Hip-Hop trifft Klassik: Beim Music Discovery Project performt Rap-Legende Samy Deluxe am Wochenende mit dem hr-Sinfonieorchester. Was das mit "Hochkultur" zu tun hat, erzählt er im Interview.

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Die Begegnung verschiedener musikalischer Welten ist das Markenzeichen des Music Discovery Project. Dieses Jahr verbindet sich Hip-Hop-Star Samy Deluxe mit dem hr-Sinfonieorchester, zu sehen am Samstag ab 20 Uhr im Live-Stream. Was "Hochkultur" für ihn bedeutet, wie viel Klassik im Hip-Hop steckt und warum das Music Discovery Project für ihn quasi auf der Hand lag: hessenschau.de hat mit dem Rap-Pionier gesprochen.

Samy Deluxe probt für das Music Discovery Project mit dem hr-Sinfonieorchester im Sendesaal des hr.

hessenschau.de: "Hochkultur", so heißt Ihr neues Album - Was verstehen Sie unter Hochkultur?

Samy Deluxe: Ich nehme den Begriff als Sinnbild für Wachstum, dafür, etwas zu erschaffen. Ich habe im Text für den Song "Requiem" viele Begriffe aus der klassischen Hochkultur einfließen lassen, aber es geht mir hauptsächlich darum, zu motivieren, selber mal was Krasses zu erschaffen. Derzeit ist alles so auf Einheitsbrei bedacht. Auch gerade im Rap machen so viele so niveaulose Musik, und alles ist so traurig.

hessenschau.de: Ist Hip-Hop Hochkultur?

Samy Deluxe: Hip-Hop ist für mich das Heftigste, was der Welt in den letzten paar hundert Jahren passiert ist, weil es einfach noch keine Kunstform gab, die so viele Menschen und so viele Musikstile zusammengebracht hat. Hip-Hop-Kultur gibt es überall auf der Welt. Und es gibt keine andere Musik, die jede andere Art von Musik in sich hat, durch Samples etwa. Und nein, das ist nicht nur "yoyoyo", das ist die tiefste Poesie. Es gibt keine modernen Poeten, die ein größeres Sprachrohr haben, mehr Leute auf der ganzen Welt erreichen als wir als Rapper.

Rapper vor Orchester: Samy Deluxe probt mit dem hr-Sinfonieorchester

hessenschau.de: Und es ist aktuell, betrifft die Menschen in ihrer Gegenwart.

Samy Deluxe: Es kann ja nicht sein, dass alles, was heute allgemein als Hochkultur definiert wird, ein paar hundert Jahre alt ist. Klassikmusik lebt immer noch, aber nur, weil sie subventioniert wird, auch die Jazzmusik. Ich gönne diesen Genres ihre Existenzberechtigung und bediene mich ja auch daran, sample es und feiere das. Die Hochkultur unserer Ära muss aber auch das sein, was die Leute, die jetzt leben, erschaffen haben. Mein Song "Muttersprache" wird von Deutschlehrern im Unterricht eingesetzt.

hessenschau.de: Was glauben Sie, welche Verbindung haben die Kids heutzutage zur Hochkultur?

Samy Deluxe: Ich schreibe meine Musik nicht mehr für 15-Jährige, ich bin jetzt 42. Aber ich weiß, was mich in dem Alter beeindruckt hat. Ich stand auf Texte von schlauen, schwarzen, amerikanischen Straßenpoeten. Die haben mir extrem geholfen als Junge, der sehr monokulturell aufgewachsen ist, mit der falschen Hautfarbe im falschen Teil der Welt ohne männliche Identifikationsfiguren. Trotzdem ist es heute nicht mein Fokus, Teenies zu unterhalten.

hessenschau.de: "Opernchöre aus dem Ghettoblaster, Violine spielende Skateboardfahrer, Trap-Beats in der Kathedrale" das sind Formulierungen aus Ihrem Track "Requiem"– welche Verbindung sehen Sie zwischen Rap und klassischer Musik?

Samy Deluxe: Wenn ich Hip-Hop mit allen anderen Genres vergleiche, sind die Überschneidungen mit klassischer Musik dort wohl am geringsten. Alleine, weil man für Klassik immer einen elitären Hintergrund braucht. Wenn ein Kind beschließt, etwa Geige spielen zu wollen, wird es das nicht in jeder sozialen Schicht so umsetzen können. Hip-Hop ist einfach für den Musiker eine vollkommen andere Art der Selbstverwirklichung. Aber Hip-Hop hat sich auch schon immer viel an klassischer Musik bedient.

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Music Discovery Project 2020

Das Konzert in der Jahrhunderthalle wird am Samstagabend ab 20 Uhr per Live-Stream übertragen. Es gibt noch Restkarten im hr-Ticket-Center.

Music Discovery Project 2020
"Maschinenwerk"

Samy Deluxe, Rap; Carolina Eyck, Theremin; Steven Sloane, Dirigent
Freitag, 28.2.20 und Samstag 29.2.20, 20.00 Uhr
Jahrhunderthalle Höchst

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hessenschau.de: Warum machen Sie das Music Discovery Project mit dem hr-Sinfonieorchester?

Samy Deluxe: Ich genieße generell Austausch- und Crossover-Projekte. Wenn diese Art des Crossover meine Musik aufwertet, dann finde ich das total interessant. Gerade bei meinem neuesten Album "Hochkultur" war mir bei der Produktion schon klar, dass ich das auf irgendeine Art mit Klassikmusikern umsetzen werde. Ich habe viele klassische Instrumente als Stilmittel einfließen lassen, auch als Samples oder Midi. Das ist natürlich eine perfekte Vorlage, das jetzt alles mit dem echten Orchester umzusetzen. Das Album hat sich dann auch zeitlich mit der Anfrage vom hr überschnitten, obwohl die gar nicht wussten, was ich da gerade plane.

hessenschau.de: Ist das Ihre erste Zusammenarbeit mit einem klassischen Orchester?

Samy Deluxe: Ich habe schon ein paar Projekte mit Orchestern gemacht, und auch bei meinem MTV Unplugged waren Bläser und Streicher dabei. Also hat sich in den letzten Jahren schon viel in diese Richtung entwickelt, so dass das mit dem hr-Sinfonieorchester so etwas wie der logische nächste Schritt ist.

hessenschau.de: Spielen Sie selbst ein Instrument?

Samy Deluxe: Seit über zehn Jahren produziere ich sehr viel Musik, und ich kann ein paar Gitarrenakkorde spielen oder auf einer Tastatur rummachen und schöne Sachen komponieren. Aber ich könnte das nie noch einmal rekreieren. Ich habe keine Ahnung von Musiktheorie, aber ich habe ein sehr gutes Ohr.

hessenschau.de: Sind Sie jetzt bereit für das Music Discovery Project und das große Orchester?

Samy Deluxe: Das ist schon fordernder für mich als ein normaler Gig. Aber ich wachse mit meinen Herausforderungen und freue mich total. Das wird super.

Das Interview führte Katrin Kimpel.

Sendung: hr-fernsehen, maintower, 28.02.2020, 18 Uhr