Jahre älter – und fünf Jahre weiser?

 Mala Emde: Ich war in der Zwischenzeit auf der Schauspielschule und habe ganz tolle Projekte machen dürfen. Man wächst so langsam mehr rein. Bei Anne Frank habe ich mich noch so ein bisschen als Gast in der Filmwelt gefühlt, und jetzt bin ich da mehr zuhause.

hessenschau.de: In Ihrem neuen Film "Und morgen die ganze Welt" spielen Sie eine linke Aktivistin, in Charité haben Sie eine Nationalsozialistin verkörpert, im Tatort eine junge Frau, die zum Islam konvertiert. Das ist eine große Bandbreite und es sind alles politische Figuren.

Mala Emde: Mir wird das derzeit gerade oft gesagt, dass ich so politische Filme mache. Ich bin schon ein Mensch, der sich viele Gedanken macht. Das interessiert mich einfach: Frauenfiguren, die für oder gegen etwas kämpfen und vielleicht auch ein bisschen eigen sind. Mir ist Haltung sehr wichtig. Aber ich hätte auch nichts dagegen, mal eine Komödie zu spielen.

hessenschau.de: Konnten Sie Sich mit der Rolle der Luisa im neuen Film identifizieren? Die Jura-Studentin kämpft gegen ein rechtes Netzwerk.

Mala Emde: Ja, total. Luisa ist eine unfassbar tolle Frauenfigur, weil sie verschiedene Phasen durchlebt. Erst ist sie die schüchterne, suchende junge Frau, dann radikalisiert sie sich, verhärtet und wird immer krasser. Und dann gibt es einen kathartischen Moment und sie muss einen Rückschritt machen und überlegen, ob sie damit vielleicht falsch gelegen hat. Diese Entwicklung fand ich total toll. Das kann Mut machen. In meiner Generation hat das glaube ich jeder: Dieses tiefe, tiefe Bedürfnis, etwas zu ändern. Und diese Figur ist mir so leicht gefallen, weil mein eigenes Herz auch links schlägt.

hessenschau.de: Wie haben Sie Sich auf die Rolle vorbereitet?

Mala Emde: In der Vorbereitung haben wir linke Aktivistinnen getroffen. Für mich war Inge Viett (ehemalige RAF-Terroristin/Autorin, Anm. d.Red.) wichtig, weil ich eben verstehen wollte, was in einem Menschen vorgeht, der sein ganzes Privatleben aufgibt für eine politische Vision. Und das ist bei Luisa im Film ja auch so.

hessenschau.de: Wie gut können Sie es nachvollziehen, dass Menschen an einem bestimmten Punkt des politischen Aktionismus auch noch mal einen Gang höher schalten und sich radikalisieren?

Mala Emde: Das ist super schwierig. Unser Film stellt sich ja genau dieser Frage. Und auch wir geben keine Antwort. Ich glaube in unserer Welt gibt es gerade keine einfachen Antworten. Und trotzdem finde ich es wichtig, sich diese Frage zu stellen. Und ich finde es richtig und wichtig, dass es das Gesetz gibt, dass alle Deutschen das Recht zum Widerstand haben, wenn die demokratische Grundordnung in Gefahr ist. (Art.20 Abs.4 Grundgesetz, Anm. d. Red.)

hessenschau.de: Für viele junge Menschen ist es ja derzeit schon "fünf nach zwölf". Hat die Empfindung dieser Dringlichkeit etwas mit Ihrer Generation zu tun?

Mala Emde: Es muss gar nicht unbedingt mit der Generation zu tun haben. Aber ja, unser Film ist ein sehr junger Film, er hat diese junge Energie. Aber schauen wir uns Fridays for Future doch an: Das sind junge Menschen, die die Erwachsenen bitten, macht was! Wir müssen Euch bitten, weil Ihr in der Verantwortung seid. Das ist nicht nur auf die junge Generation abzuwälzen. Es wäre doch das Schönste, wenn wir die Brücken über die Generationen schlagen könnten. Wenn wir eine Massenbewegung hinbekommen könnten, dass jede und jeder die Liebe für die Demokratie und unsere Erde zurückgewinnt. Und dass wir uns zusammentun und handeln.

hessenschau.de: Am Protest spalten sich aber derzeit die Geister, selbst eine friedliche Greta Thunberg wird von vielen Menschen regelrecht gehasst. Wie sehen Sie das?

