Sieht aus wie alt, ist aber neu - und das auch schon seit Jahren: Die Frankfurter Altstadt ist ein komplexes Stück Stadtentwicklung und polarisiert seit ihrer Grundsteinlegung vor zehn Jahren. Doch schlägt das Herz von Frankfurt nun tatsächlich an diesem Ort?

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Frankfurts neue Altstadt: 10 Jahre nach Baubeginn

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Es klingt widersprüchlich: neue Altstadt. Aber die Kombination aus den Gegensätzen neu und alt trifft in Frankfurt zu. Die Gebäude, die zwischen Dom und Römer stehen, sehen zwar alt aus, sind es aber nicht. Sie stehen erst seit wenigen Jahren und sollen die mittelalterliche Altstadt ersetzen, die Frankfurt im Krieg verloren hat. Als vor zehn Jahren der Grundstein zu dieser neuen Altstadt gelegt wurde, ging es auch darum, der Stadt ihr Herz zurückzugeben. Hat das funktioniert?

Stadtführer: "Zu sauber für eine Altstadt"

Der Historiker und Stadtführer Christian Setzepfand steht auf dem Hühnermarkt, der Herzkammer der neuen Altstadt, wie er sagt. Früher war hier nur Beton, das technische Rathaus belegte rund siebentausend Quadratmeter. Jetzt säumen grazile schmale Häuser den Platz, in pastelligem Blau, Gelb und Beige, Nachbauten und moderne Elemente in direkter Nachbarschaft.

Christian Setzepfand steht in der Altstadt

Vor Corona seien täglich zwischen sechs- und zehntausend Menschen in die neue Altstadt gekommen. Viele von ihnen hat Setzepfand durch die schmalen Gassen und Hinterhöfe geführt. Dass es die neue Altstadt in dieser Form überhaupt gibt, ist für viele Gäste die eigentliche Attraktion.

Aber für den Stadtführer lebt das, was als neues Herz der Stadt gedacht war, noch nicht so richtig. In der neuen Altstadt fehlten sichtbare Zeichen von Leben, es sei dort "einfach zu sauber". Nach seinem Geschmack dürfte auch mal Wäsche aus dem Fenster hängen oder ein Blumentopf quer stehen. "Aber man will das hier sehr schön haben. Und das finde ich nicht altstadttypisch."

Wirt: "Ohne Corona hätte die Altstadt das Herz Frankfurts werden können."

Die Gestaltungssatzung des Magistrats regelt genau, wie die neue Altstadt auszusehen hat: Tische und Stühle vor Restaurants und Kneipen haben abgegrenzte Bereiche, Schirme müssen eine einheitliche Farbe haben, mobile Zelte oder Wärmestrahler etwa sind ganz verboten.

Das macht die Lage für Wirte wie Hans-Peter Zarges noch schwerer, als sie ohnehin ist. Momentan säßen viele Leute eben gerne an der frischen Luft, sagt der Chef vom Wirtshaus am Hühnermarkt. Und weil drinnen gerade so wenig los sei, öffne er sein Restaurant nur am Wochenende. Die Altstadt hätte das Herz von Frankfurt werden können, sagt Zarges, wenn Corona nicht dazwischengefunkt hätte.

Wirt Hans-Peter Zarges vor dem Eingang zum Wirtshaus "Am Hühnermarkt"

Damit es nach Corona wieder aufwärts geht, müsse sich etwas ändern. Zum einen wünscht sich Zarges weniger Auflagen und zum anderen sollte das Angebot besser zu den Bedürfnissen des Publikums passen. Er denke dabei an noch mehr Gastronomie und Geschäfte, die lokale Produkte anbieten. Das Herz von Frankfurt brauche nach Corona eine Reanimation, beispielsweise mit besonderen Veranstaltungen.

