Der Leiter der Sammlung Gegenwartskunst im Städel, Martin Engler, steht vor Georg Herolds  "Ziegeln_ _ _ r "

Das Motiv ist schwierig, der Titel sowieso: Im Städel Museum Frankfurt steht das Gemälde "Ziegeln_ _ _r" derzeit im Mittelpunkt einer heftig geführten Rassismus-Debatte. Darf Kunst das? Oder soll sie sogar? Das Städel will das Bild in jedem Fall nicht abhängen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Rassismusdebatte über Gemälde im Städel

Eric Otieno, Initiative Schwarze Menschen Deutschland
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Querformat, Dispersionsfarbe auf Hartfaserplatte: Das umstrittene Bild hängt bei der Gegenwartskunst im unteren Teil des Städelmuseums und erlebt aktuell im Netz das, was das Städel selbst als Shitstorm bezeichnet.

Das Bild ist vom deutschen Künstler Georg Herold, entstanden 1981. Problematisch daran: Es wird von vielen als rassistisch gelesen. So auch von der Frankfurter Künstlerin Aniela, die sich aktiv an der Debatte um das Bild beteiligt hat: "Das ist ein Trigger, den die dort ausstellen." Losgetreten hat die Diskussion eine Studentin, die ein Foto des Gemäldes auf Instagram postete und das Städel kritisierte. Ihr Post wurde zigfach geteilt und hunderte Male kommentiert.

Zu sehen ist auf dem Bild ein Schwarzer Mensch, der von einem wütenden Weißen Mob mit einem Ziegelstein beworfen wird. Eine Ampel daneben steht eindeutig auf Grün. So als gäbe es für die Gewalt an Schwarzen Menschen grünes Licht.

"Künstlerego unter Menschenwürde - und nicht anders herum"

Doch nicht nur die Bildebene wird als rassistisch gedeutet, sondern auch der Titel des Bildes. Und an dieser Stelle beginnt das Dilemma der Debatte. Der Titel trägt nämlich das rassistische N-Wort in sich, eine kolonialrassistische Fremdzuschreibung, die Schwarze Menschen stark herabwürdigt und verletzt. Den Titel also hier ausschreiben oder nicht ausschreiben? Die Kunstfreiheit schützen oder den Respekt gegenüber Schwarzen Menschen bewahren?

Das Städel hat den Titel "Ziegeln_ _ _ r" ohne Striche wie hier etwa oder durch Ähnliches entschärft unverändert ganz ausgeschrieben. Die Künstlerin Aniela findet es "beschämend", dass das Städel das N-Wort nicht zensiert hat. "Künstlerego unter Menschenwürde - und nicht anders herum", sagt sie. Aniela appelliert an das Städel, das Bild unverzüglich abzuhängen, "aus dem ganz einfachen Grund, weil Menschen darum schreien und bitten, weil sie nicht möchten, dass Weißen Menschen die Möglichkeit gegeben wird, ins Museum zu gehen und den Stereotyp ihres Leides zu betrachten. Das ist nicht in Ordnung, darüber überhaupt zu diskutieren."

Rassistisch oder sogar anti-rassistisch?

Martin Engler dagegen freut sich über die Diskussion, die gerade stattfindet. Er ist der Sammlungsleiter der Gegenwartskunst im Städel Museum. Das Bild abzuhängen, kommt für ihn zum Schutz der Kunst und des Diskurses nicht in Frage. Das Museum müsse ein Ort bleiben, in dem auch konträre und provokante Themen verhandelt werden, "ohne gleich mit der Keule das Bild zerstören oder alles das abhängen zu wollen, was vielleicht nicht exakt in unsere Gesellschaft reinpasst."

Dass Georg Herolds Bild zu Diskussionen führen könnte, sei dem Städel im Vorfeld klar gewesen. Die Vehemenz der Debatte kam für Martin Engler aber überraschend. Vielleicht auch, weil er das Bild nicht als rassistisch einstuft. "Im Gegenteil. Wir zeigen es, weil wir denken, dass es ein Bild ist, das zum Nachdenken über Rassismus beiträgt." Martin Engler beruft sich darauf, dass der Künstler mit damaligem Bezug zur Punk-Szene keinesfalls rassistisch gemalt habe und sein Werk "eigentlich eher eine - wenn man das festlegen möchte - anti-rassistische Haltung einnimmt."

"Das Städel hat eine große Chance versäumt"

Also könnte das Bild am Ende sogar ein Statement gegen Rassismus sein? Nein, meinte Eric Otieno. Das Bild bleibe trotzdem rassistisch. Otieno ist Mitglied bei der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland/ Frankfurt und schreibt als freier Autor für Kunstmagazine. Bei Rassismus komme es nämlich nicht auf die Absicht, sondern auf die Wirkung an. Otieno kritisiert wie viele andere den Infotext, den das Städel zum Werk ergänzt. Dort heißt es, der Künstler Georg Herold habe mit Bild und Titel eine "geschmacklos brachiale Provokation" geschaffen, eine "Zumutung", eine "Herausforderung." Auf ihn wirke der Text, als sei Rassismus im Bild lediglich eine Auslegungssache. "Und das ist eben gefährlich bei Rassismus und anderen Diskriminierungsformen. Es ist wirklich an der Zeit, dass sich Museen hinsetzen und sich überlegen, wie sie mit problematischen Bildern umgehen." Das Städel habe eine "sehr große Chance" versäumt, sich damit auseinanderzusetzen. "Ich hoffe sehr, dass sie etwas aus dieser Kritik mitnehmen."

Das Städel sagt, dass man die Kritik sehr ernst nehme. Man wolle sich nun zusammensetzen, mit Communties sprechen und eventuell den Infotext des Bildes überarbeiten. Konkrete Pläne gibt es bislang noch nicht. Das Bild bleibt jedenfalls. Die Kritik auch.

Sendung: hr-iNFO, 29.06.2020, 08.24 Uhr