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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "Schach ist wie ein Gemälde"

Kombo Hessische Schachspielerinnen/ Damengambit Netflix

Die Netflix-Serie "Das Damengambit" hat einen weltweiten Schach-Hype ausgelöst. Drei hessische Spielerinnen verraten, ob sie sich in der Serie wiedererkennen.

Im Wohnzimmer der Familie Bluhm braucht es zwei deckenhohe Schränke, um alle Pokale und Urkunden von Tochter Sonja Maria zu verstauen. Auf mehr als 50 regionalen, nationalen und internationalen Schachturnieren hat die 22-Jährige aus Neuberg (Main-Kinzig) ihre Trophäen gesammelt. Sie war drei Mal deutsche Meisterin, fünf Mal Vize-Meisterin und ist internationale Meisterin - diesen Titel bekommt man vom Weltschachverband auf Lebenszeit verliehen.

"Ich wollte immer besser sein als mein Bruder, und das habe ich geschafft", erklärt Bluhm mit einem Lachen. Mit sieben Jahren hat sie angefangen Schach zu spielen, hat gesehen, wie ihr Vater und ihr Bruder gegeneinander spielten, da wollte sie mitmachen.

Schach bleibt eine Männerdomäne

Sonja Maria Bluhm gehört zu einer Minderheit im Schachsport: Nach Angaben des deutschen Schachbunds sind nur knapp neun Prozent der Schachspielerinnen in Vereinen weiblich. In Hessen sind es knapp acht Prozent. Dabei sieht es in den Schach-AGs der Grundschulen häufig anders aus: "In den Gruppen sind meist 50 Prozent Mädchen, manchmal gibt es auch reine Mädchen-Schach-AGs", sagt Stefanie Schneider.

Die Karte zeigt Schachvereine und jeweils den Anteil weiblicher Mitglieder in Prozent.

Sie ist Frauenbeauftrage beim hessischen Schachverband, war selbst seit der 5. Klasse aktive Spielerin, wechselte dann aber in die Öffentlichkeitsarbeit. "Häufig verlieren Mädchen das Interesse, wenn sie als einzige in einem Verein oder einer AG nur mit Jungs sind. Deshalb ist es auch wichtig, dass es reine Mädchen- und Frauen-Schach-Turniere gibt. Da können sich Netzwerke bilden und die Mädchen und Frauen sich gegenseitig unterstützen."

In Netflix-Serie wiedererkannt

Mit 23 Jahren gehört Schneider zu den Jüngeren im Schachsport - etwa 37 Prozent der angemeldeten Spieler und Spielerinnen der hessischen Schachverbände sind unter 25 Jahren. Umso mehr freut es Schneider, dass die Netflix-Serie "Das Damengambit" so beliebt ist. "Wir haben uns in der Schachcommunity sofort darüber ausgetauscht, als die Serie rauskam - und fanden sie alle super."

Schachspielerin Stefanie Schneider

Sie sei vor allem sehr realistisch: Viele der Schachpartien sind echt und wurden von bekannten Schachspielern wirklich so gespielt. Und auch die Tatsache, dass sich die junge Protagonistin in einer Männerdomäne behaupten muss, ist Realität. Auch Sonja Maria Bluhm hat sich in der Serie wiedererkannt: "Gerade am Anfang, als die Hauptdarstellerin die vielen Bücher liest um besser zu werden, so war ich auch."

Schach kann jedermann spielen - und jede Frau

Rosalie Werner gefällt am Schach vor allem, dass sie kreativ sein kann: "Es gibt so viele Möglichkeiten, wie ein Schachspiel verlaufen kann." Die 14-Jährige spielt schon seit zehn Jahren Schach, im Alter von fünf Jahren hat sie an ihrem ersten Turnier teilgenommen. Die Offenbacherin stört es nicht, dass auf vielen Turnieren mehr Jungs als Mädchen sind. Am liebsten spielt sie auf offenen Turnieren, sogenannten Opens, wo sie einfach gegen die stärkste Person spielt - unabhängig vom Geschlecht.

Erst dieses Jahr war sie in Tschechien, bei der EU-Jugendmeisterschaft der U14-Jährigen. "Ich trainiere drei Mal die Woche, zwei Mal privat und ein Mal im Jugendtraining in meinem Verein VSG 1880 Offenbach, durch Corona natürlich nur online. Und ich mache täglich 15 bis 60 Minuten Taktikaufgaben." Sie vermisst das Spielen in der realen Welt, Online-Spiele seien zwar gut, aber nicht das Gleiche.

Ein Bild, das man immer wieder neu betrachten muss

Netflix-Serie: Damengambit

Auch Rosalie hat die Netflix-Serie gesehen und an zwei Tagen durchgeguckt. Was für alle drei Spielerinnen am wichtigsten ist: Die Serie zeigt, wie sehr der Schachsport begeistern kann. "Das Gewinnen ist das beste am Spiel. Und mir gefällt es einfach mehr zu sehen als mein Gegner", beschreibt Bluhm ihre Leidenschaft für den Sport.

Und auch Schneider liebt die Strategie und die Planung: "Ein Trainer von mir hat mal gesagt: Schach ist wie ein Bild und mit jedem Zug kommt ein neuer Pinselstrich hinzu - und dann muss man das Bild immer wieder von neu betrachten."

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Die Serie "Das Damengambit"

"Schach kann ... wunderschön sein" - diesen Satz sagt Beth Harmon, die Protagonistin in der erfolgreichen Netflix-Mini-Serie "Das Damengambit". Grundlage der Serie ist ein gleichnamiger Roman aus den 1980ern, der es durch die Serie mittlerweile auf die Bestsellerliste der New York Times geschafft hat. Die Geschichte um die junge talentierte Schachspielerin Beth Harmon spielt in den 1950er und 60er Jahren und ist fiktiv, an der Serie haben aber echte Schachgroßmeister mitgearbeitet, um sie so realistisch wie möglich zu machen. Auch eine deutsche Schach-Großmeisterin hat in der Serie mitgespielt: Filiz Osmanodja aus Dresden ist das Handdouble der Hauptdarstellerin.

Nach Netflix-Angaben hat die Serie Rekorde gebrochen: "Eine Rekord-Menge von 62 Millionen Haushalten hat sich 'Das Damengambit' innerhalb von 28 Tagen angesehen. Dadurch ist die Produktion die erfolgreichste fiktionale Mini-Serie von Netflix", verriet der Streamingdienst auf Twitter.

Anm. d. Red.: In einer vorherigen Version hatten wir Beth Harmon das Zitat "Nur wenige Dinge sind geistig so brutal wie Schach" zugeordnet. Dieser Satz wird in der Serie allerdings nicht von Harmon, sondern von einem Schachgroßmeister gesagt. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

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Sendung: hr4, 11.12.2020, 14.50 Uhr