Kunstvereinsdirektorin: "Wie ein schicker, neuer Hut"

Direktorin Kunstverein, Franziska Nori

Ein reichhaltiges Kulturangebot hat die neue Altstadt mit der Kunsthalle Schirn, dem Kunstverein, dem Struwwelpeter- oder dem Stoltzemuseum zu bieten. Das Gebäude des Kunstvereins aus den 1950er-Jahren ist das älteste Haus in der neuen Altstadt.

Direktorin Franziska Nori hat jahrelang für einen zweiten Eingang gekämpft, mit dem sich der Kunstverein hin zur neu gebauten Altstadt öffnen kann. Viele Besucher kämen in das Foyer des Kunstvereins, um sich eine Schautafel anzusehen, die zeigt, wie sich das Areal verändert hat. Ob der Eingang auch mehr Publikum in die Ausstellungen locke, sei für den Kunstverein aber nicht messbar.

Dennoch sieht Franziska Nori die neue Umgebung positiv. Die Altstadt ziehe viele Leute an und unterstreiche, dass Frankfurt "eine Stadt des ständigen Sich-Neuerfindens ist". Die neue Altstadt bringe eine neue Qualität in die Stadt, "wie ein neuer schicker Hut. Etwas, das dazu gekommen ist und das uns gut steht."

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Was steckt eigentlich hinter der Sehnsucht von rekonstruierten Fachwerkhäusern im Zentrum einer modernen Stadt? Einsichten und Ansichten zum "Herz der Stadt voller Widersprüche" hören Sie in unserem Podcast.

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Das Herz der Stadt voller Widersprüche - Frankfurts Neue Altstadt

Altstadt Frankfurt
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50 Kommentare

  • Die Neue Altstadt ist eine sehr gelungene Aufwertung für die Innenstadt. Besonders die Kleinteiligkeit und die neue Durchwegungs-Möglichkeiten gefallen mir gut. Auch die Gastronomie (Weinbar,Metzger, Café am Hühnermarkt) halte ich für Bereicherungen.

    Wie das Video zeigt, sind es vor allem Frankfurter und Besucher aus dem Rhein Main Gebiet, die das Quartier besuchen. Fast 3 Millionen Besucher jährlich vor Corona sprechen eine deutliche Sprache. Die leerstehenden Flächen sollten in der Tat für weitere Gastronomie verwendet werden. Eine öffentliche Toilette wäre ebenso wünschenswert.

  • Wir wohnen bei Dieburg, Südhessen und was liegt näher, mal nach Frankfurt zu sehen...schon mehrfach. Nicht einzukaufen, sondern uns selbst zu überzeugen, wie die "Neue Altstadt"geworden ist.
    Toll, so meinen meine Frau, Freunde und Bekannte...
    Machen Sie weiter so, da fühlen wir uns wohl.

  • Hinter einer populären Sehnsucht nach dekorierten Fassaden, Giebeln und Türmchen steht der Wunsch nach guten Proportionen, Detailreichtum in den Fassaden, dem menschlichen Maßstab (Le Corbusier) und nach Kleinteiligkeit. Aber der Stein gewordene Retrotrend, ist und bleibt eine Sackgasse. Retro ist der populistische Versuch, so zu tun, als würde man einen Mangel beseitigen, ohne dies wirklich zu tun. Retro ist z. Zt. populär und besonders werbewirksam, wie es die Besucherzahlen vor Corona zeigen. Aber wer will schon auf Dauer in Omas alten Kleidern herumlaufen? Tradition ist die Weitergabe des Feuers, nicht die Anbetung der Asche. sagte schon Gustav Mahler und der damalige Vorsitzende des Bundes Deutscher Architekten BDA Hessen, Herr Schumacher.
    Andere gelungene Beispiele einer Neubebauung wie in Hamburg durch die Elbphilharmonie oder der Hafen City zeigen, dass auch diese ein Publikumsmagnet sind, ohne sich dem "Retrotrend" und dem angeblichen "guten Geschmack" anzubiedern.

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