Gläubiger Muslim, homosexuell und Dragqueen: Das geht sehr gut zusammen, findet Jakub alias kweengypsy. Als Aktivist setzt er sich für mehr Akzeptanz von Queerness im Islam ein - und bekommt dabei viel Gegenwind.

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Queer im Islam

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Jakub alias kweengypsy beschreibt sich selbst auf Instagram als "kurdische Queen". Dass Queerness und Islam nicht im Widerspruch miteinander stehen, möchte kweengypsy mit teils provokanten Aktionen in die Außenwelt, vor allem in die islamische Community, tragen. Wie er das genau macht und wie die Reaktionen aussehen, verrät er im Interview.

hessenschau.de: Sie sind Muslim und homosexuell. Wie hat ihr Umfeld auf Ihr Outing reagiert?

kweengypsy: Die Reaktion war sehr emotional. Meine Mama hat gesagt: 'Hey, ich habe dich geboren, du bist mein Kind, wie kannst du uns so was antun? Das ist eine Schande.' Dann kamen viele Situationen, wo meine Familie zum Beispiel gesagt hat: 'Wir können das ändern. Ich kenne einen Arzt in der Türkei.' Ich hatte dann Glück, dass ich zu diesem Zeitpunkt ein gutes soziales Umfeld hatte, was mich aufgefangen hat.

hessenschau.de: Haben Sie in dieser sehr schwierigen Zeit jemals mit Ihrem Glauben gehadert?

kweengypsy: Tatsächlich nicht am Anfang. Für mich war es immer klar, dass das nicht die größte Sünde sein kann, weil ich schon als Kind wusste: Ich bin anders. Seitdem ich in der Pubertät war, wusste ich: Ich mag Männer. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass Allah etwas gegen mich hat, weil er mich so gemacht hat.

Ich habe gehadert, als ich auf Social Media öffentlich drüber geredet habe, zum Beispiel auf Instagram, und dann viele Hate-Nachrichten bekommen habe mit 'Du bist kein Moslem, du bist eine Schande, rede nicht über uns'. Ich habe gelernt: Vielleicht sollte ich Religion und Menschen, die Religion ausüben, nochmal differenzieren.

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hessenschau.de: Instagram, TikTok, YouTube - man findet Sie überall. Wenn Sie dort aggressive Kommentare und Beleidigungen erwarten, warum tun Sie sich das überhaupt an?

kweengypsy: Mein Ziel war es, in Drag etwas Politisches zu machen. Ich fand das immer cool, weil Dragqueens für die Community gekämpft haben und Sprachrohr waren. Ich fand es wichtig, Menschen zu helfen, die in meiner Situation waren, weil ich selber als junge queere Person keine im Internet gefunden habe.

Ich wollte dann die Person sein, die vielleicht Menschen auch googeln und dann sehen: 'Okay, das gibt es und das ist voll okay. Wenn die Person das kann, dann kann ich das auch.' Wenn ich jetzt diesen Hate abfangen kann, dann sollte ich das glaube ich machen.

hessenschau.de: Aber wie ertragen Sie das, in Ihrem Wesen abgewiesen worden zu sein, von der Familie, in der Moschee, in der Gemeinde und auch in der Öffentlichkeit auf so viel Aggression zu stoßen?

kweengypsy: Das ist auf jeden Fall erstmal eine große Challenge gewesen. Ich glaube, am Anfang ist es für mich sehr schwierig gewesen, vor allem, wenn es in Richtung Familie ging. Das hört sich zwar traurig an, aber irgendwann verliert das auch die Affektion, wenn ich zum 100. Mal eine Beleidigung höre. Ich glaube, was mir schon immer geholfen hat, ist, dass ich mir früh einen queeren Freundeskreis aufgebaut und so meine eigene kleine Bubble habe.

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hessenschau.de: Sie haben sich in Drag mit einem Schild 'Muslim und homosexuell' in die Kölner Innenstadt gestellt. Dafür wurden Sie beleidigt, Ihnen wurde Gewalt angedroht - was auf einem Video auch zu sehen ist. Was wollten Sie mit der Aktion bezwecken?

kweengypsy: Ich fand das spannend, dass viele Menschen gesagt haben: 'Wow, die Reaktionen, die waren super schlimm'. Das war mein Ziel mit dem Video. Man sollte sehen, was uns - und ich spreche von vielen queeren Menschen, die muslimisch sind - tagtäglich passiert. Sobald ich in Drag rausgehe und sage, ich bin kurdisch oder muslimisch, sind das die Reaktionen. Ich fand wichtig, dass Menschen das einmal kurz sehen.

hessenschau.de: Sie sagen, dass Sie als Dragqueen zur Diskussion anregen und Akzeptanz schaffen wollen. Welche Art von Diskussion wünschen Sie sich?

kweengypsy: Ich wünsche mir innerhalb der muslimischen Community, dass queere Muslime wirklich offen und ehrlich ihre Queerness oder in diesem Fall ihre Sexualität, ihre Identität ausleben können, ohne diese Ausgrenzung zu haben.

Ich habe oft das Gefühl, sobald du in der muslimischen Community sagst: 'Ich bin homosexuell', hat das einen viel höheren und negativeren Stellenwert, als wenn eine Person sagt: 'Ich habe gesündigt, ich habe vor der Ehe Sex gehabt'. Da ist das Stigma niedriger. Also da möchte ich die Diskussion haben: Warum kann man nicht queer und muslimisch sein? Und dann auch eine Antwort zu finden.

Das Gespräch führte Dagmar Fulle.

Weitere Informationen

"Queer im Islam. Homosexualität und Transgender – Kulturelle Tradition oder religiöses Verbot?"

Queerness und Islam - diesem Thema widmet die Goethe-Universität in Frankfurt am 7. Oktober 2022 eine ganztägige Konferenz. Unter den Diskussionsgästen ist auch die Dragqueen kweengypsy. Schirmherrschaft der Konferenz hat der Hessische Minister für Soziales und Integration, Kai Klose (Grüne), inne.

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