Audio

Audioseite "Willingen kämpft um seine Gäste - und das merkt man leider"

Auf einem Klodeckel steht ein Glas Bier

Was hat der Satiriker "El Hotzo" mit der hessischen Kleinstadt Willingen zu tun? Eigentlich nichts. Aber sein Freund, der Fotograf Max Sand lockte ihn in den kleinen Tourismusort im Sauerland. Das Ergebnis: ein kommentierter Bildband über das Leben in der Provinz.

Ein Foto von einer Freibadrutsche, drumherum liegen Steinhaufen, ein Bagger ist zugange. Auf einem anderen Bild ist ein matschiger Hügel zu sehen mit spärlicher Schneedecke - trotzdem stehen am Skilift die Menschen Schlange. Was doch Freizeit-Spaß sein soll, wirkt in den Bildern des Fotografen Max Sand eher trist. Sein Blick zeigt das Dörfliche, den Tourismus, das Absurde, das typisch Deutsche in der Kleinstadt Willingen.

Begleitet wurde Sand von einem Freund, dem Satiriker Sebastian Hotz. Besser bekannt ist er in den Sozialen Medien unter seinem Pseudonym "El Hotzo". Dort erreicht er mit seinen täglichen Tweets und Posts, die bissig und gesellschaftskritisch sind, über eine Million Menschen. Mittlerweile arbeitet er unter anderem als Autor für Jan Böhmermann. 

Tourist-Info zwischen Himmel und Hölle 

Bildergalerie

Bildergalerie

zur Bildergalerie Fotos aus "Paris, London, Mailand, Willingen"

Ende der Bildergalerie

Hotz hat die Texte für den Bildband "Paris, London, Mailand, Willingen – Wandern ist nur Spazierengehen aber wütend" beigesteuert und greift dafür Motive aus Sands Fotografien auf. Neben den Fotos, die den Familientourismus in Willingen zeigen, ist dann zum Beispiel zu lesen: "Im Himmel erfährt man unendliche Freude, in der Hölle unendliche Qual - und genau in der Mitte, im schmerzenden Nichts, befindet sich ein Ort, der sich 'Tourist Information Willingen' nennt." Bitterböse ist das und durch den schonungslosen Blick von Sand wunderbar grotesk.  

Cover von "London, Paris, Mailand, Willingen"

Willingen ist nicht nur bekannt als Ziel für Outdoor- und Familien-Aktivitäten, sondern eben auch als "Ballermann des Sauerlands" verschrien. Der Ort wird regelmäßig von Partyvolk überrannt. Auch diese Szenen von Willingen hat Sand mit der Kamera eingefangen, wie zum Beispiel ein einsames Bier, das auf einer Toilette steht. Dazu schreibt Hotz weise: "Der Weg des Biers ins Klo führt durch den Mensch, doch die Natur findet Abkürzungen."

Von tagebuchartigen Einträgen, über Sentenzen bis hin zu poetischen Impressionen probiert sich Hotz aus und ist froh über die Gelegenheit, außerhalb der Kurzformen in den Sozialen Medien mit neuen Textgattungen zu experimentieren: "Max hat die Orte mit seinem Objektiv entdeckt in seiner einzigartigen Art. Das hat mich natürlich inspiriert, wenn man es so sagen will." 

Willingen?! Wieso ausgerechnet Willingen?  

Zwei junge Männer mit Basecaps albern herum

Die beiden hätten ein Faible für die "dunklen Orte Deutschlands", also die Orte, die man weniger auf dem Schirm hat, erklärt Hotz. Sand, der sein ganzes Leben in und um Nordhessen verbrachte, habe den Ort bei der Arbeit kennen gelernt. "Irgendwas hat ihn so bewegt, dass er gesagt hat: Sebastian, wir müssen da unbedingt mal hin!", erzählt Hotz. An einem sehr verregneten, sehr kalten Novembernachmittag 2019 seien sie hin gefahren. "Und haben dann wir diesen Ort im Kopfe nicht mehr verlassen", sagt Sebastian Hotz.

Dabei ist Willingen gar nicht so besonders, findet er. Diese Art von Dörflichkeit kenne man auch aus jeder anderen Kleinstadt. Das gebe es auch an der Ostsee, an den Alpen und eigentlich in jedem deutschen Mittelgebirge: "Das ist das Coole an Willingen, dass sich diese Dörflichkeit, der Tourismus auf ganz, ganz viele andere Orte übertragen lassen, die abseits vom Glamour Sylts und Garmisch-Partenkirchens liegen."

Hotz vergleicht Willingen sogar mit Mallorca. Er findet, beides seien Tourismusorte, die an einem Scheideweg stünden: Wolle man lieber für Familien- oder Sporttourismus stehen? Oder doch für das Ballermann-Gefühl? Und tatsächlich arbeitet Willingen zurzeit an einem neuen Tourismus-Konzept wie eine Pressemitteilung des Tourismusbüros erklärt. So haben Sand und Hotz – wie es "El Hotzo" so oft tut - einen wunden Punkt getroffen.  

Egal ob Berghain oder Ballermann Award

Frau mit "Bierkönig"-Shirt von hinten, daneben Tisch mit leeren Gläsern

Und auch wenn bei Hotz immer eine feine Ironie mitschwingt bei allem, was er sagt – beide wollten sich keinesfalls lustig machen: "Ob sich Menschen in Berlin im Berghain, in irgendeiner noblen Whiskeybar oder eben in Willingen auf dem Ballermann Award betrinken, ist eigentlich egal. Diese Flucht in den Rausch nach einer anstrengenden Woche ist etwas sehr Menschliches", sagt er. 

Sebastian Hotz, der selbst auch im ländlichen Raum - im oberfränkischen Forchheim - aufgewachsen ist, hat einen Bezug zu diesem Dorfleben. Er selbst ist davor geflohen und wohnt mittlerweile in Berlin. Relativ nüchtern resümiert er, dass Willingen die Maiswaffel unter den Orten sei: "Sie ist zwar irgendwie langweilig, aber man kann trotzdem nicht aufhören damit, weil es den letzten Anschein von Geschmack hat, von dem man einfach nicht loskommt."

Weitere Informationen

Das Buch

"Paris, London, Mailand, Willingen – Wandern ist nur Spazierengehen aber wütend"
starfruit publications, 256 Seiten, 25 Euro

Ende der weiteren Informationen