Autorin und Grafikerin Antje Damm beleuchtet mit Taschenlampe ihr Pappmodell-Motiv für das Buch "Der Besuch"
Autorin und Grafikerin Antje Damm beleuchtet mit Taschenlampe ihr Pappmodell-Motiv für das Buch "Der Besuch". Bild © BuchMarkt, Moritz Verlag Frankfurt F/M.

Die New York Times zeichnet jedes Jahr die zehn besten Bilderbücher aus aller Welt aus. In diesem Jahr ist auch ein Buch aus Hessen dabei. Illustratorin Antje Damm erklärt im Interview, wie das Buch entstand und warum es nicht nur für Kinder ist.

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Mit dem Bilderbuch "Der Besuch" hat die Kinderbuchillustratorin Antje Damm aus Fernwald (Gießen) einen echten Treffer gelandet: Die englische Auflage des Bilderbuches schaffte es bei der New York Times auf die Liste der besten zehn Bilderbücher des Jahres 2018. Die amerikanische Tageszeitung lobte unter anderem die "Explosion von Farbe und Licht" und die ausgefallenen Illustrationen.

Antje Damm baute für das Buch in dreimonatiger Arbeit Räume aus Kartonelementen nach, setzte darin ausgeschnittene Figuren in Szene und fotografierte sie. Die Geschichte: Der Besuch eines Kindes verändert das Leben einer ängstlichen, einsamen Frau - ihr tristes Leben wird wieder bunt. Was die größte Herausforderung an den Illustrationen war, warum das Kinderbuch auch für Erwachsene geeignet ist und wie die Idee dazu bei einem Bäckereibesuch entstand, erzählt Antje Damm im Interview.

hessenschau.de: Sie haben schon mehrere Auszeichnungen für Ihre Bücher bekommen. Was bedeutet der Preis der New York Times für Sie?

Damm: Es war schon eine große Überraschung. Das Buch war in Amerika gerade neu erschienen, ich habe mich total gefreut. Das Buch hat hier auch schon ein paar kleine Preise bekommen, aber das hier ist schon eine besondere Auszeichnung. Vor allem, weil sie mit einer Reise nach New York verbunden war. Sie wählen aus über 1.000 internationalen Büchern zehn aus - die Wahrscheinlichkeit den Preis zu bekommen, ist also nicht so groß. Das war schon schön.

hessenschau.de: Wie muss man sich die Preisverleihung vorstellen?

Damm: Es war bombastisch. Die Preisverleihung war in der New York Public Library, einem wunderschönen, großen, alten Bau an der 5th Avenue, das war schon sehr beeindruckend. Wir waren zum Lunch eingeladen, wo die Preise verliehen wurden. Das Einzige was für mich etwas stressig war, war dass man auf Englisch eine kleine Dankesrede halten sollte. Dabei ist mein Englisch so grottenschlecht. Aber als das vorbei war, konnte ich es genießen. Es war schön.

hessenschau.de: Dabei sind Sie eher zufällig zum Schreiben und Illustrieren von Kinderbüchern gekommen.

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Damm: Eigentlich bin ich Architektin und habe auch lange und gern in dem Job gearbeitet. Ich bin dann durch Zufall da reingerutscht, als ich Kinder bekommen habe und streckenweise zu Hause war. Als Beschäftigungstherapie habe ich angefangen, Bilderbücher zu zeichnen. Aber nicht, um sie zu veröffentlichen. Zufällig lernte ich in der Krabbelgruppe eine Frau kennen, die für einen Verlag in München gearbeitet hat – sie hat mich darin bestärkt, die Bücher zu verschicken.

Irgendwann habe ich das gemacht und bekam nach einigen Absagen auch eine Zusage eines kleinen Züricher Verlags. So habe ich mein erstes Buch veröffentlicht. Inzwischen sind es um die 30. Es macht auch einfach Spaß, einen Beruf zu haben, in dem man die Perspektive der Kinder einnehmen darf und muss.

hessenschau.de: Wie kam es zu der Idee von "Der Besuch"?

