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Audioseite Chilly Gonzales - ein musikalisches Chamäleon

Chilly Gonzales: Mann mit braunen Haaren, der einen Zeigefinger erhebt

Klaviervirtuose, Electro-Star, Rapper: Der Musiker Chilly Gonzales ist ein Multitalent. Beim Rheingau Musik Festival gibt er mehrere Konzerte. Warum er auch da wieder Bademantel und Slipper tragen wird, erzählt er im Interview.

Ein bisschen respektlos sei es schon, in renommierten Konzerthäusern im Bademantel aufzutauchen, gibt der Pianist Chilly Gonzales zu. Doch auch beim Rheingau Musik Festival wird er genau das wieder tun. Hier sitzt er zunächst am 4. Juli am Klavier (die Konzerte finden wegen begrenzter Zuschauerzahlen je zwei Mal am Abend statt), ein Konzert am 23. Juli steht wegen der möglichen Corona-Quarantäne des Schlagzeugers Joe Flory in der geplanten Form noch auf der Kippe.

Am 12. und 13. August steht er mit Igor Levit und Malakoff Kowalski auf der Bühne - ebenfalls Star-Pianisten. Warum vor allem dieser Auftritt Überraschungen für die Zuschauer bereit hält, erklärt er im Interview.

hessenschau.de: Herr Gonzales, Sie geben als "Fokus Jazz"-Künstler beim Rheingau Musik Festival gleich mehrere Konzerte. Was erwartet das Publikum?

Gonzales: Jazz umfasst ja ein breites Spektrum. Von außen betrachtet bin ich vielleicht ein klassischer Komponist, vielleicht auch ein Jazz-Musiker - in meinem Kopf bin ich aber vor allem ein Pop-Künstler. Denn ich bin sehr am Publikum orientiert. Ich bin ein Entertainer. Kommunikation mit dem Publikum ist für mich das wichtigste.

Ich gebe also drei Konzerte: ein Solokonzert mit dem Titel "Piano-Vision", eines mit zwei befreundeten Klavierspielern und eins mit dem Kaiser Quartett: ein großes, fast orchestrales Programm. Ich freue mich sehr auf das Kaiser Quartett. Wir haben vier oder fünf Jahre sehr viel zusammen gespielt, hatten dann eine Pause. Wenn ich jetzt mit dem Kaiser Quartett auf der Bühne stehe ist es, wie alte Freunde zu treffen. Wir kommen zusammen und eine halbe Stunde später heißt es: Die Band ist wieder da! Der alte Geist kommt schnell zurück.

Im Kurhaus präsentieren wir ein neues Programm, dem ich das Motto "Music is back" gegeben habe. Das greift auch die Corona-Problematik für Musiker auf.

hessenschau.de: Inwiefern?

Gonzales: Ich spiele wegen der Corona-Auflagen zwei Mal pro Nacht, denn nur die Hälfte des Publikums darf auf einmal in den Saal. Aber: Die Musik ist zurück, ich bin zurück in meinem Habitat.

hessenschau.de: Was haben Sie im Lockdown am meisten vermisst?

Gonzales: Die Zeit des Lockdowns war gar nicht so schwer für mich. Ich verbringe ja viel Zeit mit dem Komponieren. Außerdem habe ich mich um viele Dinge gekümmert, für die ich sonst keine Zeit habe, wenn ich toure. Ich habe das einfach als Chance angenommen. Natürlich habe ich die Bühne vermisst, aber nicht so sehr, dass ich darauf nicht hätte warten können. Gut, bis 2023 zu warten hätte mich vielleicht frustriert.

hessenschau.de: Wobei vielen Menschen die Kultur sehr gefehlt hat.

Gonzales: Da muss man als Künstler oder Künstlerin bescheiden sein, finde ich. Bei vielen Leuten, die nicht in einer intellektuellen Blase leben, steht die wahrscheinlich nicht ganz oben auf der Liste. Es gibt erst einmal viele Dinge, die wichtiger sind: Gesundheit etwa, oder Finanzielles.

hessenschau.de: Was ist für Sie das wichtigste, wenn Sie - wieder - auf der Bühne stehen?

Gonzales: Entertainment! Für mich ist Entertainment Kommunikation, Austausch von Emotionen, Identifikation mit dem Künstler. Der Künstler sollte etwas ausdrücken, das du im Publikum so noch nie gesehen oder gehört hast, das du tief in deinem Herzen aber kennst und fühlst. Was ich also versuche, ist, Emotionen zu schaffen. Dass Menschen sagen: Aha, ja, das fühle ich auch! Ich konnte das vorher nicht in Worte fassen. Aber da ist es, ich fühle es, ich fühle es zusammen mit dieser Person.

Das erfordert, Menschen da abzuholen, wo sie sind. Deswegen lebe ich nicht gerne in einem Elfenbeinturm in der Hoffnung, dass Menschen zu mir hochklettern. Ich nehme meine Kunst, ich bringe sie auf die Bühne, und ich klettere runter vom Turm, um sie dort zu treffen, wo sie sind. Dann können wir sie gemeinsam genießen.

hessenschau.de: Gehen Sie deswegen auch in Bademantel und Slippern auf die Bühne?

Chilly Gonzales am Flügel auf der ARD-Buchmessenbühne

Gonzales: Es ist wie alles, das ich mache: Es hat etwas Spaßiges, aber auch etwas Poetisches und Tiefes. Im "Chilly-Gonzales-Universum" funktioniert das sehr gut. Bademantel und Slipper stehen dafür, dass ich auch ein bisschen respektlos gegenüber den Orten bin, an denen ich spiele. In Bademantel und Slippern in der Elbphilharmonie oder im Kurhaus aufzutauchen ist ein bisschen respektlos, denn die meisten ziehen ja ihre beste Abendgarderobe an.

