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hs 23.04.2021 Thumbnail

Van Gogh, Renoir, Gaugin: Im Zweiten Weltkrieg wurde Marburg zum Zentrallager einer US-Spezialeinheit, die europäische Kunstschätze in Sicherheit brachte. Ein Kinofilm machte die Monuments Men bekannt - nun gibt es eine Ausstellung dazu.

"Zerstöre die Kultur eines Volkes - und es ist, als hätte es nie existiert. Genau das will Hitler erreichen." Mit pathetischen Sätzen wie diesem geht Goerge Clooney alias George Leslie Stout im Spielfilm "Monuments Men - Ungewöhnliche Helden" auf Streifzug durch Europa.

Sein Auftrag: Er soll mit einer Spezialeinheit der US-Armee von den Nazis versteckte Kunstwerke aufstöbern, sie vor der Zerstörung bewahren - und dafür sorgen, dass sie wieder an ihre rechtmäßigen Besitzer zurückkommen.

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Audioseite Die Monuments Men in Marburg

Arbeiter des Collecting Point laden rheinische Objekte auf einen Militärlaster vor dem Staatsarchiv, Frühjahr 1946
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Der Film von 2014 bekam zwar gemischte Kritiken, doch er rückte ein Thema in den Fokus, das bis heute aktuell ist: Der Schutz von unersetzlichen Kunst- und Kulturgütern in Krisengebieten.

"Die größte Schatzsuche der Geschichte"

Während des Kriegs hatten die Nationalsozialisten Kunstgegenstände aller Art aus europäischen Museen, Bibliotheken, Archiven und Kirchen "evakuiert". Sie brachten die Kunstwerke in abgelegenen Bergwerken oder historischen Gebäuden unter, etwa alten Schlössern oder Klöstern. Hinzu kamen zahlreiche Kunstwerke, die die Nazis systematisch von ihren meist jüdischen Besitzern geraubt hatten.

Schlusskirche Ellingen, April 1945

Mit dem Vorrücken der Alliierten suchten die Monuments Men diese Verstecke teilweise gezielt auf - teilweise wurden die Lager auch zufällig entdeckt. Es begann die "größte Schatzsuche der Geschichte", wie es in einem historischen Roman von Robert Edsel heißt. Die Alliierten trugen die gesammelten Schätze in sogenannten "Central Collecting Points zusammen". Den ersten fanden sie im Mai 1945 im Hessischen Staatsarchiv in Marburg.

Marburg als Sammelstelle besonders geeignet

Marburg sei aufgrund der zentralen Lage und relativen Unversehrtheit besonders gut geeignet gewesen, erklärt Johannes Kistenich-Zerfaß, der heute das Hessisches Staatsarchiv in Marburg leitet. Das Gebäude sei damals erst wenige Jahre alt und ausreichend groß gewesen.

"Außerdem ist Marburg schon damals mit einem eigenen Fotoarchiv federführend gewesen, was die systematische Dokumentation von Kunstwerken anging." Auf diese Expertise sei die US-Spezialeinheit angewiesen gewesen.

Lastwagenladungen voller Kunst von Weltrang

Kistenich-Zerfaß erklärt: "Es lief tatsächlich so ab, dass in Marburg ganze Lastwagen voller Kunstwerke angefahren kamen." Darunter waren zum Beispiel wertvolle Madonnenfiguren und Altarbilder aus dem Mittelalter oder Gemälde berühmter Künstler: Van Goghs "Weiße Rosen", Renoirs "Ein Paar im Grünen" oder Caspar David Friedrichs "Abtei im Eichwald" - um nur einige zu nennen.

Fotograf Eugen Fink lichtet im Staatsarchiv Franz Marcs Gemälde „Hund, Katze, Fuchs“ von 1912 ab (Mannheim, Kunsthalle), Februar 1946

Zunächst seien die Kunstwerke eingelagert worden: "Sie wurden hier auf Karteikarten dokumentiert, sie wurden vermessen und fotografiert." Große Schäden, die durch die ungeeignete Lagerung in Klöstern oder Bergwerken entstanden seien, habe man auch notdürftig repariert - zumindest so, dass die Werke nicht weiter kaputt gehen konnten. "Man muss sich das mal vorstellen: Da sind Holzfiguren unter der Erde gelagert gewesen - die hatten dann Patina oder vielleicht sogar Schimmel angesetzt, die Farben hatten gelitten."

