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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Jan Seghers: "Frankfurt ist im Vergleich zu Berlin ein Ponyhof"

Matthias Altenburg alias Jan Seghers und das Buchcover von "Der Solist"

Im neuen Roman des Frankfurter Bestsellerautors Matthias Altenburg alias Jan Seghers ermittelt ein neuer Kriminaler - und zwar überwiegend in Berlin. Im Interview verrät Seghers, warum das Frankfurter Bahnhofsviertel im Vergleich zu Berlin ein Ponyhof ist.

In seinem neuen Krimi "Der Solist" ist vieles anders, als es die Fans von Jan Seghers gewohnt sind. Vor allem gibt es einen neuen Kommissar: Neuhaus. Er ist beim BKA und sagt von sich selbst, er sei kein Teamplayer. Gleich zu Anfang des Romans bricht er in die Hauptstadt auf. Dort soll er bei der SETA aushelfen, der Sondereinheit Terrorabwehr. Berlin ist also die Kulisse, vor der der neue Krimi von Jan Seghers spielt.

hessenschau.de: Warum Berlin? Ist es Ihnen in Frankfurt zu langweilig geworden?

Jan Seghers: Nein, eigentlich nicht. Aber ich bekam von mehreren Seiten den Anstoß, lass doch mal einen Fall in Berlin spielen. Ich kannte Berlin nicht so besonders gut und bin dann mal hingefahren. Dann habe ich im Radio ein Interview gehört mit dem jüdischen Musiker Daniel Kahn. Er erzählte, dass er nun schon seit einigen Jahren in Neukölln lebt, und der Moderator sagte dazu gar nichts. Dann setzte Kahn so nach und sagte: "Verstehen Sie? Als Jude in Neukölln. In der Karl-Marx-Straße."

Da bin ich aufmerksam geworden. Ich bin immer wieder dorthin gefahren und wusste dann, dass ich da einen Schauplatz gefunden hatte, der sehr eigen ist und den man so in Frankfurt tatsächlich nicht finden würde.

hessenschau.de: Sie haben mal gesagt, dass Frankfurt groß genug sei für verschiedene Milieus, aber andererseits eben auch klein genug, dass man hier gut recherchieren kann. Sie sind durch die Stadt geradelt und haben sich die Schauplätze genau angesehen. Und so haben Sie das jetzt offenbar in Berlin auch wieder gemacht?

Jan Seghers: Ja, das ist bei mir ein bisschen vielleicht eine Berufskrankheit. Ich muss immer zuerst die Orte gesehen haben, bevor ich eine Geschichte erzählen kann. Und das war natürlich in Berlin für mich noch viel wichtiger, weil ich die Stadt einfach nicht gut genug kannte. Ich musste mir sozusagen alles erlaufen oder erfahren. Und ja, das war auch erfrischend für mich, einfach neue Orte zu sehen.

hessenschau.de: Der Zufall hat Kommissar Neuhaus also nach Neukölln geführt, ins Heimatkiez seiner neuen Kollegin Grabowski. Sie ist dort aufgewachsen mit ihrer Familie, die aus der Türkei stammt. Der Döner ist dort jetzt vegan, es gibt Soja-Latte statt Änderungsschneiderei und Gemüseladen. Hat Ihnen Berlin die besseren Klischees und die stärkeren Gegensätze geboten?

Jan Seghers: Ich weiß nicht, ob es Klischees sind. Ich lernte gleich jemanden kennen, der mir gesagt hat, er ist aus seiner Wohnung rausgeflogen und sucht eine neue Wohnung, die bezahlbar ist. Und das sind nicht wirklich Klischees. Ich habe mir sozusagen Neukölln zu meinem neuen Frankfurt gemacht für den Roman.

Weitere Informationen

Jan Seghers: Der Solist

240 Seiten, erschienen bei Rowohlt, 20 Euro.

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Dort stoßen die Gegensätze tatsächlich sehr stark aufeinander. Da hat man Straßenzüge, wo ein arabischer und türkischer Laden neben dem anderen ist. Das sind Shisha-Bars, das sind Frisöre. Da sind Kebab-Läden und eine türkisch-arabische Hochzeitskolonne nach der anderen rast durch die Straßen.

Und dann hat man zum Tempelhofer Feld hin die Altbauviertel, die langsam so aufgeschickt werden und wo tatsächlich ein "veganes Kalifat" herrscht.

hessenschau.de: Vergleichen wir doch mal: Lieber Neukölln oder Frankfurter Bahnhofsviertel?

