Audio

Helmut Fricke über Laufstegfotografie

Helmut Fricke steht leicht erhöht in einer Menschenmasse. Er lacht und hat den Arm gehoben, in der Hand seine Kamera.

Paris, Mailand und New York - Modefotograf Helmut Fricke war überall auf der Welt unterwegs. Im Interview berichtet der Frankfurter von den irren Herausforderungen der Laufstegfotografie.

Helmut Fricke hat Claudia Schiffer fotografiert, Karl Lagerfeld und Dries van Noeten. Große Stars, würde man sagen. In seinen Augen sind es ganz normale Menschen. Das hat er in den 30 Jahren, in denen er die Modewelt für die Frankfurter Allgemeine Zeitung festgehalten hat, gelernt.

Anlässlich der Frankfurter Fashion Week gewährt Fricke einen Einblick in sein umfangreiches Fotoarchiv. Die Ausstellung "Helmut Fricke FASHION" zeigt Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus den 1990ern mit Supermodels wie Naomi Campbell und zeitgenössische Catwalk-Spektakel wie die aufwändige Waldkulisse von Chanel im Pariser Grand Palais.

Weitere Informationen

Helmut Fricke FASHION

Die Ausstellung "Helmut Fricke FASHION" öffnet ab Montag, den 17. Januar. Sie läuft bis zum 27. Februar. Arbeiten sind im Massif Central sowie an weiteren Orten im Frankfurter Stadtgebiet zu sehen. Der Eintritt ist frei.

Ende der weiteren Informationen

Im Interview mit hessenschau.de erzählt Fricke, wie das Smartphone die Modenschauen verändert hat, was die Fotografen für das perfekte Laufstegfoto auf sich nehmen und wie er über Frankfurt als Modestadt denkt.

hessenschau.de: Mode lebt davon, fotografiert zu werden. Während Designer und Models hofiert werden, ist das bei Fotografen nicht immer der Fall. Stört Sie das?

Fricke: Fotografie ist tatsächlich zentral für die Vermittlung von Mode. Viele nehmen sie ja überhaupt erst über Fotos wahr. Während Studiofotografen durchaus gehyped werden, sind Fotografen am Laufsteg oder bei Interviews, wo ich gearbeitet habe, überhaupt nicht gerne gesehen. Sie werden wie ein notwendiges Übel behandelt.

Models sitzen an Schminktischen und werden gestyled. Eine junge Frau im Vordergrund liest dabei entspannt ein Buch.

hessenschau.de: Woran machen Sie das fest?

Fricke: Dries van Noten hat anlässlich des 25-jährigen Bestehens seines Labels ein wirklich sehr schönes Event veranstaltet. Gefeiert wurde in einer großen Fabrikhalle. Es gab ein Essen für alle schreibenden Journalisten, Einkäufer und VIPs. Die Fotografen wurden in einen Raum gesperrt und durften ihn nicht verlassen. Wir haben gewartet, ohne zu wissen, worauf. Immerhin wurden irgendwann ein paar Sandwiches serviert.

hessenschau.de: Und dann?

Fricke: Plötzlich öffnete sich der Vorhang und man sah, was draußen stattgefunden hatte: Es gab einen großen Banketttisch und da saßen meine Kollegen, hatten gespeist, Wein getrunken. Über dem Tisch hingen riesige Leuchter, die fuhren auf einmal hoch. Die Gläser wurden zur Seite gerückt. Dann liefen die Models über den Tisch. Das war irrsinnig, ein wirklich besonderes Erlebnis - aber wir Fotografen waren nicht Teil davon.

hessenschau.de: Wie kann man sich Ihre Arbeit während einer Modenschau vorstellen?

Fricke: Man braucht auf jeden Fall viel Geduld. Während der Modenschauen in Paris, Mailand oder New York findet alle Stunde oder vielleicht alle eineinhalb Stunden eine Schau statt, jede an einem anderen Ort in der Stadt. Da muss man erst einmal hinkommen. Am besten ist man möglichst früh vor Ort.

Fotografen kommen noch vor den schreibenden Kollegen rein. Sie müssen sich im abgesteckten Bereich einen Platz suchen. Es ist eng. Je nach Modenschau sind da 50 bis 300 Fotografen. Manche haben sogar Leitern dabei. Dann steht man da - eine halbe Stunde, eine Dreiviertelstunde, manchmal sind es eineinhalb Stunden. Man steht auf einer Leiter und wartet, dass es beginnt.

hessenschau.de: Früher haben Fotografen allein die Schauen dokumentiert. Heute sind alle Anwesenden mit Smartphone bewaffnet. Macht das die Profis überflüssig?

Fricke: Es ist furchtbar. Allerdings ist das ja generell ein Problem: Jedes Ereignis wird heute mit dem Smartphone fotografiert. Aber versuchen Sie mal, ein Smartphone-Foto groß aufzuziehen, da kommen Sie schnell an Ihre Grenzen. Außerdem sind Sie mit dem Smartphone in der Optik eingeschränkt. Sie haben eine Weitwinkelkamera - und sonst?

Ich schöpfe das gesamte Spektrum aus, mache Close-ups, Wide Shots bis hin zum extremen Weitwinkel, wenn der Raum das zulässt. Ich habe sogar schon eine Panoramakamera eingesetzt. Für die Kollegen, die neben mir stehen, ist das allerdings immer etwas unangenehm, weil ich permanent die Kamera wechsele.

