Junger schwarzer Mann steht vor einem Hochhaus

Orry Mittenmayer hat zwei Jahre als Fahrradkurier Essen ausgeliefert und die Arbeitsbedingungen der Branche am eigenen Leib erfahren. Heute kämpft er in einer Gewerkschaft für die Arbeitsrechte von Menschen, die für die Mehrheit der Gesellschaft unsichtbar sind.

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Zum Artikel auf hr2.de Orry Mittenmayer – Befreien

FREIHEIT DELUXE mit Jagoda Marinić
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Im Podcast FREIHEIT DELUXE mit Jagoda Marinić erzählt Mittenmayer, wie er als 26-Jähriger im Körper eines 60-Jährigen steckte, warum sympathische Chefs manchmal zum Problem werden können und warum der Kampf gegen Rassismus nicht vom Kampf um faire Arbeitsbedingungen ablenkt.

hessenschau.de: An was denkst du beim Wort Freiheit?

Orry Mittenmayer: In Deutschland sprechen wir häufig davon, dass es so viele Freiheiten wie noch nie geben würde. Ich frage mich dabei immer: Für wen? Ich kenne viele Menschen, die sich in prekären Verhältnissen befinden, die wenig bis gar keine Freiheiten genießen können. Wir haben viele Berufe, die einfach gar nicht wahrgenommen werden - in der Reinigungsbranche, im Transportwesen, in der Gastronomie, wo es oft keine tarifliche Organisation gibt.

Mit Blick auf meine eigenen Erfahrungen kann ich sagen: Diese Berufe übernehmen meistens Menschen aus den marginalisierten Communities, zum Beispiel People of Color. Für diese Menschen ist "Freiheit", sich mal sonntags kurz ausruhen zu können, bevor alles wieder von vorne losgeht.

Wie kann man denn von Freiheit des Individuums in Deutschland sprechen, wenn es Menschen gibt, die zwei, drei Teilzeitjobs haben, die vielleicht einen Vollzeitjob haben, aber dann am Wochenende nochmal als Barkeeper arbeiten müssen und trotzdem nicht genug haben am Ende des Monats, um zu überleben, um ein bisschen über der Armutsgrenze rauszukommen?

hessenschau.de: Du hast als Fahrradkurrier gearbeitet, um dann abends noch dein Abitur in der Abendschule machen zu können. Wie lange hast du das ausgehalten?

Mittenmayer: Zwei Jahre habe ich das aushalten können. Und dann habe ich zum Glück Anspruch auf Bafög bekommen. Aber das habe ich auch nur zufällig mitbekommen — das ist übrigens auch eine riesengroße Barriere. Und ich musste auch aufhören, weil ich es körperlich gemerkt habe: Ich habe viel zu viele Unfälle gehabt. Ich habe mir schon zu oft meinen Rücken verletzt. Ich hatte eine Abnutzung im Knie feststellen müssen. Ich habe gemerkt: Scheiße, ich bin 26 und hab mittlerweile fast den Körper eines zwar topfitten 60-Jährigen, aber mit allen möglichen Beschwerden, die damit einhergehen.

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Liefern am Limit

Unter dem Dach der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) hat sich die Initiative gegründet, um für bessere Bezahlung und faire Arbeitsbedingungen für Fahrerinnen, Fahrer und Hub-Beschäftigte zu kämpfen.

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Schlimm war, wenn ich einen Unfall hatte. Es kam immer öfter vor, dass dann an erster Stelle nicht die Frage war: Wie geht es Dir? Sondern Priorität hatte, ob das Essen noch lieferbar wäre, weil dann würde man einen zweiten Fahrer hinschicken, der das Essen übernehmen und weiter liefern würde. Und erst dann wurde gefragt, ob man eigentlich noch weiter arbeiten kann. Es wurde überhaupt selten gefragt, ob es einem überhaupt gut geht und das zeigt doch schon, wie unglaublich unmenschlich gerade die Plattformökonomie im Bereich der Lieferdienste sein kann.

hessenschau.de: Wie kam das in deinem Bewusstsein an, dass da was gesellschaftlich schiefläuft, wenn du auf diese Art deinen Körper abnutzen musst für die Arbeit?

Mittenmayer: Es hat schon eine Zeit lang gedauert, bis ich überhaupt gecheckt habe, wie beschissen die Arbeitsbedingungen waren. Diese Lieferdienste schaffen es ja ganz gut, dass sie sich, naja, als hippes Startup-Unternehmen verkaufen. Sie versuchen, eine familiäre Atmosphäre aufzubauen. Wir haben uns geduzt, mal gerne ein Feierabendbierchen getrunken oder Kicker mit unserem Vorgesetzten gespielt.

Über solche Methoden sind wir auch ein bisschen handzahm gemacht worden sind. Wenn dann mal was schief lief, sprich die Bezahlung war nicht ganz anständig, dann waren wir eher geneigt, Deliveroo oder Foodora zu verzeihen, weil: 'Das sind doch alles auch nur Menschen'. Zumindest hatten wir die damals so wahrgenommen, uns war damals gar nicht ganz klar, dass das ein knallhartes Unternehmen war.

hessenschau.de: Jetzt studierst du in Marburg Politikwissenschaften. Also du hast jetzt, überspitzt, den American Dream geschafft. Also, du hast genug Kraft entwickelt, aus diesen ganzen prekären Lebensweisen jetzt eine akademische Laufbahn einzuschlagen. Wo holst du dir die Kraft für das Ganze?

Mittenmayer: Ja, ich verkörpere - leider - so ein bisschen den American Dream. Aber: Zu einem hohem Preis. Ich habe körperliche und mentale Beschwerden, die ein Mensch in meinem Alter nicht haben sollte, weil die Bedingungen extrem hart waren. Und - das mag jetzt abgedroschen klingen, aber das muss halt gesagt werden - weil die Weiße Mehrheitsgesellschaft sich selbst viel zu oft einredet, dass es keinen Rassismus und auch keinen Ableismus (Behindertenfeindlichkeit) geben würde in Deutschland.

Ich hab die Energie vor allem aus Wut über die Zustände herausgezogen, aus Wut darüber, dass ich, seit ich denken kann, immer wieder entmenschlicht worden bin, man mich immer wieder versucht hat, zu infantilisieren. Weil ich Schwarz bin und weil ich hörgeschädigt bin, ein Cochlea-Implantat trage. Durch diese zwei Diskriminierungen hat man immer versucht, mir bestimmte Fähigkeiten abzusprechen und ich dachte: "Jetzt erst recht."

Zum anderem hatte ich das Glück, eine Familie zu haben, die unbedingt wollte, dass ich meine Träume verwirkliche. Aber auch sie haben dafür eine Menge geopfert. Sodass man eigentlich gar nicht von einem American Dream sprechen kann, sondern eigentlich eher vom Überleben eines American Nightmares.

Die Fragen stellte Jagoda Marinić.

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