Jan Seghers: Also, Neukölln würde man in Frankfurt wohl auf der Münchener Straße am ehesten finden. In Neukölln hat man drei riesige Straßenzüge, wo eben ein solches Milieu herrscht. Das ist schon noch mal sehr viel dampfender.

hessenschau.de: Lieber Tempelhofer Feld oder Flugplatz Bonames?

Abendstimmung mit Besuchern auf dem Tempelhofer Feld in Berlin-Neukölln

Jan Seghers: Oh, den Flugplatz Bonames mag ich schon sehr, muss ich sagen. Ich mag vor allen Dingen den Altarm der Nidda, da ist es schon wahnsinnig schön. Und ist was ganz anderes als das Tempelhofer Feld.

Das war für mich natürlich eine Entdeckung, auch weil ich dort dieses Gebäude entdeckt habe, ein flacher, langgestreckter Bau, der dem ehemaligen Wetterdienst der Flugsicherung gedient hat. Dort habe ich im Roman meine Sondereinheit Terrorabwehr untergebracht.

hessenschau.de: Noch ein Gegensatz: Lieber Genezarethkirche oder Liebfrauenkirche?

Jan Seghers: Sie bringen mich ins Schwitzen. Also die Genezareth-Kirche, die liegt einfach sehr schön auf so einem runden Platz. Und die war für mich ideal in diesem Fall.

Außerdem ist das ist ja auch kein Herzensbekenntnis des Autors, wenn er einen Schauplatz außerhalb von Frankfurt wählt.

hessenschau.de: An einer Stelle fragt Kommissar Neuhaus seine Kollegin, ob in Berlin die Geschichte näher sei als anderswo. Und sie antwortet: "Hier siehst du in vielen Mauern noch die Einschusslöcher, und man meint, das Knallen der Stiefel auf dem Pflaster zu hören." Erleben Sie das so, wenn Sie in Berlin sind, dass die Geschichte näher ist als in Frankfurt?

Jan Seghers: Ja, die Geschichte rückt einem in Berlin sehr viel stärker auf die Pelle, obwohl sich so wahnsinnig viel geändert hat in den letzten 20 Jahren. Dort hat man doch immer das Gefühl, dass man dort auch ein Aufmarschgebiet sieht und an jeder Ecke hat man das Gefühl: Dort ist wieder jemand verhaftet worden, dort ist wieder jemand erschossen worden. Das spürt man in Berlin sehr viel stärker als im viel bürgerlich und kleinbürgerlich geprägten Frankfurt.

hessenschau.de: Aber wenn es um die Historie geht, hat Frankfurt ja schon auch einiges zu bieten. Also, was hat Berlin, was Frankfurt nicht hat?

Jan Seghers: Berlin wirkt schon historisch brutaler, finde ich. In Frankfurt atmet man anders. Hier atmet man eine andere Geschichte, eher eine positiv besetzte Geschichte als in Berlin.

hessenschau.de: Kommissar Neuhaus bekommt auch gleich bei seiner Ankunft in Berlin vom Chef der Abteilung einen Eindruck, was ihn erwartet: "In Berlin muss man hart und schnell sein, hier sind die ganz bösen Buben unterwegs. Dagegen ist Wiesbaden ein Bällchenbad, und selbst das Frankfurter Bahnhofsviertel ein Ponyhof." Ist das so?

Jan Seghers: Also, als ich den ersten Tag in Berlin war, saß ich auf der Karl-Marx-Straße in einem Asia-Imbiss. Neben mir am Tisch saßen drei muskulär sehr bepackte Männer. Und dann fragte einer von denen den Wirt: "Was ist eigentlich mit meinem Geld?" Das war ein kleiner Asiate, dieser Wirt. Und dann wurde der nervös und sagte: "Aber ich habe es doch dem schon gegeben", und zeigte auf einen der anderen Gäste. Und dann packte der diesen anderen an der Gurgel und sagte: "Du kassierst ja ab, wenn ich im Knast bin."

Razzia gegen Straßenkriminalität im Frankfurter Bahnhofsviertel Anfang Januar

Und also das war sofort eine Situation, wo ich dachte, das passiert einem in Frankfurt nicht so leicht. Offensichtlich ging es um eine Schutzgelderpressung und das war schon ein ziemlich gruseliges Erlebnis. Und ich geriet natürlich prompt in eine Razzia rein, wo Shisha-Bars hochgenommen wurden und solche Geschichten.

hessenschau.de: Das sind dann die Momente, wo Sie sich dann doch wieder nach Frankfurt zurückgesehnt haben?

Jan Seghers: Als Autor ist man natürlich gut dabei, weil man da mittendrin ist. Als Person weniger.

Das Gespräch führte Juliane Orth.

Sendung: hr-info, 26.01.2021, 15.30 Uhr