Neubau des Jüdischen Museums

Nach fünf Jahren Bauzeit ist es bald soweit: Am 21. Oktober öffnet das Jüdische Museum Frankfurt wieder. Besucher erwartet ein spektakulär gelungener Neubau.

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hessenschau kompakt vom 17.09.2020 um 16:45 Uhr Thumbnail
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Hell, einladend, wie zwei geöffnete Arme begrüßen die beiden Gebäude des Jüdischen Museums jetzt ihre Gäste. Rechts das historische, das renovierte Rothschildpalais und links das moderne, der "Lichtbau", wie ihn das Museum liebevoll nennt. Zusammen kommen die beiden Gebäude in der Mitte über ein helles Treppenhaus. "Diese Verbindung von Alt und Neu ist unser Leitmotiv", erklärt Museumsdirektorin Mirjam Wenzel, eine Verbindung von Geschichte und Gegenwart der Juden in Frankfurt.

Verbinden, zusammenführen - das ist auch das Leitmotiv einer elf Meter hohen Skulptur zwischen den beiden Gebäuden. Der israelische Künstler Ariel Schlesinger hat sie eigens für das Museum angefertigt: Zwei in Aluminium gegossene Bäume, deren Krone verbunden ist, wobei der eine Baum in den Himmel, der andere in die Erde ragt.

"Es ist ein Symbol für die Entwurzelung mit der forcierten jüdischen Emigration zur Zeit des Nationalsozialismus", erklärt Wenzel. "Sie ist verbunden mit der Frage, wie weit eine Verwurzelung wieder möglich ist."

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Gelungenes Konzept der "geschützten Offenheit"

Diskutiert werden kann diese Frage im Lichtbau, für den der ausführende Architekt Volker Staab den Begriff der "geschützten Offenheit" geprägt hat, sagt Wenzel. Ein Konzept, das absolut gelungen ist: Von außen wirkt der Bau wie ein Block, im Inneren liegen Foyer, Treppenhäuser und Säle aber um einen hohen Lichthof herum. Durch fast überdimensional wirkende Fenster hat der Besucher das Gefühl, mitten in der Stadt zu sein. Weißer Beton im Treppenhaus vermittelt Ruhe. Dort, wo sich Besucher länger aufhalten, strahlt Eschenholz Wärme aus.

Neubau des Jüdischen Museums

Einer dieser offenen Räume im Neubau soll die Bibliothek werden, "unser Herzstück", wie Wenzel betont. Die Bibliothek sei für jeden ohne Eintritt zugänglich, konzentriere sich aber auf Kinder- und Jugendliteratur. "Wir stellen uns vor, dass das hier ein Ort ist, in dem nachmittags nach der Schule Eltern mit ihren Kindern kommen und lesen", sagt Wenzel.

Außerdem soll es Workshops und Lesungen geben, "es soll quirlig und lebendig werden", wünscht sich die Direktorin. Für digitale Medien sei natürlich auch gesorgt, fügt sie mit einem Augenzwinkern an.

Schließfächer mit prominenten Namen

Ein weiteres Herzstück ist das Untergeschoss, in dem jetzt ausreichend Raum für Wechselausstellungen und das Vermittlungsprogramm geschaffen wurde. Die erste Sonderausstellung, "Die weiblichen Seite Gottes", ist ab dem 23. Oktober zugänglich.

Beim Gang durch das Museum lohnt sich auch ein Blick auf die Details: So sind die Garderobenschränke beispielsweise nicht mit Nummern, sondern mit den Namen prominenter Jüdinnen und Juden des 19. und 20. Jahrhunderts versehen. Beim Einwurf des obligatorischen Euros kann man sich über deren Biografien informieren.

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"Die jüdische Geschichte Frankfurts ist so reichhaltig, es gibt so viele prägende Persönlichkeiten, die wir gerne würdigen würden, aber wir konnten leider nicht alle in der Ausstellung unterbringen", erklärt Wenzel. "So haben wir eine Form gefunden, sie unseren Besucherinnen und Besuchern näher zu bringen."

"Jüdischsein ist mehr als die Shoah"

Die Geschichte der Frankfurter Jüdinnen und Juden von der Aufklärung und Emanzipation bis zur Gegenwart erzählt die neu konzipierte Dauerausstellung im Rothschildpalais, auf der anderen Museumsseite. Los geht es in der Gegenwart: An multimedialen Stationen können Besucher erfahren, was jüdisches Leben in Frankfurt derzeit ausmacht.

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"Uns ist wichtig zu zeigen, dass Jüdisch-Sein viel mehr ist als nur die Shoah", erklärt die zuständige Kuratorin Sara Soussan. "Deswegen beginnen wir die Ausstellung bewusst in der Gegenwart." Und die zeige: Jüdisches Leben ist bunt, steht für Vielfalt.

Weitere ansprechend gestaltete Stationen thematisieren zentrale Ereignisse der vergangenen 200 Jahre und stellen wichtige Frankfurter Familien und Persönlichkeiten vor - Bertha Pappenheim etwa, eine jüdische Frauenrechtlerin, die dem Vorplatz des neuen Museums ihren Namen gegeben hat, die Familie Frank natürlich und nicht zuletzt die Familie Rothschild.

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Antisemitismus, aus jüdischer Perspektive

Doch auch das Thema Antisemitismus und die Shoah finden ihren Platz auf den drei Etagen des sanierten Palais, "beleuchtet aus jüdischer Perspektive", betont Mirjam Wenzel. Zu sehen sind zum Beispiel jüdische Formen der Gegenaufklärung, "Antisemitismusforschung, wie sie im 19. Jahrhundert entstanden ist", sagt Wenzel.

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Ganz wichtig sei bei alldem gewesen, den ursprünglichen Wohnhaus-Charakter des Rothschildpalais wieder herauszuarbeiten, unterstreicht Wenzel: "Das Haus erzählt mit seiner gesamten Geschichte, was wir mit der Dauerausstellung auch erzählen - die jüdische Geschichte vom Jahr 1820 bis in die Gegenwart."

Weitere Informationen

Eigentlich sollte es schon im Sommer 2019 eröffnen, doch nach einigen Verzögerungen und insgesamt fünf Jahren Bauzeit ist es soweit: Am 21. Oktober begrüßt das Jüdische Museum Frankfurt wieder Besucher. Dann bietet das Museum über 2.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Das Programm rund um die Wiedereröffnung läuft - unter Corona-Bedingungen - schon seit August.

Das Jüdische Museum Frankfurt ist das älteste Museum seiner Art in Deutschland. Es war das erste nach der Shoah in Deutschland errichtete jüdische Museum und wurde am 9. November 1988 im Rothschild-Palais eröffnet. 2015 beschloss die Stadt Frankfurt einen Erweiterungsbau. Die Bauarbeiten begannen im Winter desselben Jahres. Die Eröffnung hatte sich unter anderem aufgrund von Komplikationen bei den Restaurierungsmaßnahmen verzögert. Insgesamt haben die Maßnahmen rund 52 Millionen Euro gekostet, getragen von der Stadt Frankfurt, dem Land Hessen und privaten Spendern.

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Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 17.09.2020, 19.30 Uhr