Ein Model läuft über einen Laufsteg, dabei wird sie von zig Fotografen fotografiert.

hessenschau.de: Hat sich die Atmosphäre bei den Schauen durch all die Handykameras verändert?

Fricke: Ganz klar. Früher haben die Leute das Ganze auf sich wirken lassen und zum Schluss applaudiert. Heute geht es darum, möglichst schnell etwas bei Instagram zu posten. Die Leute wollen zeigen, dass sie dabei waren. Nur das ist entscheidend. Und das zerstört eben die Atmosphäre: Das Gefühl geht verloren, weil man eigentlich nur mit sich selbst beschäftigt ist.

hessenschau.de: Gemeinhin verbreitet ist die Annahme, Mode sei oberflächlich. Was setzen Sie dem entgegen?

Fricke: Mode ist nicht oberflächlich. Mode ist immer Ausdruck ihrer Zeit. Sie verändert sich. Ich komme aus der Hippie-Generation. Für mich war dieser gestalterische Aspekt von Kleidung immer sehr wichtig. Heute sind wir alle so uniformiert, das finde ich schade. Alle haben Jeans und T-Shirt an.

Ich versuche, da immer ein bisschen gegenzuhalten. Wenn ich ein Sakko anziehe, trage ich ein Einstecktuch. Und ich versuche, mit Farben zu operieren. Ich bin überzeugt davon, dass jeder Moment auch eine bestimmte Art von Kleidung braucht. Ich würde also nie mit Badeschlappen ins Restaurant gehen. Das finde ich unmöglich.

hessenschau.de: Sie fotografieren, was die meisten nur aus dem Fernsehen oder aus dem Internet kennen: Mode, Stars, den ganz großen Glamour. Hatten Sie dazu schon immer eine Affinität?

Fricke: Zu Mode ja, zum Glamour nicht. Dieser Bereich ist ja auch nur ein Teil dessen, was ich beruflich gemacht habe. Die Unterschiede waren zuweilen extrem: An einem Tag bin ich in Kenia in den Slums herumgelaufen und am nächsten über Frankfurt nach New York zur Fashion Week geflogen. Diese Extreme lassen den Glamour an Bedeutung verlieren.

Die Personen, die sich da als Stars gerieren, sind für mich auch nur Menschen all ihren Schwächen. Es gibt Stars wie Heidi Klum, die sind gesprächig und offen - auf eine professionelle Art. Und es gibt solche wie Claudia Schiffer, die sind auch hochprofessionell, aber gar nicht mehr greifbar. Trotzdem: alles Menschen.

Claudia Schiffer schreitet durch eine Menge von Menschen, einige machen ihr den Weg frei, andere fotografieren oder filmen sie. Das Foto ist schwarz-weiß.

hessenschau.de: Gibt es Personen aus der Branche, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

Fricke: Der sehr umstrittenen John Galliano, früher Chefdesigner bei Christian Dior, heute Kreativdirektor bei Maison Margiela, oder der verstorbene Alexander McQueen, beides sehr gebrochene Menschen. McQueen rannte nach jeder Show wie von der Tarantel gestochen durch den Raum, winkte, winkte nochmal und verschwand wieder. Er war so zerrissen, das hat man gespürt. Über die Jahre ist mir auch aufgefallen, wie unterschiedlich die Auftritte von männlichen und weiblichen Designern waren.

hessenschau.de: Wie meinen Sie das?

Fricke: Frauen treten schüchtern auf. Männer entweder zerrissen und eilend oder gestikulierend, sich labend und den Applaus wirklich einsaugend. Es gibt auch Ausnahmen: Vivienne Westwood zum Beispiel, die hat sich feiern lassen. Aber Jil Sander hat sich kaum gezeigt und auch Miucci Prada guckte immer nur hinterm Vorhang vor. Mag sein, dass sich an diesen Rollenbildern auch etwas verändert hat. Heute spielt das vielleicht auch nicht mehr so eine Rolle. Die ganz großen Stars wie Karl Lagerfeld gibt es nicht mehr.

hessenschau.de: Dafür gibt es eine noch recht junge Fashion Week. Um welche Perspektiven kann Frankfurt die großen Standorte Paris, Mailand oder New York ergänzen?

Fricke: Ich fand die Idee gar nicht schlecht, Frankfurt zu einer Modestadt werden zu lassen. Frankfurt ist eine kreative Stadt, ich denke, dass es hier viele Möglichkeiten gibt. Das Problem ist, dass die Deutschen insgesamt in Bezug auf Mode immer nur abkupfern, was sie im Ausland sehen. Gleichzeitig fehlt es der Mode gerade überall an Ideen.

In den 1970er, 1980er oder 1990er Jahren hat sich die Mode mit der Musik, mit der Gesellschaft verändert und eine ganz eigene Sprache gefunden. Heute wird im Grunde nur wiederholt, was schon einmal war. Dabei verändert sich gerade im Moment so viel: Klimakrise, Corona-Pandemie – die Mode könnte jetzt eine neue Sprache dazu entwickeln.

Das Gespräch führte Anna Meinecke.

Weitere Informationen Ende der weiteren Informationen