"Es hält sich auch in Marburg immer noch hartnäckig die Mär, dass die berühmte Nofretete zeitweise hier war", erzählt Kistenich-Zerfaß. Das stimme jedoch nicht. Die berühmte ägyptische Büste sei in das später entstandene Zentrallager nach Wiesbaden gebracht worden

Nur wenige Werke als Raubkunst identifiziert

Insgesamt landeten bis 1946 rund 40.000 Werke aus ganz Europa in Marburg. Die Gunst der Stunde nutzte man in der Universitätsstadt und veranstaltete im Staatsarchiv Ausstellungen und Vorträge. "Es fanden hier auch kunsthistorische Universitätsveranstaltungen vor der Originalen statt", so der Archivleiter. "Das waren ja Werke, die man in Marburg in so einer Zusammenstellung wohl nie mehr zu Gesicht bekommen wird."

Eine ausgiebige Forschung zur Herkunft der Werke, zur sogenannten Provenienz, konnte in Marburg jedoch aufgrund von wenig Personal und der schieren Menge an Werken nicht stattfinden. Nur 200 Werke wurden in Marburg eindeutig als Raubkunst identifiziert. "Das heißt aber nicht, dass das bei einigen Werken nicht in den Jahrzehnten danach noch herausgefunden wurde - oder sogar heute noch untersucht wird", so Kistenich-Zerfaß.

Richard Hamann-Mac Lean mit Studierenden im Landgrafensaal des Staatsarchivs, Sommersemester 1946

Die Sammelstelle wurde schließlich im August 1946 aufgelöst, die Werke kamen größtenteils in später eingerichtete Lager in München und Wiesbaden.

Spielfilm überspringt Marburg

Die beiden Hauptfiguren im Spielfilm - George Leslie Stout und Walter Hancock (gespielt von Matt Damon) - waren auch in Marburg die zentralen Akteure. Im Spielfilm wird die Sammelstelle jedoch mit keinem Wort erwähnt - die Handlung springt direkt zum Lager in München.

Dass Marburg hier einfach unterschlagen wurde, war für den Archivleiter Johannes Kistenich-Zerfaß zwar eine kleine Enttäuschung. "Aber für mich überwiegt, dass sich ein so hochkarätig besetzter und erfolgreicher Spielfilm überhaupt dem Thema Kulturgutschutz gewidmet hat", sagt er. Denn das sei weiterhin hoch aktuell, wenn man etwa an die Zerstörung von Kulturdenkmälern in Kriegsregionen wie Syrien oder Mali denke.

Nicht der Sieger entscheidet über Kulturgut des Besiegten

Der Film "Monuments Men" hat seiner Meinung nach einen gravierenden Wechsel im Umgang mit Kulturgut im Krieg gezeigt. "Es gibt die jahrtausendealte Menschheitsgeschichte, in der der Sieger über die Kulturgüter des Besiegten entscheidet - und so wird es leider auch in heutigen Konflikten noch gemacht", sagt Kistenich-Zerfaß.

Die Monuments Men hätten stattdessen die Dinge beschützt und den Auftrag gehabt, sie dort zu lassen, wo sie hingehörten - anstatt einfach alles nach Amerika zu bringen. "Dieses ermutigende Zeichen, das der Film gesetzt hat, finde ich viel wichtiger als die Tatsache, dass Marburg darin nicht vorkommt."

Weitere Informationen

Ausstellung "Monuments Men in Marburg"

Die Ausstellung ist eine Kooperation mit dem Deutschen Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte - Bildarchiv Foto Marburg. Sie läuft vom 21. April bis 12. September 2021 im Staatsarchiv Marburg und findet derzeit digital statt. Sobald es möglich ist, soll sie auch vor Ort zu sehen sein. Zudem gibt es einen Bildband zur Ausstellung.

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