Damm: Da gab es tatsächlich einen Auslöser. Wir waren in einer Bäckerei, es war voll, die Leute mussten warten und hatten schlechte Laune, die Stimmung war etwas grummelig. Wir wollten sechs Kuchenstücke kaufen, für die ganze Familie. Meine Kinder fingen an lautstark zu diskutieren, welches Stück für wen am besten geeignet sein könnte. Zum Beispiel, dass die Torte nichts für den Papa ist, weil sie in seinem Bart hängen bleibt. Es war lustig, und auf einmal wurden die Leute in der Bäckerei auch viel gelöster.

Draußen hat mich dann ein älterer Mann darauf angesprochen, wie Kinder doch die Stimmung verändern können. Das war die Idee für "Der Besuch". Ich wollte die Geschichte in einem tristen, grauen Raum spielen lassen, der sich mit der Geschichte verändert.

hessenschau.de: Haben Sie auch schon mal eine Pappkulisse versaut?

Damm (lacht): Nein, es gibt ja erst drei Bücher von mir in dieser Technik. Das Gute ist, man kann die Dinge auch immer wieder abrupfen und woanders hinpappen. Das Bild ist nie fertig, man kann Dinge herumschieben - es ist ein bisschen wie Spielen. Ich kann auch während des Bauens meine Geschichte verändern, das ist eine sehr flexible Art des Illustrierens. Ich setze mich nicht hin und schreibe eine Geschichte, sondern habe eine Grundidee, die sich mit den Protagonisten während des Bauens entwickelt.

hessenschau.de: Für das Buch haben Sie fast drei Monate gebraucht. Was war dabei die größte Herausforderung?

Damm: Das Bauen und mir die Geschichte ausdenken, das kann ich ja. Aber der Haken an der Sache war das Fotografieren. Ich habe viel mit Licht gearbeitet und brauchte Leute, die mir das Licht gehalten haben, um dann zu fotografieren. Und ich kann nicht wirklich fotografieren. Der technische Bereich war schon knackig.

hessenschau.de: Richtet sich das Buch auch an Erwachsene?

Damm: Ich mache die Bilderbücher für Kinder. Aber wenn ein Erwachsener keine Freude daran hat und darin nichts für sich entdecken kann, ist es auch kein gutes Kinderbuch.

hessenschau.de: Arbeiten Sie schon an einem neuen Projekt?

Damm: Im Frühling erscheint ein Pappbilderbuch für ganz kleine Kinder, es geht um einen sehr hungrigen Wolf, der all seine Spielsachen auffrisst und eine Fliege, die als einzige übrig bleibt. Dann entsteht gerade ein Comic, und auf dem Schreibtisch liegt noch ein Spiel, an dem ich arbeite. Ich mache sehr unterschiedliche Sachen, die mir gerade Spaß machen. Eigentlich bin ich nicht auf einen bestimmten Stil festgelegt.

hessenschau.de: Wie gefallen eigentlich Ihren Kindern Ihre Bücher?

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Infos zum Buch

"Der Besuch", Autor und Illustrator: Antje Damm, Moritz Verlag, ISBN-10: 3895652954, ISBN-13: 978-3895652950, 36 Seiten, 12,95 Euro, vom Hersteller empfohlenes Alter: 4 - 6 Jahre

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Damm: Sie sind sehr interessiert und im Großen und Ganzen finden sie sie gut. Aber manchmal kommt auch Kritik, die nehme ich dann auch ernst. Es ist lustig, was ihnen auffällt, manchmal geht es da um ganz banale Dinge. Einmal habe ich einen Fisch im Wasser mit geschlossenen Augen gezeichnet. Da haben die Kinder gesagt, das stimmt nicht, ein Fisch kann die Augen gar nicht schließen. Da habe ich gedacht, oh Gott, sie haben Recht.

Das Gespräch führten Anikke Fischer und Katharina Schol