Spaziergänger auf einer Allee aus Beuys-Bäumen in Kassel

Joseph Beuys hat Hessen sein ökologisch nachhaltigstes Kunstwerk hinterlassen: Die "7.000 Eichen" in Kassel. Zu seinem 100. Geburtstag zeigt sich: Es hätten noch ein paar tausend mehr Bäume sein können.

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hs
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Um Werke von Joseph Beuys zu sehen, kaufen sich viele Eintrittskarten fürs Museum und betrachten dann Fett auf einem Stuhl in Darmstadt oder Fett und Filz auf Schlitten in der Kasseler Neuen Galerie. Am Mittwoch wäre Beuys 100 Jahre alt geworden, und wieder geht es in den Feuilletons viel um seine Werke, die in klinisch weißen Museumshallen ausgestellt sind.

Dabei steht sein ökologisch nachhaltigstes und vielleicht auch schönstes Werk in Kassel. 1982 pflanzte er hier zur "documenta 7" 7.000 Eichen und andere Bäume mit je einer Basaltstele. Rückblickend war das nicht nur eine Mammut-Aufgabe für die Stadt, sondern ein Werk mit klimapolitischer Vision.

Bäume als Provokation

In den 80er-Jahren war der Widerstand allerdings groß: Eine Bürgerin empörte sich im hr-fernsehen über "unerhört viel Laub", andere fürchteten Schäden durch Vogeldreck auf dem Autolack. In der Kasseler Nordstadt verteidigten Anwohner ihre Parkplätze gegen 16 geplante Baumpflanzungen. Bäume wurden beschädigt oder erst gar nicht gegossen, weil sich die Nachbarschaft über Beuys und die Wasserkosten zerstritt.

Fast 40 Jahre später ist die Diskussion um aufgeheizte Städte und die notwendige "Verschattung" durch Bäume ein dringliches Thema in der Stadtplanung. In Kassel arbeitet ein Klimaschutzrat aus Expertinnen und Experten daran, die Stadt bis 2030 klimaneutral umzugestalten. Klar ist, dass das Auto in den Städten der Zukunft weniger Platz wegnehmen soll.

"Kunst als Ticket, Leute aufzuwiegeln"

Als Beuys 1982 anfing, Bäume zu pflanzen, waren solche Ideen eine echte Provokation: "Man kann sich gar nicht mehr vorstellen, welchen Hass Leute hatten, weil ein Parkplatz wegkommt, und an die Stelle wird ein Baum gepflanzt", sagt der Autor und Kunsthistoriker Christian Saehrendt, der viel zur documenta arbeitet und den Blog "King Kunst" betreibt. "Damals wollten viele eine Welt aus Plastik haben, alles abwaschbar, Pflanzen stören nur."

Mit Blick auf den Klimawandel wären aus heutiger Sicht auch 70.000 Beuys-Bäume angemessen gewesen, sagt Saehrendt. Beuys dachte ökologisch, war Gründungsmitglied der Grünen und ein gesellschaftlicher Aktivist. "Er benutzte die Kunst als Ticket, um die Leute aufzuwiegeln in der Hoffnung, dass aus dem Aufruhr etwas Positives geschieht: Diskussion, Teilhabe, Demokratisierung von Kunst und Gesellschaft", sagt Saehrendt. "Heilung durch Provokation" könne man das nennen.

Dazu gehörte auch je Baum eine Basaltstele, die er zu tausenden auf dem Kasseler Friedrichsplatz auftürmte. Für Beuys sei es wichtig gewesen, dass sich die Menschen streiten, dann irgendwie wieder zusammen finden, um am Ende die Gesellschaft besser zu machen.

Beuys Basaltsteine

Druck durch Klimawandel: "7.000 Eichen 2.0"?

Wer sich also an den Steinbergen störte, wurde genauso wie die Stadtverwaltungen und Baum-Freunde zum gemeinsamen Handeln aufgefordert, sagt Saehrendt: Pflanzt die Bäume schnell, dann verschwinden auch die Stelen. Als der letzte Baum 1986 gepflanzt wurde, war Beuys schon tot. Überliefert ist sein Satz zur Aktion in Kassel: "Es gibt Steine des Anstoßes, über die jeder mal stolpern muss."

"7.000 Eichen" sei ihr Lieblingswerk von Beuys, sagt Ariane Röntz, Professorin für Landschaftsarchitektur an der Kasseler Universität und Mitglied der Stiftung, die das Kunstwerk bewahrt und pflegt. Beuys habe mit dazu beigetragen, dass Kassel grüner sei als andere Städte, aber ausruhen dürfe man sich mit Blick auf die Zukunft nicht: "Bräuchte man nicht noch ein '7.000 Eichen 2.0'?", sei die aktuelle Frage. "Wir haben jetzt einen viel stärkeren Druck, was zu verändern", sagt Röntz. 40 Jahre nach Beginn der Beuys-Aktion werde die ökologische Frage immer drängender.

Bäume sind Helfer in der Stadt, sagt Röntz, sie sorgen für Schatten, filtern Feinstaub und sind ein Lebensraum für Tiere. Sollten allerdings wieder 7.000 gepflanzt werden, bräuchte es andere Sorten, die der Trockenheit standhalten - gerade die Eichen eignen sich nicht. Die Beuys-Bäume leiden zunehmend an Trockenheit, Hitze, Streusalz und schlechter Luft.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 12.05.2021, 16.45 Uhr