Mala Emde: Ich sehe das als ein super gefährliches Machtvakuum an. Derzeit kommt ja auch noch eine Skepsis gegenüber der Polizei und dem Verfassungsschutz hinzu. Das ist richtig gefährlich, denn das sind Institutionen, die in unserer Demokratie immens wichtig sind. Und es ist gut, dass es sie gibt. Wir müssen dahin kommen, dass wir ihnen vertrauen. Unsere Diskussionskultur ist auch ein Problem. Wir müssen dahin kommen, dass nicht Rechthaben unser Ziel ist. Wir müssen eher Brücken schlagen und versuchen, einander zu verstehen.

hessenschau.de: Sie leben jetzt in einer WG in Berlin, aber eigentlich sind Sie ja Frankfurterin. Wie sehr fehlt Ihnen Frankfurt?

Mala Emde: Während des Lockdowns in Frühjahr war ich das erste Mal wieder länger in Frankfurt seit fünf Jahren. Und ich habe Frankfurt noch mal auf eine ganz neue Weise lieben gelernt. Und mit meiner Familie und meinen Freunden ist alles noch einmal tiefer geworden. Darüber freue ich mich sehr. Ich habe wieder eine Verbindung zu meiner Heimat gefunden.

hessenschau.de: Also ist Frankfurt Heimat? Was ist mit der Filmwelt in Berlin?

Mala Emde: Für mich ist Heimat so etwas Altes, das hat mit Wurzeln zu tun. Meine neue Heimat muss ich erst noch finden. In meiner WG in Berlin bin ich derzeit auch sehr glücklich. Ich habe viele Freunde in der Filmbranche und es ist mir aber auch total wichtig, andere Leute zu haben. Die Filmbranche ist eben auch nicht die ganze Welt.

hessenschau.de: Sie haben einen dichten Zeitplan, drehen viel. Bleibt da noch Zeit für Freund oder Hobby?

Mala Emde: Die Zeit nehme ich mir. Wenn ich drehe, dann wissen alle, dass ich voll dort bin. Ich kann das gar nicht anders, ich gehe immer vollkommen in die Figur rein. Aber ich finde Freunde, Privatleben und Familie extrem wichtig für die Seele, um mich wieder aufzutanken. Mein Privatleben möchte ich auch gerne privat haben. Als Schauspieler gibt man eh so viel von sich preis. Da möchte ich das wie eine kleine Schatztruhe für mich haben.

hessenschau.de: Was sind Ihre nächsten Projekte?

Mala Emde: Einige Filme sind noch in der Finanzierungsphase, und da kann nicht drüber sprechen. Vor allem weil es wegen Corona alles noch schwieriger ist und man nie weiß, ob etwas daraus wird. Nur so viel: Ich muss gerade Spanisch lernen. Das ist sehr aufregend. Aber für alle Produzenten da draußen: Ich habe dieses Jahr noch Zeit!

Weitere Informationen

Deutsche Oscar-Hoffnung 2021

Der Spielfilm "Und morgen die ganze Welt" der Regisseurin Julia von Heinz geht für Deutschland in das Rennen um die Oscars. Das Politdrama wurde unter zehn Bewerbern als Kandidat für die Kategorie des besten internationalen Spielfilms ausgewählt.

In dem Film schließt sich die junge Jurastudentin Luisa (Mala Emde) aus adeligen Kreisen in Mannheim einer linken Antifa-Gruppe an, in der sie anfangs nur geduldet ist. Als die Aktivisten einem rechten Netzwerk auf die Spur kommen, das Sprengstoff und Munition bunkert, wandelt sich die Milieu- und Jugendstudie zum Politthriller, der um die Frage kreist, ab wann Gewalt im Kampf gegen Rechts erlaubt oder gar geboten ist.

Als nächster Schritt steht nun eine Auswahl der Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS) im kalifornischen Beverly Hills an. Aus allen internationalen Bewerbungen wählt sie zunächst zehn Filme aus, die am 9. Februar 2021 bekanntgegeben werden. Am 15. März werden die fünf nominierten Filme verkündet. Die eigentliche Preisverleihung ist am 25. April 2021 geplant.

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Das Gespräch führte Jan Tussing.