Bademantel und Slipper stehen dafür, dass ich die jeweiligen Orte verwandle. Die fühlen sich ja oft recht steif und formal an. Ich verwandle diese Orte in mein Wohnzimmer. Obwohl ich vor 2.000 Menschen in einem Konzerthaus spiele, gebe ich den Menschen das Gefühl, in meinem Wohnzimmer zu sitzen. Und in meinem Wohnzimmere trage ich eben einen hübschen Bademantel, der eher ein feiner Morgenmantel ist und seidene Slipper - wie ein Gentleman, der Gäste empfängt. Die Leute sollen sich entspannen. Wenn die Menschen entspannt sind, hat die Musik mehr Kraft.

hessenschau.de: Wobei die Menschen, die aus Ihren Konzerten kommen, oft sagen: Es war eine intensive, spannende Atmosphäre.

Gonzales: Ein Konzert wird intensiver, je entspannter das Publikum ist. Der Sex mit dem Partner wird auch intensiver, wenn man zum Beispiel durch eine Massage entspannt ist.

hessenschau.de: Kommt die Intensität Ihrer Konzerte auch daher, dass Sie alles – auch von sich – geben?

Gonzales: Ich hoffe doch. Wenn jemand nicht alles gibt, sollte er den Job nicht machen. Das ist es doch, was einen Musiker ausmacht – alles von sich zu geben. Deswegen sind meine Konzerte auch zwei Stunden lang. Dass sie in der Corona-Zeit nur einstündig sind, frustriert mich ungemein.

hessenschau.de: Auch weil Sie den Guiness-Weltrekord mit dem längsten Konzert halten.

Gonzales: Ich habe 2009 in der Tat einmal ein Konzert von 27 Stunden und 20 Minutengespielt. Ein junger Franzose hat den Rekord inzwischen aber gebrochen.

hessenschau.de: Eine Besonderheit Ihrer Konzerte ist auch, dass Sie oft Hintergründe zu den Stücken erklären.

Gonazles: Die europäische und nordamerikanische Form der Musikkultur haben viel gemeinsam: Die Idee einer Heldenreise, die Idee von Stabilität und Spannung, die Idee von Überraschung und Befriedigung, Wiederholung und Variation. Von den Anfängen westlicher Musik in der Renaissance bis hin zu moderner Jazz- oder Pop-Musik, all diese Richtungen teilen dieselbe Idee, wie man eine Geschichte erzählt. Und auf diese Verbindungen weise ich gerne hin, dafür bin ich qualifiziert, weil ich aus dieser Welt stamme.

Die Leute haben regelrechte Erleuchtungen, wenn sie sich bewusst machen, dass die Erzähltechnik in ihrem Lieblings-Popsong dieselbe ist wie sie schon Johann Sebastian Bach benutzt hat. Ich kann aber wie gesagt nur über westliche Musik sprechen, es gibt da draußen ein ganzes Universum anderer Arten, Musik zu machen.

hessenschau.de: Kommen wir noch einmal zum Rheingau Musik Festival zurück. Sie stehen im Kurhaus Wiesbaden auch mit den Pianisten Igor Levit und Malakoff Kowalski auf der Bühne. Wird das funktionieren mit drei so ausgeprägten Charakteren?

Gonzales: Und wissen Sie was: Wir haben nur ein Klavier! Ich bin ganz offen: Wir wissen noch gar nicht, was genau wir machen. Aber wir sind ja alle sehr erfahren, gleichzeitig haben wir verschiedene Ansätze: Wir haben den Interpreten mit Igor, der viel durch die Auswahl seiner Stücke aussagt. Denn er umgeht alle Klischees. Und das macht ihn zum Künstler. Gleichzeitig setzt auch er auf Kommunikation mit dem Publikum.

Malakoff ist ein wundervoller Komponist und Musiker. Er hat sich viel selbst beigebracht. Ich liebe seine Musik wirklich sehr. Er ist mein liebster lebender Komponist. Malakoff und ich, wir sind eng befreundet und schon oft zusammen aufgetreten. Also, wir treffen uns noch, um das Konzert zu planen und es wird wundervoll.

hessenschau.de: Wie Igor Levit sind Sie auch Jude, spielt das in Ihrer Kunst eine Rolle?

Gonzales: Nein, nicht für meine Musik. Kulturell, ja, vielleicht. Ich fühle mich vor allem mit der osteuropäischen Diaspora verbunden, mit den Juden, die Hollywood gegründet haben, die einen großen Einfluss auf amerikanische Comedy hatten. Ich liebe den jüdischen Humor, ich liebe zum Beispiel Sacha Baron Cohen. Ich war aber nie in einer Synagoge, hatte keine Bar Mizwa. Meine Religion ist die Musik. Die Götter, die ich fürchte, sind die Götter der Musik.

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Klassik, Pop, Electro - Multitalent Chilly Gonzales

Chilly Gonzales heißt mit bürgerlichem Namen Jason Charles Beck. Er hat Jazzpiano in Montreal studiert, ehe er 1998 nach Berlin zog und sich einen Namen machte: als Electro-Star, Rapper, Bühnenattraktion und Klaviervirtuose, der mit klassischen Ensembles wie dem Kaiser Quartett auftritt, aber auch mit Pop-Musikerinnen wie Feist, Rappern wie Drake oder Electro-Formationen wie Daft Punk arbeitet. Weltweit bekannt wurde er mit seinen beiden Alben "Solo Piano" (2004) und "Solo Piano II" (2012). 2013 erhielt er für seine Arbeit mit Daft Punk einen Grammy Award. Er ist 49 Jahre alt und lebt in Köln.

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