Andreas Wölfel und Dieter Greiner in der Weinschatzkammer der Hessischen Staatsweingüter im Kloster Eberbach

Die Staatsweingüter im Kloster Eberbach beherbergen die deutschlandweit größte Sammlung alter und edler Weine. Damit nichts verdirbt, müssen die bis zu 300 Jahre alten Weine alle 30 Jahre umgekorkt werden. Wir durften ausnahmsweise zugucken.

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Andreas Wölfel und Dieter Greiner in der Weinschatzkammer der Hessischen Staatsweingüter im Kloster Eberbach
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Langsam und vorsichtig zieht Dieter Greiner den Korken aus einer Flasche Riesling Spätlese, Jahrgang 1983. Das sei immer ein kritischer Moment, sagt der Geschäftsführer der Hessischen Staatsweingüter im Kloster Eberbach in Eltville (Rheingau-Taunus), denn nach 30 Jahren Lagerung seien die meisten Korken feucht und könnten brechen. In diesem Fall geht aber alles glatt.

Greiner zieht den Korken heraus, für den es nach Ansicht des Fachmanns allerdings höchste Zeit ist, ausgewechselt zu werden - eben weil er feucht ist. Alle 30 Jahre passiert das mit den im Keller des weltberühmten Klosters lagernden Flaschen, damit der teils sehr wertvolle Wein darin nicht durch Oxidation verdirbt oder durch Verdunstung verschwindet. An diesem Tag Ende November ist eben die 1983er Riesling Spätlese dran. Deshalb sind Greiner und der Küfer Andreas Wölfel in die Schatzkammer der Staatsweingüter gekommen. Wölfel ist für die Schatzkammer verantwortlich.

Andreas Wölfel und Dieter Greiner in der Weinschatzkammer der Hessischen Staatsweingüter im Kloster Eberbach

Konzentriert und fast andächtig probieren Greiner und Wölfel den goldgelben Wein. "1983 ist nicht unbedingt bekannt als großes Weinjahr, weil es viel geregnet hat", berichtet Greiner: "Aber dieser ist beglückend: goldgelbe Farbe, leichter Restzucker, leichte Firnis, fast holunderblütenartig." Ja, die 66 vorrätigen Flaschen dieses Jahrgangs dürfen bleiben, sie umzukorken lohne sich, finden die beiden Experten. "Das ist ein schatzkammerwürdiger Wein, an dem sich auch noch zukünftige Generationen erfreuen werden", urteilt Greiner.

Der älteste Wein stammt aus dem Jahr 1706

Mehrere zehntausend Flaschen lagern in der Weinschatzkammer des Klosters Eberbach, die nach Angaben der Staatsweingüter deutschlandweit einzigartig ist. Die genaue Anzahl der Flaschen verrät Greiner nicht, wohl aber, dass der älteste hier aufbewahrte Wein aus dem Jahr 1706 stammt. Drei Flaschen gibt es davon. "Wir pflegen hier einen Generationenvertrag. Das Kloster ist über 900 Jahre alt, der älteste Wein über 300. Das ist eine einzigartige Weinhistorie, die es zu bewahren gilt", sagt Greiner.

hessenschau

Für die Staatsweingüter sind die Flaschen in der Schatzkammer ein Kulturgut. Zwar sind sie der Öffentlichkeit nicht zugänglich, aber Staatsgästen wird schon mal einer der edlen Tropfen serviert. Und jedes Jahr im März kommen etliche Flaschen aus der gut gehüteten Sammlung auf einer Auktion zum verkauf - für jedermann mit entsprechenden Mitteln. Der 1983er Riesling kostet pro Flasche um die 80 Euro, in der Schatzkammer lagern aber auch Weine zum Stückpreis von über 10.000 Euro.

Selten kommt ein Staatsgast zur Verkostung

Die Schatzkammer ist ein altes Kellergewölbe im Zisterzienserkloster Eberbach. Schwarzer Schimmelpilz in großen Lappen und jede Menge Spinnweben hängen an der Decke. Für die Öffentlichkeit ist die Schatzkammer nicht zugänglich. An den Wänden stehen bis unter die Decke Regale voll mit alten, kostbaren Weinen - und die vertragen nicht viel mehr als zwölf Grad Celsius.

Ein paar Kerzen erleuchten das Gewölbe, wenn in seltenen Ausnahmen einmal Staatsgäste zur Weinprobe hier bewirtet werden. Der letzte, der hier war, so erinnert sich Geschäftsführer Dieter Greiner, war Jose Manuel Barroso. Der Portugiese war bis 2014 Präsident der EU-Kommission.

Zu jeder Flasche gibt es eine Geschichte zu erzählen. Zum Beispiel diese: "Einer der wertvollsten Rotweine, die wir hier haben, ist ein Assmannshäuser aus dem Jahr 1917", sagt Greiner und klettert auf einer Leiter zur obersten Etage eines Regals: "Es ist das Geburtsjahr von John F. Kennedy, und der hat eine Flasche geschenkt bekommen, als er damals in Deutschland war. Auf Auktionen haben Flaschen dieses Jahrgangs schon 10.000 Euro erzielt."

Eine Flasche pro Charge wird beim Umkorken geopfert

Damit dieser Schatz erhalten bleibt, muss er alle 30 Jahre in Handarbeit und mithilfe von Kork- und Spülmaschinen sorgfältig umgekorkt und gepflegt werden. So wie jene 66 Flaschen des 1983er Rieslings, die Andreas Wölfel einzeln mit einem Tuch von Staub und Spinnweben befreit. Von jeder Flasche probiert er, um zu sehen, ob der Wein noch gut ist. So köstlich der Rebensaft auch ist, Schatzkammermanager Wölfel spuckt jeden Schluck in ein Becken neben seinem Arbeitstisch. "Sonst laufe ich hier nach Feierabend in Schlangenlinien raus", sagt er.

Andreas Wölfel mit der automatischen Spül- und Korkanlage in der Weinschatzkammer der Hessischen Staatsweingüter im Kloster Eberbach

Beim Umkorken muss Wölfel eine Flasche pro Charge opfern, um die etwa 20 Milliliter aufzufüllen, die durchs Verdunsten und Probieren pro Flasche verschwinden. Die fehlende Menge füllt Wölfel vorsichtig mit einer Pipette auf. Dann setzt er jeder Flasche noch ein paar Tropfen Schwefel (Sulfit) als Oxidationsschutz zu, schließlich verkorkt und versiegelt er die Flasche neu.

Etwa eine Woche braucht der Weinbautechniker für die 66 Flaschen des 1983er Rieslings, dann kommen sie zurück in die Schatzkammer, wo sie für weitere 30 Jahre ruhen dürfen. Als Teil eines kulturhistorisch einmaligen Weinarchivs.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 02.12.2019, 19.30 Uhr